Gastbeitrag von Antonia Rados Wegschauen kann teuer sein

Man hilft Flüchtlingen nicht, um seine Ruhe zu haben. Man hilft, weil wegschauen teuer sein kann - siehe die Flüchtlingskrise 2015, schreibt die Fernsehjournalistin Antonia Rados im Gastbeitrag.
18.03.2019, 13:53
Lesedauer: 2 Min
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Von Antonia Rados

Nicht alles ist vorhersehbar, einiges schon: Einige Monate vor der Flüchtlingswelle 2015, im Winter davor, traf ich internationale Helfer in der türkischen Stadt Gaziantep.

Die Stadt war voll mit syrischen Familien. Täglich kamen neue über die Grenze. Sie brauchten Decken, Kindernahrung, Medizin. Die Kassen seien aber zunehmend leer, sagten die Organisationen. Westliche Geberländer wie die USA oder die EU kürzten ihre Zuwendungen. Warum, konnte mir niemand erklären. Der Syrien-Krieg, 2011 ausgebrochen, war aus den Schlagzeilen verschwunden. Vergessene Konflikte sind in den Augen vieler eben keine Konflikte mehr – auch in den Augen von Geldgebern.

Damals mussten in der Türkei, wo 2,5 Millionen Syrerinnen und Syrer Zuflucht gefunden hatten, Schulen für syrische Kinder, ohnehin nur provisorisch eingerichtet, geschlossen werden. Das niedrige Tagegeld für Familien wurde gekürzt. Ein Syrer klagte, als ich ihn in seiner ärmlichen, kalten Bleibe besuchte, er würde weder ein noch aus wissen. Zwei seiner Söhne, um die 16, hatten keinerlei Zukunftsaussicht. Möglich, dass sie Monate später im Flüchtlings-Treck Richtung Europa mitzogen.

Besser, die Menschen hätten die gefährliche Reise nicht in Kauf nehmen müssen. Flüchtlingsleben ist kein Honigschlecken. Ich sehe das immer wieder als Beobachterin. Sicherlich: In Deutschland überlebt es sich zum Glück leichter als in den Ländern des unruhigen Nahen Ostens, auch wenn man über Syrien jetzt kaum mehr etwas hört. Wir befinden uns wieder in einem Nachrichtenloch. Obwohl in türkischen Städten und Lagern weiter Millionen syrische Zivilisten leben. Darüber hinaus in Jordanien rund 650 000. Im Libanon rund 1,5 Millionen.

Kaum einer kann in seine Heimat zurück. Wohin soll er? In Städten wie Aleppo liegen ganze Häuserreihen in Trümmern. Rückkehrer sehen das übliche Bild, das jedes zerstörte Land bietet: Die Arbeit von Armeen ist blitzschnell erledigt – die von Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz ist ein Geduldspiel, denn ein zusammengebrochenes Gebäude wieder zu errichten, dauert Jahre.

Daher stehen wir heute, acht Jahre nach dem Syrien-Krieg beinahe wieder dort, wo wir, als ich in Gaziantep meine Reportage drehte, standen. Die Flüchtlinge haben sich nicht einfach in Nichts aufgelöst. Die humanitäre Notlage ist immer noch präsent. Es besteht die Gefahr, dass beim Wegschauen eine neue, vielleicht schlimmere Krise daraus erwächst. Hilfe ist eben kein unnötiger Luxus. Man hilft nicht, um seine Ruhe zu haben. Man hilft, weil wegschauen teuer sein kann – siehe die Flüchtlingskrise 2015.

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Zur Person

Unsere Gastautorin

ist Fernsehjournalistin. Für ihre Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Botschafterin des Deutschen Roten Kreuzes.

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