Bremen

Vorbilder fördern Moral

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Kürzer und drastischer, als es der Schriftsteller Bertolt Brecht (1898 bis 1956) getan hat, lässt sich sicher kaum ausdrücken, weshalb moralische Ansprüche häufig unerfüllt bleiben.
09.02.2017, 00:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Vorbilder fördern Moral
Von Jürgen Wendler

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Kürzer und drastischer, als es der Schriftsteller Bertolt Brecht (1898 bis 1956) getan hat, lässt sich sicher kaum ausdrücken, weshalb moralische Ansprüche häufig unerfüllt bleiben. Das Wort Moral lässt sich auf das lateinische „moralis“ für „sittlich, die Sitte betreffend“ zurückführen. Mit ihm werden sittliche Normen, Grundsätze und Werte zusammengefasst, die das zwischenmenschliche Verhalten regulieren. So unstrittig ist, dass die Moral oftmals ein bloßes Lippenbekenntnis bleibt, so klar ist auch, dass sie eng mit der menschlichen Natur beziehungsweise der Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, verknüpft ist. Dies legt die Frage nahe, was moralisches Verhalten fördert. Welche Rolle spielt zum Beispiel die Intelligenz? Was leisten Vorbilder? Zu diesen Fragen und auch dazu, welche Rolle die Moral in der Wirtschaft spielt, werden seit einigen Jahren immer wieder neue Studienergebnisse veröffentlicht.

Das Wort Moral ist zurzeit besonders wegen des neuen US-Präsidenten Donald Trump in vieler Munde. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, zu lügen und sich über das Gesetz stellen zu wollen. Zu einer Herausforderung – auch einer moralischen – wird er aber auch dadurch, dass er am US-amerikanischen und westlichen Selbstverständnis kratzt. In einem Interview des Senders „Fox News“ reagierte er auf die Behauptung, dass der russische Präsident Putin ein Mörder sei, unter anderem mit dem Hinweis, dass auch die USA nicht unschuldig seien, dass viele Fehler gemacht und viele Menschen getötet worden seien. Ausdrücklich erwähnte er in diesem Zusammenhang den Irakkrieg. Daraufhin warf ihm zum Beispiel die „Washington Post“ vor, die USA und Russland moralisch auf eine Stufe stellen zu wollen. Tatsächlich aber hatte Trump einen moralisch wunden Punkt berührt. Der Irakkrieg hatte mit einer Lüge begonnen. Die Massenvernichtungswaffen, die es angeblich im Irak gab, existierten in Wahrheit überhaupt nicht.

Vom Philosophen Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) stammt der Hinweis, dass Moral zwar leicht zu predigen, aber schwer zu begründen sei. Gesellschaften machen die Erfahrung, dass sich Grundsätze und Werte verändern können. Was als moralisch richtig gilt, hängt immer auch ein Stück weit von der Zeit und gesellschaftlichen Verhältnissen ab. Nietzsche war dagegen, herrschende Moralvorstellungen unkritisch zu übernehmen. Solche Einwände ändern allerdings nichts daran, dass manche moralischen Grundsätze schon seit sehr langer Zeit gelten. Jeder Mensch erfährt von Geburt an, was Liebe und Fürsorge bedeuten, und solche Erfahrungen prägen Wertvorstellungen. Als moralisch gut wird empfunden, was anderen, was der Gemeinschaft nützt. Selbstloses Handeln und Werte wie Fairness, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit oder auch Loyalität sind folglich positiv besetzt. Im Interesse der Gemeinschaft ist es wichtig, dass Menschen nicht nur an sich selber denken und auf Kosten anderer leben.

