Syrien Der Albtraum geht weiter

Die Lage in Syrien hat sich in den vergangenen Jahren kaum verbessert: Die Terrormiliz IS spielt kaum mehr eine Rolle, aber mehr als 80 Prozent der Syrer leben in Armut. Ein Albtraum, meint Birgit Svensson.
14.03.2021, 05:00
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Der Albtraum geht weiter
Von Birgit Svensson

Die Katastrophe nimmt kein Ende. Syrien ist ein Albtraum. Wenn man sich vergegenwärtigt, was mit friedlichen Demonstrationen von Kindern in der Provinz Derra, an der Grenze zu Jordanien, vor zehn Jahren begann und wie sich die Lage seitdem entwickelt hat, kann man von einem Supergau für das Land und seine Bewohner sprechen.

Die Bilanz: Wichtige Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen, Märkte, Häuser und Straßen sind im ganzen Land beschädigt oder zerstört worden. Weil der Wert des syrischen Pfunds aufgrund der Wirtschaftskrise weiter sinkt, Arbeitslosigkeit weit verbreitet ist und Kraftstoffknappheit zunimmt, ist Syrien mit einer steigenden Inflation konfrontiert. Grundnahrungsmittel sind für viele nicht mehr erschwinglich. Familien reduzieren die Anzahl der Mahlzeiten oder tauschen Nahrungsmittel gegen lebenswichtige Medikamente ein.

In Syrien leben derzeit mehr als mehr als 12,4 Millionen Menschen leiden unter Nahrungsunsicherheit. Fehlender Zugang zu sauberem Wasser ist für mehr als zwölf Millionen Syrerinnen und Syrer eine tägliche Herausforderung. Rund 2,4 Millionen Kinder gehen aktuell nicht zur Schule. Die globale Pandemie hat das menschliche Leid weiter verschlimmert, denn Covid-19 erhöht sowohl die Armut als auch das Risiko sexualisierter Gewalt. Erst kam der Krieg, jetzt kommt die Hungersnot.

Für Medien ist Syrien der tödlichste Konflikt je: Seit dem März 2011 sind mehr als 300 Journalisten getötet worden, wie Reporter ohne Grenzen berichtet. Das syrische Netzwerk für Menschenrechte spricht von 700 getöteten Medienvertretern. Der signifikante Unterschied kommt zustande, weil Journalisten gleich mehrfach ins Kreuzfeuer dieses Bürgerkrieges gelangen können. Zum einen haben sie es mit einem diktatorischen Regime in Damaskus zu tun, zum anderen mit diversen extremistischen Gruppen, die die Opposition bilden und für Meinungs- und Pressefreiheit genauso wenig übrighaben.

Eine gute Nachricht aus diesen zehn Jahren gibt es jedoch. Die Terrormiliz IS spielt so gut wie keine Rolle mehr in Syrien. Die von den USA angeführte Allianz gegen den Terror besiegte den Islamischen Staat, der weite Teile Nordiraks und Ostsyriens von 2014 an kontrollierte. Die dunklen Tage, als die schwarzen Dschihadisten in Rakka ihre Hochburg aufbauten, bestialisch mordeten, vergewaltigten, folterten und enthaupteten, sind vorerst vorbei, auch wenn es noch immer etwa 6000 Schläferzellen geben soll, die nachts ihr Unwesen treiben. Die Gefahr besteht, dass sie wieder erstarken. Doch Experten und Beobachter sind sich sicher: Ein islamisches Staatsgebilde wird es so schnell nicht wieder geben, jedenfalls nicht auf dem vorigen Territorium.

Doch das Morden in Syrien geht weiter. Es sind neue tödliche Szenarien, die sich jetzt dort abspielen. Mithilfe Russlands und des Iran konnte Bashar al-Assad große Teile des Landes zurückerobern und seine Gewaltherrschaft weiterführen. Außerdem helfen Moskau und Teheran auch dem türkischen Staatspräsidenten Racep Tayyep Erdogan gegen die Syrische Demokratische Front (SDF) vorzugehen, die der Anti-IS-Allianz half, die Terrormiliz zu besiegen. Die SDF wird von Kurden dominiert, den Erzfeinden Erdogans. Er tut derzeit alles, um sie auszulöschen. Die Amerikaner waren einzig auf die Bekämpfung des IS fokussiert. Was aus ihren Verbündeten wird, ist ihnen ziemlich egal. Freie Fahrt also für Erdogan.

Wladimir Putin sitzt in der Klemme. Sein Engagement in Syrien dauert schon viel zu lange und verschlingt Unsummen. Er versucht nun, Erdogan mit Assad zusammenzubringen und für die Kurden eine bestimmte Autonomie unter syrischer Kontrolle auszuhandeln, was ihm allerdings nicht gelingt. Zwischendurch appelliert Putin an die EU, beim Aufbau Syriens zu helfen. Diese wiederum will nur humanitäre Hilfe leisten, sprich Lebensmittel schicken, damit die Menschen nicht verhungern. Geld für einen Wiederaufbau käme ­unweigerlich Assad zugute – dem Mann, der 400.000 tote Landsleute auf dem Gewissen hat.

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