Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Odessa

Was die ukrainische Zivilgesellschaft von Europa erwartet

Aus Odessa und in Bremen zu Gast: Vertreter der ukrainischen Gesellschaft werden am Freitagabend in der Bürgerschaft diskutieren, wie der Westen im Konflikt mit Russland helfen kann.
26.10.2017, 22:40
Lesedauer: 3 Min
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Was die ukrainische Zivilgesellschaft von Europa erwartet
Von Jan-Felix Jasch
Was die ukrainische Zivilgesellschaft von Europa erwartet

Im Opernhaus von Odessa haben bereits Konzerte im Rahmen des Odessa-Classic-Festivals stattgefunden, das Alexey Botvinov organisiert.

123rf

Sie stecken die Köpfe zusammen und beraten sich kurz auf Russisch. Auf die Fragen, wie die Situation der Zivilgesellschaft im Osten der Ukraine im Moment ist, wollen sie nicht antworten, ohne sich abgesprochen zu haben. Aber so scheint es nur. Nach einem kurzen Moment beginnen der Pianist Alexey Botvinov, die Universitätsprofessorin Olga Korolkova und die engagierte Bürgerin Olexandra Kovalchuk zu erzählen. Sie wechseln dabei zwischen Deutsch und Englisch. Manchmal fallen sie wieder kurz ins Russische.

Thema Ukraine -  Olexandra Kovalchuk

Olexandra Kovalchuk ist Mitbegründerin einer Initiative, die soziale Projekte in Odessa aus den Erträgen von Restaurants fördert.

Foto: Frank Thomas Koch

Sie stammen aus Odessa, einer Stadt an der ukrainischen Schwarzmeerküste – weniger als 200 Kilometer von der Halbinsel Krim entfernt. Eine große Mehrheit der rund eine Million Einwohner zählenden Stadt spricht russisch – und identifiziert sich mit der Ukraine. So wie Botvinov, Korolkova und Kovalchuk. Sie erzählen, dass nicht jeder russisch sprechende Mensch in der Ukraine auch zu Russland gehören wolle. Damit widersprechen sie der russischen Propaganda. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Krim in einer verdeckten Militäraktion annektiert. In einem umstrittenen Referendum haben die Bewohner der Halbinsel wenig später für den Anschluss an Russland gestimmt.

Diskussionsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Botvinov, Korolkova und Kovalchuk besuchen Bremen im Rahmen einer musikalischen Städtepartnerschaft, die der Bremer Raths-Chor seit zwei Jahren mit Odessa entwickelt. An diesem Sonntag wird der international renommierte Pianist Botvinov mit weiteren Musikern im Sendesaal auftreten. Zu der Partnerschaft zwischen Bremen und Odessa gehört auch der Austausch von Meinungen. In einer Diskussionsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung werden Botvinov, Korolkova und Kovalchuk an diesem Freitag um 19 Uhr im Haus der Bürgerschaft erörtern, was die ukrainische Zivilgesellschaft von Europa erwartet.

Thema Ukraine - Alexey Botvinov

Alexey Botvinov ist ein international renommierter Pianist. In seiner Heimatstadt organisiert er das Odessa-Classic-Festival.

Foto: Frank Thomas Koch

Die drei Vertreter berichten von Ukrainern, die der eigenen Regierung in Kiew nicht mehr trauen. Zu viele Politiker seien korrupt, sagen sie. „Daher beginnen viele Menschen, selbst etwas zu tun“, sagt Kovalchuk – wie sie selbst auch. Vor der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine sei alles, was sie für ihr Land getan habe, wählen zu gehen. Nun ist sie Mitbegründerin einer Initiative, die soziale Projekte in Odessa fördert. Und so wie ihr gehe es der ganzen jüngeren Generation. Viele ihrer Freunde wollen in die Politik gehen, um korrupte Oligarchen zu ersetzen.

Auch die Professorin Korolkova, Leiterin der Fakultät für Kultur an der Universität Odessa, hat bemerkt, dass viele ihrer Studenten ihre Diplomarbeiten mittlerweile auf Ukrainisch schreiben. Sie glaubt, dass die Studenten sich abzugrenzen wollen. Dabei stehe die russische Sprache nicht im Widerspruch zu einer ukrainischen Identität. Das verdeutlichen alle drei. Es gehe nicht darum, sich gegen Russland zu stellen.

Thema Ukraine - Olga Korolkova

Olga Korolkova leitet die Fakultät für Kultur an der Universität Odessa. Die meisten ihrer Studierenden sind Frauen.

Foto: Frank Thomas Koch

Kritik am politischen System

Die ukrainische Gesellschaft sei lediglich mit dem politischen System dort nicht einverstanden. „Wir wollen nach europäischen Werten leben“, sagt Korolkova. Und wenn auch in Russland wieder Meinungs-, Presse- und persönliche Freiheit herrsche, „können die Länder wieder Freunde sein.“ Botvinov geht jedoch davon aus, dass Putin auch die Wahl im kommenden Jahr gewinnen wird. Was sie dann tun werden? „Wir warten“, sagt er. So wie er es sagt, klingt es einfach. Er meint, dass die Ukrainer weiter an sich arbeiten, ihre Identität stärken und sie gesellschaftlich weiter entwickeln.

„Wir haben schon so viel geschafft“, so Botvinov. Er fordert, dass Europa weiter an die Ukraine glaubt. Dabei denkt er nicht an finanzielle Hilfen, sondern hofft auf moralische Unterstützung. Deutschland sei dabei „der wichtigste Partner“ in Europa.

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