US-Wahlkampf

Kritischer Zustand

Die COVID-19-Diagnose Donald Trumps zieht wie ein Tornado durch den Wahlkampf des Präsidenten und seiner Partei. Die Republikaner erfasst Panik, am 3. November Opfer ihrer unkritischen Gefolgschaft zu werden.
05.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Spang und Andrej Sokolow
Kritischer Zustand

Ein Unterstützer von US-Präsident Donald Trump vor dem Eingang zum Walter-Reed-Militärkrankenhaus.

Cliff Owen/DPA

Washington. Die Aufnahmen von der ausgelassenen Feierstunde für die Kandidatin am Verfassungsgericht, Amy Coney Barrett, am Sonnabend vor einer Woche im Weißen Haus verfolgen die Republikaner wie auf der Zielgeraden des Wahlkampfs wie ein böser Fluch. Sie dokumentieren, wie Angehörige der Elite der Trump-Partei Hände schütteln, Küsschen austauschen, sich umarmen und einander zugeneigt Small Talk halten, als ob das Land nicht inmitten einer außer Kontrolle geratenen Pandemie mit mehr als sieben Millionen Infizierten und fast 210 000 Toten befände.

Vieles spricht dafür, dass sich Donald Trump hier angesteckt hat. Eine Woche später ringt der Präsident im Walter-Reed-Militärkrankenhaus mit dem tödlichen Virus. Sollte es Trump weiterhin so gut gehen wie am Sonntag, „hoffen wir, dass wir für eine Entlassung ins Weiße Haus bereits morgen planen können“, sagt der Arzt Brian Garibaldi am Sonntag in Bethesda bei Washington. Die Behandlung könnte dort fortgesetzt werden. Trumps Leibarzt Sean Conley räumt ein, dass die Sauerstoffwerte des Präsidenten im Verlauf der Erkrankung zwei Mal gefallen seien.

Vier Wochen vor den Wahlen am 3. November muss der Chef des Wahlkampfteams, Bill Stepien, in Quarantäne gehen. Wie auch die Parteichefin der Republikaner Ronna McDaniel. Trumps Top-Beraterinnen Hope Hicks und Kellyanne Conway begibt sich nach einem positiven Covid-Test in Quarantäne. Debatten-Trainer Chris Cristie geht nach seiner Diagnose „vorsichtshalber“ ins Krankenhaus. „Wir sehen wirklich wie die Partei der Idioten aus“, bringt Ed Rollins, einer der Führer der Pro-Trump-Lobby „Great America PAC“, die Stimmung in der Partei auf den Punkt. „Ihre außerordentliche Zurückweisung der Empfehlungen von Wissenschaftlern holt sie jetzt wie ein Bumerang ein“, sagt Irwin E. Redlener vom „National Center for Disaster“ der Elite-Universität Columbia.

Verschwunden ist das Gefühl der Unverwundbarkeit, das niemand so sehr zu vermitteln versuchte wie Trump. Der machte den demonstrativen Verzicht auf Maske und sozialen Abstand zum politischen Markenzeichen. Noch am Dienstag verspottete er bei der Debatte seinen Herausforderer Joe Biden, ständig einen Mund-und-Nasenschutz zu tragen. Der Präsident behauptete auf seinen letzten Kundgebungen vor Hunderten ungeschützter Anhänger, dass 99 Prozent aller Infektionen „total harmlos, wie eine Grippe“ seien und das Virus „so gut wie niemanden betrifft“.

Und jetzt das. Im Weißen Hauses herrscht Panik über das Ausmaß der Verbreitung des Erregers. Sichtbares Zeichen ist, dass plötzlich alle Maske tragen; auch in den Büros. „Die Leute verlieren ihren Verstand“, berichtet die Washington Post über die Stimmung im Westflügel, wo Stabschef Mark Meadows mit widersprüchlichen Signalen über den Zustand des Präsidenten selber zur Verunsicherung beiträgt. Das Wahlkampfteam Trump sagte alle Kundgebungen bis auf Weiteres ab. Vizepräsident Mike Pence, der am Mittwoch in Utah mit Kamala Harris die Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten bestreitet, versuchte bei einer Telefonkonferenz am Wochenende die Moral aufrechtzuerhalten. „Amerika wieder großartig zu machen, ist nicht nur ein Slogan, sondern unsere Mission“. Dafür will Team Trump nun mehr Familienmitglieder in den Wahlkampf schicken. Man werde jetzt die Geschichte von der „Entschlossenheit“ des Präsidenten erzählen.

Politisch müssen Trump und die Republikaner auf ein Wunder hoffen. Eine neue Umfrage von „Wall Street Journal“ und „NBC“ sehen Joe Biden nach der Debatte vom Dienstag um 14 Prozent (53 zu 39 Prozent) vorn. Das Duell sei eine der wenigen in der Geschichte, „die einen spürbaren Effekt“ hatten. Dass die Amerikaner in der Schlussphase des Wahlkampfs nun ständig an die Konsequenzen des Umgangs Trump mit der Pandemie erinnert werden, verheißt wenig Gutes für seine Partei.

Der Effekt lässt sich in Bundesstaaten ablesen, die vor Kurzem noch als sicheres Trump-Territorium galten. Allen voran Ohio, wo die erste Debatte stattfand und Biden nun mit ein paar Punkten vorn liegt.

Info

Zur Sache

Die nächsten Termine bis zur US-Wahl

2. Oktober: Präsident Trump wird in das Militärkrankenhaus Walter Reed nördlich von Washington geflogen. Die Dauer seines Aufenthaltes wird vom Verlauf der Infektion abhängen. Trump musste Wahlkampfauftritte für die kommenden Tage absagen.

8. Oktober: Die Kandidaten für das Vizepräsidentenamt, der Republikaner Mike Pence und die Demokratin Kamala Harris, werden nach bisherigen Planungen ab 3 Uhr MESZ in Salt Lake City (Utah) zu ihrer einzigen Fernsehdebatte aufeinander treffen.

16. Oktober: Ab 3 Uhr MESZ wollen sich Trump und Biden in Miami (Florida) das zweite Fernsehduell liefern. Auch dieser Termin ist nach der Infektion von Trump bislang nicht abgesagt worden.

23. Oktober: Die dritte Fernsehdebatte beginnt um 3 Uhr MESZ in Nashville (Tennessee) – so sieht es die bisherige Planung vor.

3. November: In den USA werden der Präsident, rund ein Drittel der Senatoren und die Mitglieder des Abgeordnetenhauses gewählt.

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