Ein Jahr nach dem Brand

Notre-Dame bringt Paris in Zeiten von Corona Hoffnung

Vor einem Jahr schockierte der Brand der berühmten Kathedrale im Herzen von Paris die Welt – doch Notre-Dame wird wieder aufgebaut. Auf der Baustelle ruhen die Arbeiten seit Beginn der Ausgangssperre.
14.04.2020, 09:12
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Birgit Holzer
Notre-Dame bringt Paris in Zeiten von Corona Hoffnung

Im April 2019 wurde die Kathedrale bei einem Brand schwer beschädigt.

Thierry Mallet/AP/dpa

Es ist ein Anblick, für den sonst Millionen Menschen um die halbe Welt reisen, und nun hat Cyril, der Sicherheitsmann, ihn fast für sich allein. Die Zwillingstürme der Pariser Kathedrale Notre-Dame ragen in den hellblauen Himmel. Würden dahinter nicht Kräne hervorragen und wüsste man nicht, dass der schmale Spitzturm fehlt – das Bauwerk sähe von vorn völlig unversehrt aus. So, als sei der Brand vor genau einem Jahr, am 15. April 2019, nie geschehen.

Lesen Sie auch

Von der Seite allerdings lassen sich dessen schwerwiegende Folgen erkennen: Der hölzerne Dachstuhl mit seinen etwa 1300 Eichenbalken war eingestürzt, das Bleidach geschmolzen, das Chorgestühl versengt. Der Blick geht auf Gerüste, die wie aus einer klaffenden Wunde in die Luft streben.

Die Baustelle von Notre-Dame, die berühmteste des Landes, steht still, seit Mitte März die Ausgangssperre angeordnet worden ist, um das Coronavirus einzudämmen. Der Vorplatz und die umliegenden Straßen sind menschenleer. Auch über Ostern blieb es hier so ruhig wie wohl noch nie in der mehr als 850 langen Geschichte der gotischen Kathedrale.

Lesen Sie auch

Nur Cyril in seiner schwarzen Arbeitskluft und mit der orangefarbenen Armbinde „Sécurité“, „Sicherheit“, dreht seine Runden. Mit ein paar Kollegen stellt er die Überwachung rund um die Uhr sicher. „Die Stunden vergehen langsam“, sagt der junge Mann. „Aber immer wieder versuchen Leute, ins Innere zu gelangen.“ In der letzten Woche sind nachts zwei angetrunkene Männer bei dem Versuch ertappt worden, Steine zu stehlen.

In den Medien war dies nur eine kleine Meldung. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, an der in Frankreich bereits mehr als 14 .000 Infizierte gestorben sind, erhält der Jahrestag des Brands von Notre-Dame wenig Aufmerksamkeit, so sehr er die Menschen auch erschüttert hat. Unabhängig von ihrer Religion oder Nationalität bangten sie in jener Nacht um die Kathedrale, als stundenlang unklar war, ob sie einstürzen würde.

Coronavirus - Frankreich

In Zeiten von Corona ein Symbol der Hoffnung: die Kathedrale Notre Dame.

Foto: Michel Euler/AP/dpa

Doch sie hielt stand. „Fluctuat nec mergitur“ – „Sie schwankt, aber sie geht nicht unter.“ Der Wahlspruch der Stadt Paris schien auch auf eines ihrer bedeutendsten Wahrzeichen zuzutreffen, die bis zu 14 Millionen Besucher pro Jahr zählte. Präsident Emmanuel Macron hatte in einer Fernsehansprache beteuert, Notre-Dame in nur fünf Jahren „noch schöner als zuvor“ wieder aufzubauen. Im Juli beschloss das Parlament ein Gesetz, das Ausnahmen beim Denkmal- und Umweltschutz vorsah, um das Vorgehen zu beschleunigen. Schon damals erhob sich auch Kritik an diesem ambitionierten Zeitplan. Heute erscheint er weniger denn je einhaltbar. Die Phase der Stabilisierung des Gebäudes ist noch längst nicht abgeschlossen. Bis zum Sommer soll ein Gerüst, das vor dem Brand für Renovierungsarbeiten aufgestellt worden war, abgebaut werden – eine heikle Aufgabe, da die 10. 000 Rohre in der Feuerglut teilweise schmolzen. Derzeit kontrollieren Industriekletterer das Bauwerk einmal pro Woche.

Lesen Sie auch

Chefarchitekt Philippe Ville­neuve hat angekündigt, so viele Originalelemente wie möglich zu verwenden, und plädierte für einen identischen Wiederaufbau des Monuments mitsamt dem zerstörten neogotischen Vierungsturm, der erst im 19. Jahrhundert angefügt worden war. Dies gehört weiter zu den ungeklärten Fragen – so wie jene, wann wieder Gottesdienste stattfinden können.

An Karfreitag hielt der Pariser Erzbischof Michel Aupetit eine Messe ab, die gefilmt wurde und bei der die sieben Teilnehmer weiße Schutzhelme trugen. Der Dornenkrone von Jesus Christus, die ein Feuerwehrmann nach dem Brand aus der Asche geborgen hatte, kam dabei eine zen­trale Rolle zu: Der Erzbischof Aupetit nannte sie ein dafür, „dass das Leben stärker ist als der Tod“.

Damit verkünde sie dem Land eine positive Botschaft: „Wir werden das überstehen.“ Sie wird in diesen Tagen ganz besonders gebraucht.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+