Stress und Arbeit im Alltag Warum Freizeit und Urlaub so wichtig sind

Freizeit ist nicht nur zur Wiederherstellung der Arbeitskraft gedacht. Sie hat auch eine herausragende Bedeutung für die menschliche Entwicklung und das soziale Miteinander.
28.07.2015, 00:00
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Warum Freizeit und Urlaub so wichtig sind
Von Jürgen Wendler

„Acht Stunden Unternehmerdienst, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Mensch sein“: So hat sich der Physiker, Unternehmer und Sozialreformer Ernst Abbe (1840 bis 1905) die ideale Aufteilung des Tages vorgestellt. Damit war der Fachmann für die Entwicklung optischer Instrumente, der ab 1899 alleiniger Inhaber der Firma Carl Zeiss war, seiner Zeit voraus. Arbeitsdruck und Arbeitszeit hatten seit Beginn der Industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer stärker zugenommen.

Ein Acht-Stunden-Arbeitstag erschien vor diesem Hintergrund als Fortschritt. Abbes Aussage zeigt schlaglichtartig, dass die Menge an frei verfügbarer Zeit und die Vorstellungen davon, was sich damit anstellen lässt, keineswegs unveränderliche Größen sind, sondern sich im Laufe der Geschichte gewandelt haben.

Wer Ferien oder Urlaub hat, hat besonders viel freie Zeit – und nicht wenige würden wohl zugleich sagen: Freiheit. Dass die scharfe Trennung zwischen längeren Phasen der Arbeit und Freizeit historisch betrachtet noch vergleichsweise jung ist, lässt bereits die Begriffsgeschichte erahnen. So geht der Ausdruck Ferien auf das lateinische „feriae“ zurück. Im Römischen Reich der Antike wurden mit diesem Wort Tage bezeichnet, an denen zu Ehren bestimmter Götter die Arbeit ruhte. Kennzeichnend für solche Phasen waren unter anderem kultische Handlungen, die von Priestern und Beamten vorgenommen wurden. Zum Teil wurden auch Spiele veranstaltet. Feste staatliche Feiertage, sogenannte „feriae publicae stativae“, waren in allgemeinen Kalendern verzeichnet, besondere Feiertage in speziellen Festkalendern.

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Zum Wort Urlaub gibt es ein entsprechendes Verb: erlauben. Schon im Mittelhochdeutschen, das etwa vom 11. bis 14. Jahrhundert gesprochen und geschrieben wurde, meinte Urlaub die Erlaubnis, sich zu entfernen. Erteilt wurde diese von einer höhergestellten Person, etwa von einem Lehnsherrn. Der Urlaub, so wie er heute verstanden wird, ist wesentlich jüngeren Datums. Die ersten umfangreichen Urlaubsregelungen wurden in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt – allerdings nur für Beamte und Angestellte. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war es keineswegs selbstverständlich, dass ein Arbeiter Urlaub erhielt. Die Entwicklung in diese Richtung bedeutete einen großen Fortschritt nach vielen Jahrzehnten, in denen die Arbeitszeit ständig verlängert worden war.

Folgen der Industriellen Revolution

Mit der Industriellen Revolution, die in England begann, ging die Einrichtung von großen Fabriken einher, und dort waren schon für Jugendliche Zwölf-Stunden-Arbeitstage die Regel. 1847 verfügte das englische Parlament, dass Frauen und Kinder in den Spinnereien des Landes nicht mehr länger als zehn Stunden pro Tag arbeiten durften. Dass nach und nach kürzere Arbeitszeiten und freie Tage am Wochenende üblich wurden, hatte durchaus auch mit dem Eigeninteresse von Unternehmern zu tun. Überarbeitete Menschen bringen am Ende keine Leistung mehr. Außerdem haben sie keine Zeit und Kraft, um sich um Freunde und Verwandte zu kümmern, soziale Aufgaben zu übernehmen oder sich geistig weiterzuentwickeln. Nach der Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages in einigen Betrieben erklärte 1894 ein englischer Fabrikdirektor: „So widersinnig es scheinen mag, ich erziele weitaus mehr Arbeit als früher; ich bin tatsächlich überrascht, wie die Arbeit vorangeht.“

