Kommentar zu den Morden von Hanau

Wahnsinn mit Methode

Täter wie Tobias R. sind keine „Einzelfälle“, sondern regelmäßig auftretende Figuren eines rechtsradikalen Milieus, in dem Ausbrüche maximaler Gewalt geradezu angelegt sind, meint Joerg Helge Wagner.
21.02.2020, 06:00
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Wahnsinn mit Methode
Von Joerg Helge Wagner
Wahnsinn mit Methode

Nach den Morden von Hanau halten sich drei junge Menschen bei einer Mahnwache in Kassel Transparente vor ihr Gesicht.

Uwe Zucchi/DPA

Seit einiger Zeit ist es üblich, dass seriöse Nachrichtenquellen nach Anschlägen, Amokläufen und dergleichen rasch eine Rubrik eröffnen: Was wir wissen – und was nicht. Das ist zweifellos notwendig, denn dem allzu menschlichen Entsetzen über eine Bluttat folgen oft schnelle Schuldzuweisungen, die in die falsche Richtung gehen. Sie produzieren am Ende neue Opfer, Rufmord nach dem Mord sozusagen. So war es bei der Mordserie des NSU, als man die Täter allzu lange in migrantischen Milieus vermutete. So hätte es auch nach den Morden von Hanau sein können: Shootout in der Shisha-Bar, Clan-Krieg in Hessen – man kann sich die möglichen Schlagzeilen bei unklarer Lage vorstellen.

Erspart hat sie uns ausgerechnet der Täter mit einem selbst produzierten rassistischen Video und einem Bekennerschreiben auf seiner Homepage. Der Wahnsinn hat Methode: Eitelkeit bis hin zum Narzissmus sei ein Kennzeichen sogenannter einsamer Wölfe unter den Rechtsextremisten, sagt der Experte und Polizeiausbilder Florian Hartleb. Die Täter wollen, dass ein möglichst großes Publikum nicht bloß geschockt ist, sondern von ihren Motiven erfährt.

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Die sind natürlich menschenverachtend und krude, aber eben nicht im medizinischen Sinne irre. Sie entstehen nicht aus dem Inneren von sozial isolierten Sonderlingen: Die vermeintlich Einsamen sind immer „Teil eines größeren ideologischen Rudels“, wie Hartleb sagt. Und hier wird es politisch dramatisch: Anders Brejvik, David S. aus München, Stephan B. aus Halle und nun Tobias R. aus Hanau sind eben keine „Einzelfälle“, sondern regelmäßig auftretende Figuren eines rechtsradikalen Milieus, in dem solche Ausbrüche maximaler Gewalt geradezu angelegt sind.

Was seine Sympathisanten und Funktionäre freilich nicht wahrhaben wollen: Kein Wunder, dass der AfD-Grande Alexander Gauland nur von „völlig geistig Verwirrten“ spricht, damit ihm und seinen Gesinnungsgenossen die Frage nach der geistigen Brandstiftung möglichst gar nicht erst gestellt werde.

Doch genau hier muss demokratische Politik ansetzen. Vorbeugen heißt nicht, künftig vor jede Moschee und jede Döner-Bude einen Polizisten zu stellen. Auch die sogenannten sozialen Netzwerke sind quasi unkontrollierbar – zumal, wenn sich Extremisten eher auf Spieleplattformen als bei Facebook finden. Völlige Sicherheit kann eine freie Gesellschaft niemals garantieren. Aber ihre Vertreter können das Umfeld, in dem sich solche Gestalten radikalisieren, zumindest scharf abgrenzen, isolieren und überwachen. Das gilt für Extremismus jeglicher Art.

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