Der 30-Tage-Präsident Böhrnsen dankt ab

Wer zieht ins Schloss Bellevue?

Berlin . Jens Böhrnsens Zeit als Staatsoberhaupt geht zuende. Die Bundesversammlung wählt heute einen neuen Bundespräsidenten.
29.06.2010, 06:00
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Wer zieht ins Schloss Bellevue?
Von Jürgen Hinrichs
Wer zieht ins Schloss Bellevue?

Als Staatsoberhaupt hatte Jens Böhrnsen verschiedenste Aufgaben zu bewältigen. Hier sprach er bei einem Empfang für die

dpa

Berlin . Jens Böhrnsens Zeit als Staatsoberhaupt geht zuende. Die Bundesversammlung wählt heute einen neuen Bundespräsidenten.

Es waren 30 Tage, in denen Bremens Bürgermeister etliche Male in Berlin war, um dort zu tun, was ein Staatsoberhaupt eben zu tun hat: Botschafter akkreditieren, Preise verleihen, Reden halten, Urkunden unterschreiben, Orden anheften, Präsidenten empfangen oder Vollmachten erteilen. Er hat das gut gemacht, da sind sich die Beobachter einig.

Kein Patzer in den Zwängen des Protokolls, das selbst dem Präsidenten vorschreibt, wo er zu stehen, was er zu tun und mit wem er zu reden hat. Böhrnsen ist immer brav in der Spur geblieben, er wollte es so und konnte auch gar nicht anders. Der Bürgermeister und zeitweilige Bundesratspräsident als Sachwalter der Befugnisse des Bundespräsidenten.

Er hat nicht im Traum dran gedacht, dass es je so kommen könnte, wie auch, das gab?s ja noch nicht, dass ein Bundespräsident seinem Land so mir nichts dir nichts von der Fahne geht. Als Horst Köhler am 31. Mai seinen Rücktritt erklärt, im gleichen Raum übrigens, in dem Jens Böhrnsen drei Tage später seinen ersten großen Auftritt im Schloss Bellevue hat, da ist das wie ein Schock für Deutschland. Köhler genießt großes Ansehen im Volk, dass er nun geht, so plötzlich und in solchen Krisenzeiten, wird als weiteres Zeichen gewertet, dass etwas faul ist im Staat.

Ganz oben - und unverändert

Böhrnsen bedauert den Rücktritt und findet es würdelos, wie Stunden später schon über die Nachfolge spekuliert wird. Er selbst muss nun aber erst einmal verdauen, was da auf ihn zukommt: von einer Stunde zur anderen ganz oben zu stehen und Aufgaben zu übernehmen, die mindestens ungewohnt sind. 'Ich bin nicht größer geworden', betont er am Tag darauf, 'mein Leben hat sich nicht verändert.' Alles an ihm signalisiert Gelassenheit. Leute, sagt er mit Blicken und Gesten, lasst die Kirche im Dorf, ich bin Jens Böhrnsen, Bürgermeister von Bremen, das zuerst.

Doch natürlich gibt es jetzt Wirbel um ihn. Von 'Focus' bis 'FAZ' sind sie alle hinter ihm her; was ist das für einer, wollen die Medien wissen, wie tickt dieser Mann, den außerhalb Bremens kaum jemand kennt und der jetzt einen Monat lang den Schlüssel hat fürs Schloss in Berlin. 'Der Stille aus dem Norden', wird er in den Berichten genannt, zurückhaltend sei er, sanft und gewissenhaft - überall die gleichen schablonenhaften Attribute. Eine Zeitung, der Berliner 'Tagesspiegel', hebt Böhrnsen als 'Der soziale Mensch aus Gröpelingen' in die Schlagzeile. Ein Image zum Herzerweichen.

Die Leute im Rathaus sind stillvergnügt, wenn sie so etwas lesen. 'Wir müssten das mal ausrechnen lassen, der Werbeeffekt wäre wahrscheinlich nicht zu bezahlen', sagt ein enger Mitarbeiter von Böhrnsen. Wie sein Chef ist er klug genug, die Präsidenten-Nummer nicht zu überreizen. Das wäre anmaßend und stünde dem Bürgermeister, der so viel Wert auf Bescheidenheit legt, schlecht zu Gesicht.