Die Trennung von Zeiten der Arbeit und zur freien Verfügung kennzeichnet Arbeitsgesellschaften, das heißt Gesellschaften, in denen die Identität und soziale Stellung von Menschen stark von der Erwerbsarbeit abhängen. Die moderne Arbeitsgesellschaft ist vor allem das Ergebnis von Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert. Zu diesen gehören besonders die Betonung des rationalen Handelns und der ökonomischen Effizienz sowie die Schaffung von Märkten in vielen Lebensbereichen. Dass die heute als selbstverständlich vorausgesetzte Arbeitsmoral früher keine große Rolle spielte, belegen zahlreiche geschichtliche Quellen. So klagten zum Beispiel Minister im 17. und 18. Jahrhundert darüber, dass viele Menschen sich kaum zu regelmäßiger Arbeit bewegen ließen. Sie kamen zur Arbeit, wenn sie Geld benötigten, und wenn sie etwas verdient hatten, verschwanden sie wieder. Das sogenannte Blaumachen war gang und gäbe. Außerdem gab es lange Zeit wesentlich mehr Feiertage als heute, wie ein Bericht des Koblenzer Regierungspräsidenten aus dem Jahr 1853 zeigt. Darin ist von nicht weniger als 204 katholischen Feiertagen die Rede, die das Leben der Menschen in der Eifel prägten. Wörtlich heißt es: „An diesen Feiertagen wird, wenigstens am Vormittag, nicht gearbeitet, keine Schule gehalten.“

Urlaub und Freizeit in ihrer heute vertrauten Form sind nicht nur ein Ergebnis der Arbeitsgesellschaft, sondern im Bewusstsein vieler Menschen auch untrennbar mit Arbeit verknüpft. Das heißt: Ihre Funktion wird vor allem darin gesehen, die Arbeitskraft wiederherzustellen. Dies greift jedoch nach den Worten der Freizeitwissenschaftlerin Professor Renate Freericks von der Hochschule Bremen wesentlich zu kurz. Sie hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Dieter Brinkmann das „Handbuch Freizeitsoziologie“ herausgegeben und wirbt dafür, sich die herausragende Bedeutung der frei verfügbaren Zeit für die menschliche Entwicklung und das soziale Miteinander bewusst zu machen.

Schöpferische Muße

„Nach meiner Überzeugung lernen Menschen das meiste in der Freizeit“, sagt Renate Freericks. Ob man auf einem Flohmarkt mit jemandem über alte Kaffeemühlen ins Gespräch komme und auf diese Weise etwas über deren Geschichte erfahre oder sich mit anderen in der Kneipe über Politik unterhalte – in jedem Fall lernten Menschen etwas, das sie persönlich weiterbringe. Ein Migrantenkind, das in der Freizeit mit anderen Sport treibe, werde möglicherweise besser gefördert und eingebunden, als es bei Initiativen in der Schule geschehe. Vor diesem Hintergrund sei es völlig falsch, beim Stichwort Bildung nur an pädagogische Einrichtungen wie die Schule zu denken. Auch Freizeit diene der Bildung. Dass Freiräume und Muße wichtig sind, um kluge Ideen zu entwickeln, wussten bereits die griechischen Philosophen der Antike. Für sie besaß die schöpferische Muße großen Wert. Das griechische Wort „scholé“, auf das das deutsche Wort Schule letztlich zurückgeht, bedeutet Muße.

Werden alle Altersgruppen betrachtet, ist Fernsehen in Deutschland nach Erkenntnissen der Stiftung für Zukunftsfragen nach wie vor die wichtigste Freizeitaktivität. Immer wichtiger wird jedoch das Internet. Für Jugendliche und junge Erwachsene spielt es bereits eine größere Rolle als das Fernsehen. Für Renate Freericks steht außer Frage, dass sich die Freizeitgestaltung in den vergangenen Jahren stark verändert hat und dies auch weiterhin tut. Inzwischen nutzten auch immer mehr Ältere soziale Netzwerke. Und auch dies hat die Wissenschaftlerin beobachtet: Neue Medien förderten die Neigung, von einer Aktivität zur nächsten zu springen. Junge Menschen scheuten sich eher als früher, sich festzulegen. Verlässlichkeit nehme ab.

Allgemein, so sagt Renate Freericks, habe der Stress zugenommen. Eine Antwort darauf könne sein, bewusst zu entschleunigen. Dass bereits zahlreiche Menschen den Wert der Entschleunigung erkannt hätten, zeige sich zum Beispiel daran, dass wieder viele gern wanderten oder sich entschieden, Urlaub in einem Kloster zu machen.

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