Kommentar über den Wiederaufbau

Syrien ist Europas großes Dilemma

Die Europäer haben sich beim anstehenden Wiederaufbau Syriens noch nicht positioniert. Es besteht die Gefahr, dass der anhaltende Hunger weitere Flüchtlinge nach Europa treiben wird, analysiert Birgit Svensson.
03.07.2020, 07:00
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Syrien ist Europas großes Dilemma
Von Birgit Svensson
Syrien ist Europas großes Dilemma

Trümmer in Aleppo: Im zehnten Jahr des Bürgerkriegs leiden die Menschen unter den Folgen der Gewalt.

HASSAN AMMAR/DPA

Syrien 2018: Sicherheit und Hoffnung liegen in der Hochburg der Aufständischen in Ost-Ghouta, in der Nähe von Damaskus, unter der Erde. Eine Gruppe mutiger Ärzte und Krankenschwestern hat der humanitären Katastrophe des Krieges etwas entgegengesetzt: eine weitverzweigte unterirdische Klinik, genannt The Cave. Es ist die letzte Bastion für die seit Jahren belagerten Zivilisten, wo sie noch Schutz finden vor Giftgasangriffen und vor den schweren Bombardierungen der Assad-Truppen und ihrer russischen Verbündeten.

The Cave wird von Amani Ballour, einer jungen Frau geleitet. Das gesamte Team, auch die Männer, haben für sie als Direktorin gestimmt. Was unter normalen Bedingungen in Syrien undenkbar wäre, ist in Zeiten des Bürgerkrieges möglich. Der Dokumentarfilm, „Eine Klinik im Untergrund“, den die ARD am Mittwochabend zeigte, ist ein Zeitdokument und gibt einen tiefen Einblick in die Grauen eines Krieges. Völlig zu Recht ist er für den Oskar nominiert. „Die Idee, unter die Erde zu gehen ist simpel, so simpel wie der Tod, der oben auf uns lauert“, sagt die Direktorin der Untergrundklinik am Anfang der Dokumentation.

Giftgas gegen die eigene Bevölkerung

Der Film ist harter Tobak, die Aufnahmen sind echt. Kein Ketchup, keine rote Farbe, echtes Blut. Und die Giftgasangriffe, denen die Ärzte schutzlos ausgeliefert sind. Bashar al-Assad setzt tödliches Gift gegen seine eigenen Landsleute ein. Nicht nur in Ost-Ghouta, auch anderswo. Es ist schwer zu glauben, dass die Menschen ihm das jemals verzeihen werden.

Auch wenn Assad bald wieder das ganze Land unter seine Kontrolle bringt, wird er überall mit den Folgen seiner grausamen Herrschaft konfrontiert sein: Scherben, Trümmer, menschliche Wracks. Bis zu 400 Milliarden Dollar werden die Reparatur der Strom- und Wasserversorgung sowie der Wiederaufbau von Schulen, Krankenhäusern, Fabriken und Wohnhäusern kosten, so die Schätzungen. Bei der Syrien-Geberkonferenz in dieser Woche kamen 6,9 Milliarden Euro zusammen. Allein Deutschland hat 1,58 Milliarden Euro zugesagt. Doch im Vergleich zu den benötigten Summen für den Wiederaufbau ist das nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

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Für die Europäer ist Syrien ein großes Dilemma. Beteiligt sich der Westen am Wiederaufbau des Landes, spielt das Assad in die Hände. Verweigert der Westen seine Unterstützung, wird die Not der Bevölkerung weiter andauern und die syrischen Flüchtlinge werden nicht in ihre Heimat zurückkehren. Die Amerikaner haben sich eindeutig positioniert: kein Geld für Assad. Neue Sanktionen sollen das unterstreichen. Sie richten sich gegen den syrischen Präsidenten und dessen Machtelite, 39 Namen stehen auf einer Liste. Es handele sich um den Beginn einer Kampagne, um Assad mit wirtschaftlichem und persönlichem Druck in die Knie zu zwingen, heißt es aus Washington. Die USA wollen künftig sogar Firmen aus Drittstaaten bestrafen, wenn sie sich am Wiederaufbau in Syrien beteiligen. Es ist allerdings fraglich, ob sich der Assad-Clan von den Sanktionen beeindrucken lässt. Fakt ist, dass bei ihrem Inkrafttreten sofort die Währung einbrach, die Preise in die Höhe schnellten und so die Not der Bevölkerung noch größer wird. Beinahe täglich steigen die Preise für Lebensmittel.

Geld für die Flüchtlinge in Jordanien und Libanon

Die Europäer haben sich noch nicht eindeutig positioniert. Es besteht die Gefahr, dass der Hunger weitere Flüchtlinge aus Syrien nach Europa treiben wird. Wie also verfahren? Einziger Ausweg aus diesem Dilemma: Ja zur humanitären Hilfe, Nein zur Wiederaufbauhilfe und damit zur indirekten Unterstützung Assads. Darauf scheinen die EU und Deutschland zu setzen. Das Geld soll die Not der Menschen lindern, aber auch den Flüchtlingen in Jordanien und Libanon helfen.

Aber was passiert mit den Trümmern in Syrien? Wer kehrt die zusammen? Dafür sollte, ja, muss Russland in die Verantwortung genommen werden. Präsident Wladimir Putin muss Assad dazu zwingen, dass er geht. Oder aber der starke Mann in Moskau muss selbst die Milliarden in den Wiederaufbau jenes Landes pumpen, das seine Luftwaffe zerbombt hat.

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