Kommentar über die Medien und Münster Vorurteile statt Fakten

Speziell in solchen Ausnahmesituationen wie bei der Amokfahrt von Münster sollte nicht nur für Journalisten eine gute Tugend gelten: „Sorgfalt vor Geschwindigkeit“. Daran erinnert Markus Peters.
08.04.2018, 21:32
Lesedauer: 1 Min
Zur Merkliste
Vorurteile statt Fakten
Von Markus Peters

Mitgefühl und Anteilnahme wären angebracht gewesen. Doch für AFD-Politikerin Beatrix von Storch zählt offenbar allein das politische Kalkül. „Wir schaffen das“ twitterte die gebürtige Herzogin von Oldenburg am Sonnabend bereits zwanzig Minuten nach den schrecklichen Ereignissen von Münster in Anlehnung an einen Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Damit legte sie einen islamistischen Hintergrund der Tat nahe, ohne über entsprechendes Hintergrundwissen zu verfügen. Auch ihre Schwestern und Brüder im Geiste blieben nicht untätig. „Danke, Merkel“ wurde vorschnell in die Kommentarfelder der sozialen Netzwerke gepinnt.

Lesen Sie auch

Menschen wie Frau von Storch benötigen offensichtlich keine Fakten, um sich eine Meinung zu bilden. Ihnen reichen Vorurteile völlig aus. Und als sich der Sachverhalt am Ende ganz anders darstellt, wird der mutmaßliche Attentäter Jens R. kurzerhand eben zum „Nachahmer islamistischen Terrors“ erklärt.

Doch Beatrix von Storch war beileibe nicht die Einzige, die sich mächtig vergaloppierte. Schon früh – viel zu früh – schrieb eine rheinische Regionalzeitung von einem Anschlag. Ein Berliner Boulevardblatt ließ einen „Attentäter in ein Café“ rasen und selbst die Zeitung, hinter der gelegentlich ein kluger Kopf stecken soll, verblüffte zwischenzeitlich sämtliche Redaktionen Deutschlands mit der Nachricht, der mutmaßliche Täter sei erst 27 Jahre alt.

Lesen Sie auch

Manche TV-Moderatoren schafften es gar, sich in einem einzigen Satz zu widersprechen: „Wir wollen zwar nicht spekulieren, aber ein islamistischer Anschlag ...“ wurde in die Kameras geraunt. Dabei wussten die Kolleginnen und Kollegen an den Flatterbändern ebenso viel und wenig wie alle anderen.

Speziell in solchen Ausnahmesituationen wie bei der Amokfahrt von Münster sollte nicht nur für Journalisten eine gute Tugend gelten: „Sorgfalt vor Geschwindigkeit“ heißt sie. Damit in einer informierten Gesellschaft gesicherte Fakten und nicht bloße Vorurteile die Grundlage des Diskurses bilden.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+