Kommentar über Gesichtserkennung

Warum wir einen Diskurs über die Gesichtserkennung brauchen

Doch die Technologie kontrolliert und bewertet Verhalten nicht nur. Sie verändert es auch. Der umfassende Einsatz von Gesichtserkennung bedroht die individuelle Freiheit, findet Gastautorin Ria Schröder.
16.01.2019, 21:09
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Von Ria Schröder
Warum wir einen Diskurs über die Gesichtserkennung brauchen

Auch in Deutschland gab es erste Feldversuche, wie am Bahnhof Berlin-Südkreuz.

Paul Zinken/dpa

Geil! Wenn Du in China einen der topmodernen Snackautomaten ansteuerst, wirst Du von diesem nicht nur persönlich begrüßt, Dir wird sogar Dein Lieblingsschokoriegel angeboten! Doch was für die einen nach Service klingt, lässt andere erschaudern. Woher kennt der Automat Deinen Lieblingssnack? Und warum kannst Du plötzlich keine Schokoriegel mehr kaufen, andere aber schon?

Die chinesische Regierung erprobt mithilfe von Gesichtserkennung seit einiger Zeit „Social Scoring“, eine Punktzahl für Sozialverhalten. Wer sich freundlich und rechtskonform verhält, hat Vorteile. Andernfalls verliert man Scoring-Punkte. Viele sehen darin kein Problem, nach dem Motto: „Ich habe ja nichts zu verbergen.“

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Doch die Technologie kontrolliert und bewertet Verhalten nicht nur. Sie verändert es auch. Der umfassende Einsatz von Gesichtserkennung bedroht die individuelle Freiheit. Die vieläugige Superinstanz lässt Menschen vorsichtig werden. Langsam wird das eigene Verhalten einer Norm angeglichen. Der Verlust von Individualität, Vielfalt und Freiheit ist die Folge. Kunstverliebte Paradiesvögel, liebenswerte Rebellen und fröhlich wilde Jugendliche verschwinden.

Die Technologie wird auch vom Staat eingesetzt. Er erkennt Menschen, etwa bei einer Demonstration. Der Staat weiß, mit wem man sympathisiert. Gesichtserkennung lässt Anonymität verschwinden und vernichtet Meinungsvielfalt. Sie ist gefährlich für unsere Demokratie. Daten und Algorithmen sind nicht objektiv. Gesichtserkennung ist vorurteilsbehaftet und diskriminierend. Sie erkennt und differenziert weiße Männer am besten und verwechselt Menschen mit dunkler Hautfarbe. Die Folge sind falsche Verdächtigungen und Ungerechtigkeiten gegenüber bereits marginalisierten Bevölkerungsgruppen.

Leider ist das keine ferne Dystopie. Auch in Deutschland gab es erste Feldversuche, wie am Bahnhof Berlin-Südkreuz. Kürzlich forderte die CDU-Fraktion in Niedersachsen im neuen Polizeigesetz Versuche zur Videoüberwachung mit Gesichtserkennung zu ermöglichen.

Als Vorsitzende der Jungen Liberalen bin ich offen gegenüber neuen Technologien. Gleichzeitig verteidige ich leidenschaftlich Bürgerrechte und individuelle Freiheit. Ich fordere einen öffentlichen Diskurs über Gesichtserkennung – bevor Unternehmen und der Staat sie einsetzen. Am Ende steht womöglich, dass Innenminister in Bund und Ländern sich bei der Nutzung der Technologie durch ein Gesetz selbst beschränken. Der Schutz von Vielfalt, individueller Entfaltung und Minderheiten ist das allemal wert.

Info

Zur Person

Unsere Gastautorin Ria Schröder ist seit April 2018 Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, der FDP-nahen Jugendorganisation. Die 26-Jährige ist Juristin und studiert derzeit Kunstgeschichte in Hamburg.

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