Kommentar über die große Geste Willy Brandts

Ein Kniefall schreibt Geschichte

Vor 50 Jahren kniete Bundeskanzler Willy Brandt am Getto-Mahnmal in Warschau. Ein bemerkenswerter Symbolakt eines bemerkenswerten Politikers, meint Norbert Holst.
07.12.2020, 05:00
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Ein Kniefall schreibt Geschichte
Von Norbert Holst

Warschau, 7. Dezember 1970, am Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Getto. Willy Brandt legt einen Kranz an der Gedenkstätte nieder. Er zupft die Schleife zurecht, tritt ein paar Schritte zurück. Plötzlich passiert es: Der Bundeskanzler lässt sich auf die Knie fallen, den Kopf gesenkt, die Hände übereinandergelegt. Er bleibt 30 Sekunden in dieser Pose, die an eine Buße erinnert.

Es war nur eine Geste, nicht mehr. Aber sie sollte eine ungeheure Wirkung haben. Das Foto des knienden SPD-Politikers geht um die Welt, es schreibt Geschichte. Der festgehaltene Moment ist ein Symbol für Demut und Respekt vor den Opfern der Nazi-Barbarei, aber noch mehr für ein Ende der Spannungen zwischen Westdeutschland und den Ostblockstaaten. Ein Aufbruch in eine neue Zeit: „Wandel durch Annäherung“, wie es Brandts Vordenker in Sachen Ostpolitik, Kanzleramts-Staatssekretär Egon Bahr, formuliert hatte.

Ganz klar: Aus heutiger Sicht war die Ostpolitik der damaligen linksliberalen Koalition richtig – und vielleicht sogar ohne Alternative. Das sahen viele Menschen in Deutschland in den 1960er- und 1970er-Jahren anders. Der Kalte Krieg zeigte Wirkung. Manche sahen im Warschauer Vertrag, den Brandt während des Besuchs in Warschau unterzeichnete, eine Schande, eine Kapitulation, ein Ausverkauf der Heimat. Denn mit dem Vertrag erkannte die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Linie als Grenze zu Polen an. Andere bewerteten den Vertrag als strategischen Fehler: Ohne große Not und greifbare Gegenleistungen werde ein ohnehin mächtiger Gegner aufgebaut. Böse Verleumdungen wie „Vaterlandsverräter“ oder „Verzichtspolitiker“ waren damals oft zu hören.

Die deutsche Ostpolitik war aber vielmehr eine Sache der politischen Vernunft. Sie sollte Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf beiden Seiten aufbauen, in kleinen Schritten eine ähnliche Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg unmöglich machen. Dazu gehörte auch, keine Gebietsansprüche mehr zu stellen. De facto waren Ostpreußen, Pommern und Schlesien schon mit dem Potsdamer Abkommen vom August 1945 verloren.

Es ging Schlag auf Schlag: 1970 die Verträge mit den Regierungen in Moskau und Warschau. Ein Jahr später folgte das Vier-Mächte-Abkommen. Im Dezember 1972 wurde der Grundlagenvertrag mit der DDR geschlossen, mit dem die Bundesrepublik den anderen deutschen Staat anerkannte. 1973 wurde das Verhältnis zur Tschechoslowakei vertraglich auf ein neues Fundament gestellt.

Brandt und Bahr verfolgten die Entspannungspolitik mit einer Konsequenz, die man sich in der heutigen Politik öfter wünschen würde. Sie trotzten dem weitverbreiteten Zweifel in Teilen der Bevölkerung genauso wie den medialen Feldzügen etwa der „Bild“-Zeitung und der damals auflagestarken Illustrierten „Quick“.

Für seinen politischen Weitblick, für seine visionäre Außenpolitik, aber nicht zuletzt für sein Verhalten am Mahnmal wurde Brandt 1970 vom „Time-Magazin“ zum „Mann des Jahres“ gewählt, ein Jahr später bekam er den Friedensnobelpreis. Der Kanzler stand für eine neue Glaubwürdigkeit, die im Ausland auf Deutschland übertragen wurde. So berichten Augenzeugen, beim Besuch in Warschau sei es zunächst sehr frostig zugegangen. Nach dem Kniefall sollte sich das schnell ändern.

Deshalb ist es letztendlich auch egal, ob der Kniefall inszeniert gewesen ist. Was manche Autoren und Historiker glauben, damalige Begleiter Brandts aber überwiegend verneinen. Er selbst hat dazu einmal gesagt: „Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen.“ Am Ende wichtiger war die Wahrnehmung und Wirkung der Geste. Sie hat auch viel mit Brandts Vita zu tun, der die Nazi-Zeit im Exil verlebt hatte. Es brachte ihm Vertrauen ein, dass einer, „der das nicht nötig hatte“, für alle diejenigen kniete, „die es nötig haben, aber nicht knien“. So drückte es der CDU-Politiker und spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker aus. Auch darum steht der Kniefall von Warschau bis heute als ein bemerkenswertes Symbol für die Entspannungspolitik.

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