Gastkommentar über den Wert der Arbeit Eine Neubewertung von Berufen und Tätigkeiten ist nötig

Woran lässt sich der Wert der Arbeit bemessen? Die Corona-Pandemie zeigt, dass eine generelle Neubewertung von Berufen und Tätigkeiten nötig ist, meint unser Gastautor Günter Warsewa.
07.02.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Günter Warsewa

Ein gewisses Maß an Ungleichheit braucht jede Gesellschaft, und es ist die Erwerbsarbeit, die dem Einzelnen mittels Ansehen und Einkommen seinen Platz im sozialen Gefüge zuweist. Solange die dadurch hergestellten Ungleichheiten akzeptiert werden, schafft Arbeit Ordnung und Zusammenhalt. Diese wichtige Funktion geht jedoch zusehends verloren, denn Ungleichheit durch Arbeit wird zunehmend als Ungerechtigkeit erfahren. Damit verkehren sich die integrativen Wirkungen von Arbeit in ihr Gegenteil. Corona zeigt, dass eine generelle Neubewertung von Berufen und Tätigkeiten nötig ist.

Der reale Wert von Arbeit für die Gesellschaft, ihre Systemrelevanz, folgt eben nicht nur dem gängigen Muster, nach dem hoher Bildungsabschluss, berufliche Position und Einkommen als Maßstab individueller Leistung interpretiert werden. Dass Systemrelevanz und Sozialprestige von Berufen und Tätigkeiten weit auseinanderfallen können, wurde zum Beispiel in der Finanzkrise anhand der Banker und ihrer Boni deutlich. Gleiches gilt für Bundesligaprofis, deren Gehälter im Durchschnitt gut 40-mal so hoch sind wie bei einer Krankenschwester – obwohl deren Tätigkeit zu den systemrelevanten Berufen zählt.

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Was für die Krankenschwester gilt, gilt verstärkt für etliche weitere Berufe, die überwiegend durch geringes Ansehen und miserable Bezahlung gekennzeichnet sind. Gleichzeitig erleben wir deren Unverzichtbarkeit für die Aufrechterhaltung von Versorgung und gesellschaftlicher Normalität. Häufig gehen diese Tätigkeiten unter Corona-Bedingungen zudem mit erhöhtem Arbeitseinsatz sowie erhöhten Ansteckungs- und Verbreitungsrisiken einher.

Die tatsächliche Leistung für die Gesellschaft bemisst sich also auch daran, welche Rolle man für die Aufrechterhaltung von Versorgung und gesellschaftlicher Normalität spielt und welche Risiken man damit im Interesse der Allgemeinheit eingeht. Diese Erkenntnis müsste eine Neubewertung von Arbeit und Arbeitsleistung sowie konkrete Aufwertungen durch Arbeitsverträge, Tarifverhandlungen, Steuer-, Familien- und Sozialpolitik bewirken. Das wäre ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Tatsächlich deutet sich in den politischen Reaktionen das Gegenteil an. Pauschale Steuergeschenke an diejenigen werden beschlossen, die im Homeoffice davon profitieren, dass „die Alltagsheldinnen und -helden“ den Laden am Laufen halten, Risiken und Belastungen auf sich nehmen und dafür mit Applaus und warmen Worten belohnt werden.

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Zur Person

Unser Gastautor ist stellvertretender Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. Der promovierte Sozialwissenschaftler forscht unter anderem zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

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