Essay zum Weltfrauentag Was es bedeutet, eine Frau zu sein

Weiblichkeit und Frausein, diese Worte rufen automatisch Stereotype hervor. Aber was bedeutet es eigentlich heute, eine Frau zu sein und wie hat sich unser Frauenbild verändert?
08.03.2020, 05:00
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Was es bedeutet, eine Frau zu sein
Von Lisa-Maria Röhling

Ein Adjektiv ist ein Anspruch. „Sei echt, sei selbstbewusst, rede nicht zu laut, sprich nicht zu viel, sei nicht wie die anderen Mädchen. Sei eine Lady, haben sie gesagt.“ Diese Worte stammen aus einem Gedicht der Autorin Camille Rainville, sie kursieren dieser Tage in einem Video im Internet, rezitiert werden sie von Schauspielerin Cynthia Nixon. In ihren Reimen hat die Amerikanerin die zahlreichen Widersprüche versammelt, die im 21. Jahrhundert die Ansprüche an Frauen, ihre Körper und ihre Rolle in der Gesellschaft schier unerreichbar machen.

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft gewandelt, und mit ihr auch das, was Menschen unter Weiblichkeit und Frausein verstehen. Seit sich im 19. Jahrhundert devot, lieblich und bescheiden als Kernattribute einer guten Frau etablierten, hat sich die Lage im 21. Jahrhundert gewandelt. Frauen sind Managerinnen, Bauarbeiterinnen und Soldatinnen; sie sind Mütter, Hausfrauen, Ehefrauen; sie sind Familienversorgerinnen und Geringverdienerinnen. Mit diesem Konglomerat aus verschiedenen Rollen hat sich auch die Idee von Frausein immer weiter verklärt, zumal eine Frau zu sein längst nicht mehr von biologischen Merkmalen abhängig ist.

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Aber was bedeutet es heute, eine Frau zu sein? Was ist weiblich, was ist feminin, was macht die Frau zur Frau? Und: Ist das in Zeiten, in denen Geschlechtergerechtigkeit auf dem Vormarsch ist, überhaupt noch wichtig?

Ein klares Frauenbild gab es nie. Nicht vor und schon gar nicht nach dem Anbruch der Frauenbewegung. Die Stereotype hingegen, die noch heute in politischen Debatten und selbst in der Popkultur mit Frauen verbunden werden, stammen aus dem 18. Jahrhundert: Anmut, Schönheit, Liebe, Güte, Gefühl, aber auch Abhängigkeit, Wankelmut und Schwäche. Ihre Wurzeln hatten diese Vorstellungen im Wechselverhältnis der Geschlechter – ein kultur-ideologisches Verständnis, dass Männer und Frauen unweigerlich Gegensätze darstellen. Galten Frauen also als Gefühlsmenschen, sollte der Mann sich grundsätzlich durch seinen Geist und seine Vernunft auszeichnen.

Klischees galten nur für einen Bruchteil der Frauen

Ist Weiblichkeit also bis heute von den Frauen gezeichnet, die durch Schönheit und Empfindsamkeit und nicht durch Worte und Taten auffielen? Nicht ganz, erklärt die Historikerin Birte Förster, die sich intensiv mit Geschlechtergeschichte und der Frauenbewegung auseinandergesetzt hat. Denn die Idee des untätigen, hilflosen Frauenzimmers ließ sich nur auf einen Bruchteil von ihnen tatsächlich anwenden. „Diese Klischees galten nur für einen Bruchteil der Frauen in dieser Zeit, nämlich die des Bürgertums“, sagt Förster. Gerade die um 1800 etablierte Idee, dass Frauen sich gemütlich sitzend in Wohnzimmern mit Stickarbeiten beschäftigten, hat aus ihrer Sicht nichts mit dem Alltag von Fabrik- oder Landarbeiterinnen zu tun, die sich das schlichtweg nicht leisten konnten.

Ein Kernelement dieses Stereotypes hat sich allerdings vehement gehalten: die Frau als Herrin des Haushaltes und als nachgestellte Figur hinter dem Hauptverdiener. Denn Frauen waren noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts neben der weitgehenden finanziellen Abhängigkeit auch rechtlich an ihren Vater und nach der Heirat an ihren Mann gebunden. Noch heute verdienen Frauen weniger und übernehmen Erziehungs- und Pflegetätigkeiten, in zahlreichen, vor allem konservativen Kreisen, ist Frausein außerdem immer noch eng mit Mutterschaft und Fürsorge verknüpft.