Klar ist, dass er auch so davon profitiert, auf der großen Bühne zu stehen und seinen doch eher bescheidenen Bekanntheitsgrad zu mehren. Böhrnsen strebt für Mai kommenden Jahres seine Wiederwahl an, soll er unglücklich darüber sein, dass ihn die Menschen auf der Straße jetzt häufiger erkennen? Beim ersten Mal im Schloss Bellevue, am Donnerstag nach dem Montag der Köhler-Kapitulation, stellt sich Böhrnsen den Hauptstadt-Journalisten vor. Er spricht vor einer Wand von Kameras, ruhig, sachlich und eine Spur zu trocken.

Es geht zeitweise zu wie in einem juristischen Proseminar. Böhrnsen, in früheren Zeiten mal Verwaltungsrichter, weist auf die Verfassungslage hin, dass nämlich bei 'vorzeitiger Erledigung des Amtes' des Bundespräsidenten der Bundesratspräsident dessen Befugnisse übernimmt. Nachzulesen in Artikel 57 des Grundgesetzes. Eigentlich soll er am gleichen Tag auch noch einen Staatsgast empfangen, den Präsidenten von Somalia, doch der sagt kurzfristig ab. Vielleicht, weil es

Böhrnsen ist, der jetzt in Berlin empfängt und nicht mehr Köhler. Horst Köhler ist ein großer Freund Afrikas und hatte dorthin schon als Chef des Internationalen Währungsfonds intensive Kontakte gepflegt. Wie auch immer, Böhrnsen bleibt es auf diese Weise erspart, als Kriegsdienstverweigerer eine militärische Formation abschreiten zu müssen. Im ungeübten Gleichschritt mit seinem Gast, ob das gut gegangen wäre?

Später, am 15. Juni, dann aber doch noch etwas Soldatisches: Großer Zapfenstreich für Horst Köhler. Drei Männer nehmen mit mal ernsten, mal freundlichen Mienen im Garten von Schloss Bellevue die Parade ab. In der Mitte Köhler, links von ihm Böhrnsen und rechts Karl-Theodor zu Guttenberg, der Verteidigungsminister. 'Da stand er die ganze Zeit dabei', schreibt die Süddeutsche Zeitung, 'der Gastgeber als Statist: seine Exzellenz, die Unauffälligkeit'. Der Abschied geschieht im Fackelschein und so spät am Abend, dass der Bürgermeister über Nacht ausnahmsweise in Berlin bleibt. Er hat dort privat eine kleine Wohnung, nichts Besonderes und bestimmt kein Schloss.

Zwischendurch einfach nur Jens

An seinem Geburtstag, Jens Böhrnsen ist am 12. Juni 61 Jahre alt geworden, geht es mal nicht um Staatsgeschäfte. Der Bürgermeister ist Bürgermeister an diesem Tag. Und Geburtstagskind. Als er am Vormittag im Rathaus einen Festakt besucht und dem Landesverband der Gartenfreunde zum 100. Geburtstag gratuliert, da bringen die 500 Gäste in der Oberen Rathaushalle dem Bürgermeister ein Geburtstagsständchen. Böhrnsen ist jetzt Jens, ganz einfach nur Jens.

Zwischendurch in diesem turbulenten Monat ist er kurz mal bei einer Königin. Bei Beatrix in Den Haag. Der Besuch ist lange angebahnt, Böhrnsen fährt als Bundesratspräsident, ein Amt, das er als kommissarischer Bundespräsident eigentlich ruhen lassen sollte, wie es anfangs hieß. Der Königin wegen solcher Formalien einen Korb zu geben, kam für Böhrnsen aber nicht in Frage. Also sitzt er an diesem Tag schon wieder in einem Schloss und wird im Palast Noordeinde mit allen Ehren zu einer Audienz empfangen.

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