Studie mit Kindern

Schon Kinder entwickeln ein moralisches Denken, und zwar unabhängig von ihrer Intelligenz, wie eine kürzlich im Fachjournal „Frontiers in Psychology“ vorgestellte Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main deutlich macht. Mit Blick auf die Pädagogik zieht die für die Studie verantwortliche Bildungsforscherin Hanna Beißert daraus diesen Schluss: „Wir können sagen, dass auch besonders intelligente Kinder die gleiche Unterstützung in ihrer Moralentwicklung brauchen wie ihre weniger intelligenten Altersgenossen.“

Die Wissenschaftler haben den Zusammenhang von moralischem Denken und Intelligenz bei 129 Kindern im Alter von sechs bis knapp neun Jahren untersucht. Die Intelligenz ermittelten sie mithilfe eines standardisierten Tests, den moralischen Entwicklungsstand, indem sie Reaktionen auf Bildergeschichten untersuchten. In diesen Geschichten ging es um das Brechen moralischer Regeln, etwa ums Hänseln, das Stehlen von Süßigkeiten oder das Verstecken von Sachen Gleichaltriger. Die Kinder sollten unter anderem angeben, ob die Verhaltensweisen aus ihrer Sicht in Ordnung waren und welche moralischen Regeln und Gefühle eine Rolle spielten.

Nicht nur von Menschen, sondern auch von manchen Tierarten, darunter zum Beispiel Menschenaffen, ist bekannt, dass sie durch Nachahmung lernen, das heißt: Sie werden von Vorbildern beeinflusst. Dass Vorbilder auch für das moralische Verhalten wichtig sind, hat eine Studie gezeigt, die eine internationale Forschergruppe um den Psychologen Professor Wilhelm Hofmann von der Universität Köln vor gut zwei Jahren im Fachjournal „Science“ veröffentlicht hat. Sie belegt, dass das moralische Verhalten Einzelner die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich auch andere moralisch verhalten, und zwar gemäß dem Satz: „Gutes tut, wem Gutes widerfährt“.

Gutes hinterlässt Spuren

Um möglichst genaue Informationen über moralisches Verhalten und Empfinden in Alltagssituationen zu erhalten, hatten die Wissenschaftler mehr als 1200 Erwachsenen in den USA und Kanada über drei Tage hinweg wiederholt Kurznachrichten (SMS) geschickt. Darin wurden die Studienteilnehmer aufgefordert, in Onlinefragebögen Auskunft über moralische oder unmoralische Handlungen zu geben, die sie während der Stunde zuvor begangen oder beobachtet hatten. Auf diese Weise kamen Tausende Antworten zusammen, in denen es um moralisch bedeutsame Dinge wie Fürsorge oder Schädigung, faires oder unfaires Verhalten, Aufrichtigkeit oder Unaufrichtigkeit ging. Wie sich zeigte, neigten Studienteilnehmer, die in den Genuss einer moralischen Tat gekommen waren, anschließend eher dazu, selbst moralisch zu handeln. Die verbreitete These, dass religiöse Menschen stärker auf moralisches Handeln achten, wurde nicht bestätigt. Moralische oder unmoralische Taten kamen bei ihnen genauso häufig vor wie bei anderen Menschen.

Medienberichte, in denen rücksichtsloser Egoismus zulasten der Gemeinschaft und verwerfliche, unmoralische Verhaltensweisen eine zentrale Rolle spielen, hat es in den vergangenen Jahren viele gegeben; besonders häufig ging es dabei um Wirtschaftsakteure. Vor diesem Hintergrund plädiert der Philosoph Claus Dierksmeier, Professor für Wirtschafts- und Globalisierungsethik an der Universität Tübingen, dafür, moralische Prinzipien wieder ins Zentrum des ökonomischen Denkens zu rücken. In den vergangenen zwei Jahrhunderten, so erklärt er, seien die Profite in den Vordergrund gerückt. Das moralische Handeln, das heißt die Ethik, sei zunehmend als bloße Begrenzung verstanden worden. Tatsächlich aber müsse es als Grundlage des Wirtschaftens begriffen werden. Dies müsse sich auch in der Lehre der Wirtschaftswissenschaften an Hochschulen widerspiegeln. Die Wissenschaften müssten humanistisch orientiert sein. Mit anderen Worten: Der Philosoph wirbt dafür, die Menschlichkeit in der Wirtschaft zum Maß der Dinge zu machen.