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Was historische Klischees mit einem modernen Frauenbild zutun haben? Eine Menge. Dass die Vielfalt von weiblichen Rollen auf einzelne, prominente Stereotype reduziert wird, belastet nicht nur heutige Geschlechterdiskussionen, es hat auch die Frauenbewegung entschieden geprägt. Der Irrglaube, Frauen hätten aufgrund ihres Körpers und der damit verbundenen Eigenschaften nichts im öffentlichen Raum verloren, versperrte ihnen den Zugang zur Demokratie. Politik sollte von denen gestaltet werden, die geistig und rechtlich unabhängig waren, freie Männer also, die nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet waren.

Das war eine Tochter und Ehefrau scheinbar genauso wenig wie eine Mutter. Mit dem Beginn der Psychoanalyse etablierte sich die Vorstellung, dass Frauen ausschließlich von Gefühlen und Leidenschaft geleitet würden. „Damit ging die Unterstellung einher, dass Frauen keinerlei Impuls- und Affektkontrolle hätten“, so Förster. Hysterisch, zickig, verbittert, emotional – so werden noch heute Politikerinnen und Aktivistinnen beschimpft, wenn sie energisch und leidenschaftlich für eine Sache einstehen.

Was Frauen tun und lassen hat nichts mit ihrem Körper zu tun

Eigenschaften allein machen aber Frauenbilder nicht aus. Der weibliche Körper spielt und spielte nicht nur in Bezug auf die Gebärfähigkeit, sondern auch als Sinnbild der Anmut, aber auch der körperlichen Reize eine Rolle. Und schon die Wortführerinnen der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhundert waren sich in einer Sache sicher, wenn es um die Frage ging, was Weiblichkeit ist: Was Frauen tun und lassen, was sie ausmacht, was sie antreibt, das hatte nichts mit ihrem Körper zu tun. Da hatte die Stimmrechtsbewegung das Bild der ans Haus gebundenen, naiven und unpolitischen Bestimmung der Weiblichkeit längst ins Bröckeln gebracht.

So wirkten die auf das 1918 erkämpfte Wahlrecht folgenden 20er-Jahre wie ein Befreiungsschlag, in denen Frauen plötzlich Hosen, kurze Bob-Schnitte, roten Lippenstift trugen und sich gleichzeitig als vollwertige Staatsbürgerinnen artikulierten. Mit der neuen Mode kam die körperliche Befreiung: „Es gab mehr Freiheiten und weniger Kontrolle“, sagt Historikerin Förster.

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Körperliche Freiheit war es letztlich auch, was die zweite Phase der Frauenbewegung in den 70er-Jahren entschieden vorantrieb: Mit dem Engagement gegen den Paragrafen 218 und der Kampagne „Wir haben abgetrieben“ begann der Aufbruch, der Weiblichkeit und Frausein entschieden veränderte – und bis heute verändert.

Keine der charakterlichen und körperlichen Zuschreibungen lassen heute darauf schließen, was eine Frau ist. Denn wenn Frauenbilder eines sind, dann vielfältig. Das Erscheinungsbild sagt wenig über den Einfluss einer Frau aus, das hat schon das vergangene Jahrhundert gezeigt: Selbst in der 1950er-Jahren, als in Westdeutschland und den USA die quietschbunte, in Tellerröcke gehüllte Hausfrau regelrecht propagiert wurde, waren genau sie entscheidende Akteurinnen in der sich etablierenden Konsumgesellschaft – und damit erheblich an der Wirtschaft beteiligt.

Die eine, wahre Frauenbewegung gibt und gab es nie

Nicht zuletzt ist es der Feminismus mit seinen vielen Strömungen, der zeigt, was eine Frau ist. Die eine, wahre Frauenbewegung gibt und gab es nie – auch nicht in Zeiten, als Wortführerinnen wie Alice Schwarzer die Emanzipation vorantrieben. Mit der Bewegung der 70er-Jahre kann die heutige Generation oft nur noch wenig anfangen; auch, weil sich der Feminismus inzwischen breit aufstellt. Daraus haben sich viele Frauenbilder entwickelt, und damit Muster für unendlich viele weibliche Vorbilder mit Migrationshintergrund, körperlichen Einschränkungen, die Kopftuch tragen, die Transpersonen sind, die Managerinnen sind, die Krankenpflegerinnen sind. Aber „die Frau“? Sie ist ein Stereotyp genauso wie eine Idee, eine Vorstellung, ein Ideal.

So vielfältig die Ansprüche sind, die an Frauen gestellt werden, so vielfältig sind sie wirklich. Nur eines lässt sich wohl mit Sicherheit über jede Frau sagen: Wer sie ist, das bestimmt sie selbst.

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