Kommentar zur Verantwortung der Jungwähler Warum junge Leute wählen gehen sollten

Junge Leute werden im Wahlkampf wenig beachtet. Das liegt zum einen an ihrem Wahlverhalten und zum anderen am immer noch zu hohen Wahlalter, meint Helge Hommers.
16.09.2017, 14:33
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Von Helge Hommers

Nachdem knapp 52 Prozent der Briten für den EU-Austritt gestimmt hatten, lautete der Tenor unter den Brexit-Gegnern: „Die Alten kochen die Suppe, die Jungen löffeln sie aus.“ Nachwahlbefragungen ergaben: Je älter der Wähler war, er desto eher für den Brexit votiert hatte. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Fakt ist, dass es innerhalb der Gruppe der Jungen den höchsten Nichtwähler-Anteil gab, während die Alten nahezu geschlossen zur Urne schritten. Im Grunde sollten also die, die nun den Ärger ausbaden müssen, eher auf ihre nicht wählenden Altersgenossen schimpfen – auch wenn der Wahlkampf nicht auf sie, sondern auf die älteren Wahlberechtigten zugeschnitten war.

Dieses auch hierzulande zu beobachtende Dilemma brachte der Zukunftsforscher Horst Opaschowski auf den Punkt: „Die Minderheit der Jugend hat keine Lobby in der Politik, weil man mit ihr auch keine Wahlen gewinnen kann.“ Mit der Mehrheit der Senioren schon. Eine Blaupause hierfür lieferte ausgerechnet das TV-Duell der Kanzlerkandidaten: Vieles wurde angesprochen, nicht aber die Zukunftsthemen Digitalisierung, Bildung und Klimaschutz. Doch genau die vermeintlich irrelevanten Jugendlichen sind es, die das Erbe ihrer Eltern und Großeltern tragen werden. Es muss ja nicht gleich die Bürde sein, die eigene Wirtschaftsleistung aufs Spiel zu setzen (siehe Brexit) oder einen Populisten zum mächtigsten Menschen der Welt zu krönen – ja, auch Donald Trump wurde von den Jungen vorwiegend abgelehnt und von den Alten gewählt.

Union und SPD liegen bei den unter 29-Jährigen fast gleich auf

Bei der Bundestagswahl am 24. September kann es in den Altersgruppen ebenfalls zu Abweichungen kommen: Nach einer aktuellen Umfrage der Meinungsforscher von Civey liegen SPD und Union bei den unter 29-Jährigen fast gleichauf. Die AfD müsste um den Bundestagseinzug bangen, und die Grünen wären drittstärkste Kraft. Zahlen, die diese Wählergruppe wohl exklusiv haben wird.

Das Phänomen der unterschiedlich ausgeprägten Lust aufs Wählen hat Tradition: Laut der Bundeszentrale für politische Bildung waren seit den Wahlen von 1976 die unter 30-Jährigen am wahlfaulsten und die 50- bis unter 70-Jährigen seit 1983 die fleißigsten Wähler. Hinzu kommt, dass die Altersverteilung immer unausgeglichener wird: Mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten für die Bundestagswahl sind über 55 Jahre alt; die unter 30-Jährigen kommen auf 15 Prozent.

Eine Möglichkeit, das Altersungleichgewicht zwischen den Wahlberechtigten zu minimieren, wäre die Herabsetzung des Wahlalters. Vieles spricht dafür, schließlich sind 16- und 17-Jährige keine Kinder mehr. Sie sind straf- und religionsmündig, man traut ihnen verantwortungsvollen Alkoholkonsum zu, manche zahlen bereits Steuern. Also sollten sie mitentscheiden dürfen, wohin ihr Geld fließt. In einigen Bundesländern dürfen sie schon an Kommunalwahlen teilnehmen (wie in Niedersachsen und Bremen), in vieren – auch in Bremen – bei Landtagswahlen. Warum nicht auch bei der Bundestagswahl?

Junge sollten wählen - trotz des langweiligen Wahlkampfes

Die Gegenseite argumentiert, dass Jugendliche nur wenig Politikinteresse zeigen. Sollte das zutreffen, könnte ein Mitbestimmungsrecht das ändern. Oder dass sie noch nicht reif genug seien, solche Verantwortung zu tragen. Doch das wiederum ist keine Frage des Alters. Und die Annahme, dass sie manipulierbar sind und zu Extrempositionen neigen, trifft auf Vertreter aller Altersgruppen zu. Selbst wenn all das so wäre: Könnte es nicht ein Signal an die Politik sein, Pläne und Standpunkte transparenter, einfacher und überzeugender an den Wähler zu bringen?

Gerade weil die älteren Wahlberechtigten so zahlreich sind, ist es umso wichtiger, dass die jungen Wähler am 24. September ihre Stimme abgeben – obwohl der Wahlkampf langweilig war; obwohl die meisten Programme ähnlich wirken; obwohl sich die Kanzlerkandidaten auf direktem Wege einzig durch Plauschereien mit You­tubern an die Jungen wandten.

Auch wenn sich junge Wähler in der Themenwahl – zurecht – von einigen Parteien übergangen fühlen: Ihr Kreuz sollten sie bei der Partei setzen, die ihren Ansichten am ehesten entspricht. Sie sollten an den Brexit denken, an die US-Präsidentschaftswahl. Jede noch so kleine Entscheidung von heute kann der Schmetterlingseffekt von morgen sein. Die eine Partei, die den Weltfrieden garantiert, die Kluft zwischen Arm und Reich schließt und ein Allheilmittel gegen den Klimawandel kennt, gibt es leider nicht. Aber die Jungen können dafür sorgen, dass die Welt von morgen ihren Idealen näher kommt.

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