Der Frage, wie es um die Moral in wirtschaftlichen Dingen bestellt ist, sind in den vergangenen Jahren unter anderem die Wirtschaftsprofessoren Armin Falk von der Universität Bonn und Nora Szech von der Universität Bamberg nachgegangen. Ob Kinderarbeit oder Massentierhaltung: Wenn sie darauf angesprochen werden, sprechen sich Menschen in der Regel dagegen aus. Wenn sie allerdings als Kunden nach preisgünstigen Produkten suchen, handeln sie häufig wider ihre eigenen moralischen Ansprüche. Vor diesem Hintergrund haben die Forscher die Frage gestellt, ob Marktmechanismen die Moral untergraben. In ihrer im Fachjournal „Science“ veröffentlichten Studie beantworteten sie sie unter Hinweis auf entsprechende Experimente mit einem eindeutigen Ja.

Bei den Experimenten mussten mehrere hundert Testpersonen eine Entscheidung treffen. Sie konnten auf einen bestimmten Geldbetrag verzichten und damit das Leben einer Maus retten oder aber das Geld nehmen und das Tier seinem Schicksal überlassen. Falk formulierte den Ansatz so: „Wir haben untersucht, ob Menschen bereit sind, einem Dritten Schaden zuzufügen und damit unmoralisch zu handeln.“ Während manche Studienteilnehmer die Entscheidung allein treffen mussten, kamen bei anderen Marktbedingungen ins Spiel, das heißt: Menschen mussten sich bei der Wahl zwischen dem Geld und dem Leben der Maus abstimmen beziehungsweise verhandeln.

Folgenreiche Marktmechanismen

Wie sich herausstellte, fällt es Menschen leichter, moralische Standards zurückzustellen, wenn mehrere Akteure beteiligt sind. Es kommt zu einer Erosion moralischer Werte. Trägt ein Einzelner allein Verantwortung, kommen seine moralischen Standards stärker zum Tragen. Unter Marktbedingungen sieht er sich hingegen den Erkenntnissen der Ökonomen zufolge moralisch weniger in der Pflicht, weil er sich damit rechtfertigen kann, ohnehin nur geringen Einfluss auf das Geschehen zu haben. Er kann sich sagen, dass es ein anderer tun werde, wenn nicht er selbst es mache. Schuldgefühle können geteilt werden, und der Einzelne macht die entlastende Erfahrung, dass auch andere nicht immer moralischen Ansprüchen gemäß handeln.

Um zu wissen, warum moralisches Handeln angebracht sei, müsse man kein Philosoph sein, hat in einem seiner Bücher der Philosophie-Professor Kurt Bayertz von der Universität Münster geschrieben. Zugleich hat er deutlich gemacht, warum es durchaus hilfreich sein kann, den Blick bei der Frage nach dem Nutzen der Moral auf die Philosophiegeschichte zu richten. Schon die antiken Philosophen Platon (etwa 427 bis 347 vor Christus) und Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) hätten gewusst, dass es eine Verbindung zwischen Glück und Moral gebe. Nach der Lehre von Aristoteles zeichne sich ein gutes und glückliches Leben durch Tätigkeiten aus, die um ihrer selbst willen ausgeübt würden, weil man sie für eine gute Sache halte. Dies treffe auch auf moralisches Handeln zu und sei ein Grund dafür, dass solches Handeln nicht nur fremdes, sondern auch das eigene Glück fördere.

Laut Bayertz fallen Moral und Glück zwar nicht immer und nicht notwendigerweise zusammen, sehr wohl aber fördere selbstloses Handeln – etwa das Ausüben von Ehrenämtern – das persönliche Wohlergehen. Wer stets nur an sich denke und auf Kosten anderer lebe, habe schlechtere Chancen auf Zufriedenheit. Dies habe eine ganze Reihe von sozialpsychologischen Studien gezeigt, darunter beispielsweise eine Langzeituntersuchung, für die zwischen 1985 und 1999 Tausende Menschen nach ihrer Lebenszufriedenheit und ehrenamtlichen Tätigkeiten befragt worden seien.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+