Vater des Täters wirft Ärzten vor, Tötungsfantasien des Jugendlichen falsch eingeschätzt zu haben

War Amoklauf von Winnenden vorhersehbar?

Heilbronn. Sieben Jahre ist es her, dass sein Sohn beim Amoklauf in Winnenden 15 Menschen ermordete. Erst stand der Vater des Täters selbst am Pranger, jetzt ist er Kläger: Psychiater hätten die Gefährlichkeit seines Sohnes erkennen müssen, sagt er.
20.03.2016, 00:00
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Von Roland Böhm

Sieben Jahre ist es her, dass sein Sohn beim Amoklauf in Winnenden 15 Menschen ermordete. Erst stand der Vater des Täters selbst am Pranger, jetzt ist er Kläger: Psychiater hätten die Gefährlichkeit seines Sohnes erkennen müssen, sagt er.

Die Pistole lag geladen im Kleiderschrank des Vaters, die passende Munition dazu im Nachttisch. Der 17-Jährige nahm sie, fuhr zu seiner ehemaligen Schule in Winnenden und ermordete acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen und auf seiner Flucht noch drei Menschen. Sein Vater wurde später mitverantwortlich gemacht für den Amoklauf und verurteilt. Wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen erhielt der Sportschütze eine Bewährungsstrafe. Das Landgericht Stuttgart entschied zudem, dass er für Behandlungskosten von Opfern und Hinterbliebenen aufkommen müsse. Am Dienstag ist der ehemalige Unternehmer selbst Kläger: Ärzte und Therapeuten des Zentrums für Psychiatrie in Weinsberg bei Heilbronn hätten ihn nicht gewarnt, welche Gefahr von seinem dort behandelten Sohn ausging, sagt er. Deshalb müssten sie Teile der millionenschweren Schadenersatzansprüche tragen.

Als der spätere Amokläufer vor der Bluttat von Experten begutachtet worden sei, hätten diese erkennen müssen, dass er mit seinen Tötungsfantasien eine Zeitbombe gewesen sei, sagt Erik Silcher, der Anwalt des Vaters. Er spricht von einem „Kunstfehler“ der Ärzte. Dieser sei eine Ursache für den Amoklauf gewesen. Monika Baumhackel hingegen, Anwältin der Klinikexperten, will nicht mal von einer richtigen Behandlung sprechen. Termine habe es ein halbes Jahr vor dem Amoklauf gegeben; eine Therapie sei nie angetreten worden, obwohl die Ärzte den Eltern zur Behandlung geraten hätten. Was genau den Eltern am Ende der Treffen geraten wurde, wird im Mittelpunkt der Verhandlung vor dem Landgericht Heilbronn stehen. Rieten die Ärzte zu sozialen Kontakten? Oder rieten sie dem Vater sogar, seinen Sohn mit in den Schützenverein zu nehmen?

Ein Jahr und neun Monate Haft auf Bewährung lautete das erste Urteil des Landgerichts Stuttgart gegen den Vater. Sein Verteidiger entdeckte einen formalen Fehler, der ein zweites Verfahren nötig machte. Bei diesem gelang es dem Vater, seine Strafe um drei Monate zu senken. Seine erneute Revision blieb dann erfolglos. Nach Ansicht von Opferanwalt Jens Rabe war die Verurteilung des Vaters im Strafprozess dennoch wegweisend für die Regelung der Geldforderungen gegen ihn. Ohne Prozess gab die Versicherung des ehemaligen Unternehmers rund zwei Millionen Euro. Rabe erinnert sich an „einen langen Kampf“. Das Gros seiner mehr als 30 Mandanten bekam dem Vernehmen nach Summen zwischen 20 000 und 25 000 Euro. Ansprüche der Stadt Winnenden beglich die Versicherung mit 400 000 Euro. Die letzte größere Summe, die noch aussteht, sind Forderungen der Unfallkasse für Heilbehandlungen von Schülern, Eltern und Lehrern. Es geht um knapp eine Million Euro. Dass Ärzte dem Vater geraten haben könnten, seinen psychisch angeschlagenen Sohn mit zum Schützenverein zu nehmen, hält die Vorsitzende der „Stiftung gegen Gewalt an Schulen - Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ für absurd.

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