Kommentar über tweetende Politiker Wenn Politiker twittern

Ob mit oder ohne Regierungsamt - Poltiker bedienen sich sozialer Medien, unter anderem, um junge Leute zu erreichen. Das ist allerdings ein Unterfangen mit wenig Chancen auf Erfolg, vermutet Silke Hellwig.
19.02.2019, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Politiker twittern
Von Silke Hellwig

Aus der Senatskanzlei im Rathaus wird getwittert (@RathausHB_news), aus dem Wirtschaftsressort (@SWAHBremen), und auch Bildungssenatorin Claudia Bogedan (@Bogedan) twittert. Carsten Sieling ist – wie andere Senatoren – auf Facebook aktiv, allerdings quasi als Privatperson. Die Zahl der Adressaten ist übersichtlich: Das Ressort für Wirtschaft, Arbeit und Häfen versorgt knapp 350 Abonnenten mit Tweets, Senatorin Bogedan an die 1100, die Senatskanzlei gut 4000.

So zum Beispiel vor einigen Tagen mit dem Hinweis auf eine Veranstaltung, die sich auch mit Regierungskommunikation beschäftigte: „Bürgermeister Dr. Carsten Sieling eröffnet Kolloquium „Brauchen wir eine neue Staatskunst“: „Es ist höchste Zeit für eine gesellschaftliche Diskussion über Grundrechte im digitalen Zeitalter. #Digitalisierung soll dem Menschen dienen.“

Selbst Habecks Reichweite war gering

Wen soll dieser Tweet ansprechen? Junge Menschen, die auf Twitter herumstrolchen? Bremer, die nach den neuesten Nachrichten gieren? Parteifreunde und Journalisten? Weder das eine noch das andere. 2019 Politik zu machen, bedeutet auch: Ich twittere, ich poste, ich kommentiere, also bin ich. Nicht anders ist zu erklären, dass die Entscheidung des grünen Parteivorsitzenden Robert Habeck, seine Twitter- und Facebook-Accounts zu löschen, zu einer Nachricht (in den klassischen Verbreitungskanälen) werden konnte. Ein Spitzenpolitiker offline?

Überlebt er das, vor allem auch politisch? Doch selbst Habecks Reichweite (an die 50 000 Follower auf Twitter und Facebook) war gering, stellt man ihr die des US-Präsidenten Donald Trump gegenüber. Mehr als 58 Millionen Menschen können ungefiltert und verknappt erfahren, was er zu sagen hat. Spricht er damit besonders junge US-Amerikaner an? Wer weiß – bei den Midterms, den Halbzeitwahlen im November 2018 wählten 68 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 66 Prozent der 25- bis 29-Jährigen die Demokraten. Und kein Experte wird beantworten können, ob die Mehrheit der jungen Menschen die Republikaner nicht wählte, weil sie Trumps Politik in Tweets nicht mitbekam oder gerade darum.

Wie erreicht man junge Menschen? Diese Frage stellen sich Parteien und Politiker schon seit Jahren mit diversen digitalen Experimenten. Im Bayernzelt chatteten Bremens Senatsmitglieder vor gut 18 Jahren unter Beobachtung einer Webcam. Die Bundesregierung betreibt einen Youtube-Kanal mit rund 24 000 Abonnenten. Das älteste abrufbare Video zeigt, wie die Kanzlerin einem auffällig schnieken Politikstudenten erläutert, was sie nach Asien führt.

Die „Süddeutsche Zeitung“ machte eine einfache Rechnung auf, als sich die Kanzlerin 2015 den Fragen des Youtube-Stars LeFloid stellte: „Sie bekommt PR auf einem Kanal, den junge Wähler konsumieren, die traditionelle Medien und Institutionen nicht mehr erreichen. Die Tagesschau verfolgen etwa 1,75 Millionen junge Zuschauer. LeFloids Show, die zwei Mal wöchentlich erscheint, hat zweieinhalb Millionen Abonnenten.“ Im Wahljahr 2017 setzte sich Merkel den Fragen der Videoblogger MrWissen2Go, ItsColeslaw, Alexi Bexi und Ischtar Isik aus. Etwa 55 000 Zuschauer sahen dabei zu. Alter unbekannt.

Trump erklärt seine Welt

Es reicht also offensichtlich nicht, sich in der Nähe des Nachwuchses aufzuhalten, ob analog oder digital. Frauen und Männer in Hosenanzügen werden in angesagten Clubs links eben liegen gelassen, selbst wenn sie mit dem Fuß zur Musik wippen. Die Senatskanzlei und die Bundesregierung wären besser beraten, jungen Menschen auf Twitter zu folgen, um ihre Lebenswelt kennenzulernen, als zu erwarten, dass Tausende Erstwähler aus eigenem Antrieb auf ihre Push-Nachrichten warten.

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Politische Botschaften können nicht durchweg in Häppchen zerlegt und leicht konsumiert werden. Information, die diesen Namen verdient, verträgt sich nicht immer mit schnell und schon gar nicht mit kurz – angesichts komplexer Entwicklungen heute weniger denn je. Trump erklärt seinen Followern schließlich nicht die, sondern seine Welt. Dass Twitter und Politik nicht recht zusammen passen wollen, liegt schon in der Natur des Mediums begründet. Kann man seriös über Politik zwitschern?

Habeck ist offline. „Die Momente, in denen ich früher zum Telefon gegriffen und die App gestartet hätte, nutze ich jetzt, um Hintergründe zu anstehenden Terminen zu lesen. Das ist ein Gewinn“, sagte er laut Hannoversche Allgemeine Zeitung. In den sozialen Netzwerken nennt man das TMI – too much information, darunter versteht man Details, die einem lieber erspart geblieben wären.

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