Gastkommentar über Rechtspopulismus

Vorsicht: Freaks von rechts!

Trump, Johnson und Co. haben die Anti-Establishment-Attitüde der linken 68er für sich entdeckt - das macht sie besonders gefährlich, meint unser Gastautor Matthias Güldner.
18.08.2019, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Matthias Güldner
Vorsicht: Freaks von rechts!

Brüder im Geiste: Donald Trump (links) und Boris Johnson lieben die Provokation, geben gerne den Clown, meinen es aber bitterernst.

dpa

Donald Trump, Boris Johnson und Co. werden oft als rechtspopulistisch, rassistisch oder demokratiefeindlich beschrieben. Und das sind sie auch und zwar in einer besonders gefährlichen Form. Diese Beschreibung reicht aber zum Verständnis dessen, was sich in den letzten Jahren in der Politik verändert hat, nicht aus. Eine exakte zeitgemäße Analyse ist aber zwingende Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf gegen die Politik der überall auf der Welt im Vormarsch befindlichen Rechtspopulisten. Clausewitz formuliert es so: „Das erste Geschäft einer jeden Theorie ist das Aufräumen der durcheinander geworfenen und ineinander verworrenen Begriffe und Vorstellungen, und erst, wenn man sich über Namen und Begriffe verständigt hat, darf man hoffen, in der Betrachtung der Dinge mit Klarheit und Leichtigkeit vorzuschreiten“.

Ein Wesenszug der Politperformance der Trump & Co ist der des Freaks, des Brechers von Konventionen, Althergebrachtem. Quasi der Anti-Establishment-Effekt an der Spitze des Establishments. Trump, der nur twittert statt vor Anzugträgern der Presseagenturen aufzutreten, der Philippinische Präsident Duterte, der den Papst nicht mit salbungsvollen Worten sondern per twitter als "Hurensohn" begrüßt und Johnson, von dem jeder erwartet, dass er im Buckingham Palace in die Blumenvase pinkelt und der es vermutlich auch tut. Die Freaktruppe um Trump wirkt nicht wie Politiker, sondern wie die Party-Squad der ‚unconventional conventionalists‘ aus der Rocky Horror Picture Show. Und das ist kein Zufall.

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In den 60er Revolutionsjahren hat der Anti-Establishment-Effekt eine entscheidende Attraktivität der Linken ausgemacht. Eine neue Politik fand ihren zentralen Ausdruck in dem unverwechselbaren Ausscheren aus den bis dahin breit akzeptierten Verhaltensregeln, der Rolling-Stones-Zunge ausgestreckt gegen die Bewahrer der alten Ordnung. Diesen Spieß haben Donald und Co umgedreht und es funktioniert. Ein nicht kleiner Teil ihrer Aufmerksamkeit, der zentralen Währung in politischen Auseinandersetzungen, wird durch diesen Effekt erzielt. Das ist rabiater Politkampf gegen die dröge konservative Mitte oder gegen die als spießig dargestellten linken oder grünen Revoluzzer von einst. Trumps aktuellstes Verdikt gegen Joe Biden: Nicht „liberal“ oder „socialist“, sondern „boring“ (langweilig).

Heute gehören viele der alten Freaks selbst zum Establishment. Das ist der Unterschied zu Trump Johnson und Co: sie gehörten schon immer dazu, benutzen die Instrumente der Rebellion gezielt für die Zwecke des Establishments.

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Zur Person

Unser Gastautor ist Politikwissenschaftler an der Uni Bremen. Von 2007 bis 2015 führte er die Fraktion der Grünen in der Bürgerschaft.

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