Kommentar zur Homöopathie Weniger Kügelchen, mehr Gespräche

Der Wirkstoff in Globuli-Kügelchen ist häufig so stark verdünnt, dass er später im Mittel nicht einmal mehr nachweisbar ist. Weshalb schwören dennoch so viele Menschen auf Homöopathie?
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Weniger Kügelchen, mehr Gespräche
Von Sara Sundermann

Es wird wieder öffentlich gestritten über Homöopathie, und das ist gut so. Im Privaten ist das Thema – das wissen Befürworter wie Gegner der weißen Kügelchen – oft ein Reizthema. Wer bei Familienfeiern oder an Weihnachten hitzige Debatten vermeiden will, spart Themen wie Einwanderung, Feminismus und Globuli besser aus. Dabei lohnt es sich allemal, den eigenen Blick auf die Homöopathie zu schärfen.

Doch auch die Grünen wollen dieses Thema auf ihrem Bundesparteitag, der am Freitag begonnen hat, erst einmal vertagen und eine Kommission einrichten, die eine klare Position erarbeiten soll. Die Partei ist in dieser Frage gespalten. Denn einerseits sind viele Grünen-Anhänger gebildet und setzen auf wissenschaftliche Erkenntnisse, andererseits gibt es gerade im Öko-Bildungsbürgertum viele Befürworter von Globuli, die offen für esoterische Einflüsse sind.

Wissenschaftler stellen immer wieder klar, dass Globuli keine Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus haben. Dazu gibt es umfassende Studien und Metastudien, die hohen Qualitätsansprüchen standhalten. Placebo-Effekt bedeutet: Wer Tabletten oder Kugeln ohne jeden Wirkstoff einnimmt, aber davon ausgeht, dass diese ihm gut tun, dem geht es oft schneller besser, als wenn er kein Mittel einnimmt.

Klar machen sollte man sich immer mal wieder, worauf Globuli basieren: Ein Wirkstoff wird so stark verdünnt, dass er am Ende oft nicht mehr nachweisbar ist. Bei Mitteln der Potenz D24 zum Beispiel (und das ist noch nicht die höchste Potenz!) ist nur in jeder zweiten Lösung überhaupt noch ein einziges Molekül der Urtinktur vorhanden. Wer glaubt, ein solches Mittel könne ihm helfen, müsste auch glauben, dass ein einziger Tropfen, den man in den Atlantik gibt, den ganzen Ozean spürbar verändert. Man denke nur einmal daran, was es dann für Auswirkungen haben müsste, wenn ein Kind ins Mittelmeer pinkelt – von Verschmutzungen durch Öl und Mikroplastik ganz zu schweigen. Die Spiegel-Online Kolumnistin Margarete Stokowski hat Homöopathie als „staatlich gefördertes magisches Denken“ bezeichnet. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ verwies auf den inneren Widerspruch von Grünen, die einerseits wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel hochhalten und andererseits Forschern misstrauen, die die Wirkungslosigkeit von Globuli nachweisen.

Homöopathie wird damit beworben, natürlich zu wirken. Doch was genau ist natürlich an Zuckerkügelchen mit einem Wirkstoff, der so stark verdünnt wurde, dass er quasi nicht mehr vorhanden ist? Die Beliebtheit von Globuli ist ein Beleg dafür, wie stark das Tabletten-Ritual in unserer Gesellschaft verankert ist. Wer sich nicht gut fühlt, und sei es auch nur wegen einer Erkältung, der fühlt sich schnell bemüßigt, etwas einzunehmen. Haben wir verlernt, bei leichteren Erkrankungen geduldig und hoffnungsvoll zu sein, unserem Körper und unserem Arzt zu vertrauen? Brauchen wir kleine Schachteln und Fläschchen mit weißen Pillen, um das Gefühl zu haben, etwas tun zu können? Bekannt ist, dass viele Hausärzte Placebos verschreiben – weil Patienten ein Medikament für eine Beschwerde einfordern, bei der keine Arznei hilft und man schlicht abwarten müsste.

Allerdings müssen auch Schulmediziner wie die Bremer Ärzte, die zuletzt zu Recht die Homöopathie infrage stellten, Kritik aushalten. Denn geht eine homöopathische Behandlung mit einem ausführlichen Erstgespräch einher, bei dem Patienten auch zu ihrer Lebenssituation und Vorgeschichte befragt werden, dann gibt es etwas, was beim Arzt oft fehlt: Zeit und Aufmerksamkeit. In unserem Gesundheitssystem haben Ärzte oft kaum eine andere Wahl, als Patienten schnell zu behandeln – häufig sehr schnell. Wer sich bei einer Blitzvisite nicht gut aufgehoben fühlt, wandert oft ab – zum Beispiel zu einem weniger gut ausgebildeten Homöopathie-Experten, der sich aber Zeit für ihn nimmt. Ein gutes Gespräch kann einen Heiler sehr attraktiv machen.

Gute Kommunikation ist nicht nur wichtig, damit Patienten sich ernst genommen fühlen, sondern auch, damit sie den Rat ihres Arztes und die nächsten Schritte überhaupt verstehen können. Dass gute Kommunikation regelmäßig zu kurz kommt, ist eine fatale Lücke im System. Und diese Lücke hat den Aufstieg der Homöopathie mit ermöglicht. Das, womit sich die Homöopathie schmückt, nämlich eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen, davon braucht es mehr im medizinischen Alltag. Dafür aber müssten Ärzte die Gesprächszeit viel besser abrechnen können als es derzeit möglich ist. Wichtig wäre: weniger Kügelchen und mehr Gespräche.

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