Kommentar über den Schutz vor Werbetracking

Das Missbrauchspotential ist groß

Verbraucher können nur wirksam geschützt werden, wenn das Werbetracking allein auf Basis der Einwilligung jedes Einzelnen oder zu gesetzlich festgelegten Zwecken erfolgen darf, meint Gastautor Klaus Müller.
06.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Klaus Müller
Das Missbrauchspotential ist groß

Unser Gastautor Klaus Müller, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV).

Wolfgang Kumm/dpa

Werbung ist das dominierende Geschäftsmodell im Internet – und steht seit Langem in der Kritik. Denn für personalisierte Werbung erfassen Unternehmen mit Tracking-Technologien auch intime Wünsche und Verhaltensweisen der Verbraucherinnen und Verbraucher, beispielsweise Informationen über „werdende Eltern“ oder „Raucher“ – und führen diese in Profilen zusammen. Dass die Sorge vor Missbrauch berechtigt ist, zeigen die Datenskandale der vergangenen Jahre.

Erst im Juni stieß der US-Sicherheitsexperte Anurag Sen nach Berichten des Nachrichtenportals Tech Crunch auf eine ungeschützte Datenbank des Werbeunternehmens Blue Kai. Diese enthielt Milliarden von Nutzerdaten in einem erschreckenden Detailgrad. So konnte ein Mann identifiziert werden, der am 19. April zehn Euro bei einem Sportwettenanbieter einzahlte, da der – vermeintlich pseudonymisierte – Datensatz unter anderem seine Anschrift, Telefonnummer und Mailadresse enthielt.

Durch solche Datensammelpraktiken entsteht eine erhebliche Machtasymmetrie. Das Missbrauchspotenzial ist groß und kann von der Manipulation von Kaufentscheidungen über die Beeinflussung von Wahlen bis hin zur Diskriminierung bestimmter Verbrauchergruppen reichen.

Mit der E-Privacy-Verordnung will die EU-Kommission Verbraucher besser vor solchen Auswüchsen schützen. Doch der EU-Ministerrat kann sich seit über dreieinhalb Jahren nicht auf eine akzeptable Position einigen. Anfang Juli hat die Bundesregierung, die derzeit die Ratspräsidentschaft innehat, ein Optionenpapier vorgestellt. Das Papier gibt Anlass zur Sorge: Die bisher in Deutschland gängige Praxis des Werbetrackings – ohne Einwilligung der Betroffenen und mit geringen Schutzmaßnahmen – soll beibehalten beziehungsweise ausgeweitet werden. Dabei wurde diese Praxis erst durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesgerichtshofs für unzulässig erklärt. Diese Vorschläge würden somit hinter der bisherigen Rechtslage zurückbleiben und die Praktiken der Online-Werbeindustrie erleichtern, statt sie zu erschweren – zulasten aller Verbraucher.

Der EU-Ministerrat muss daher den Schutz persönlicher Daten und die Vertraulichkeit in der elektronischen Kommunikation in den Vordergrund stellen. Wir brauchen ein starkes europäisches Signal für den Schutz der Verbraucherdaten. Verbraucher können aber nur dann wirksam geschützt werden, wenn das Werbetracking ausschließlich auf Basis der Einwilligung eines jeden Einzelnen oder zu gesetzlich festgelegten strikten Zwecken erfolgen darf.

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Zur Person

Unser Gastautor

ist seit 2014 Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Er war von 2000 bis 2005 Umweltminister für die Grünen in Schleswig-Holstein sowie Bundestagsabgeordneter.

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