Kommentar über Wolfgang Schäuble

Wertvolle Erfahrung

Schäuble war immer eher der, der Tacheles redete und aussprach, was andere dachten. Einer, der nicht nur redete, sondern auch einen Plan hatte, schreibt EU-Korrespondentin Mirjam Moll.
09.10.2017, 20:59
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Wertvolle Erfahrung
Von Mirjam Moll
Wertvolle Erfahrung

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nahm in Luxemburg zum letzten Mal an einem Treffen der Finanzminister der Eurogruppe teil.

dpa

Mit Wolfgang Schäuble verliert die Eurogruppe einen, dem es nichts ausmacht, als Galionsfigur im mitunter scharfen Gegenwind zu stehen. Längst ist seine Figur nahezu untrennbar mit dem Gremium der Währungsgemeinschaft verbunden. Während die Vorsitzenden und viele seiner Amtskollegen wechselten, blieb er über Jahre die Konstante.

Das brachte ihm wertvolle Erfahrung. Als Eurogruppenchef mag er nie in Frage gekommen sein – auch, weil es ihm mitunter an dem Charme und diplomatischem Geschick fehlt, das der derzeitige Vorsitzende Jeroen Dijsselbloem vor allem in der Griechenlandkrise unter Beweis stellte.

Schäuble hingegen war immer eher der, der Tacheles redete und das aussprach, was andere dachten. Einer, der nicht nur redete, sondern auch einen Plan hatte – wie man die Hellenen vor der Staatspleite retten kann, aber auch, in welche Richtung die Eurozone sich weiterentwickeln kann oder vielleicht sogar muss.

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Wenn etwa Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als europhiler Visionär auftritt, hat Schäuble keine Scheu, den Realisten zu mimen. Nicht ohne Grund hinterließ er seinen Amtskollegen mit seinen Gedanken zur Eurozone eine Art Arbeitsvorlage, vielleicht sogar einen Ratgeber. Der Idee eines eigenen Eurohaushalts erteilt er zwar keine komplette Absage, gibt aber zu bedenken, dass sich ein solches Budget genauso wie auf EU-Ebene nicht auf Schulden begründen darf – zu Recht.

Auch der Vorschlag, den Europäischen Stabilitätsmechanismus nicht nur zu einem Währungsfonds auszubauen, sondern diesem noch dazu die Aufsicht über die Einhaltung der Stabilitätskriterien zu überlassen, scheint sinnvoll. Zu oft zauderte die Kommission, Mitgliedstaaten zu sanktionieren, die sich nicht an die Regeln halten.

Neben Schäuble könnte nach den Neuwahlen in Österreich auch Amtskollege Hans Jörg Schelling als Finanzminister ausscheiden. Auch er ist einer, der Klartext redet. Spätestens im Januar wird Vorsitzender Jeroen Dijsselbloem ebenfalls aus dem Amt scheiden. Die Eurogruppe wird sich neu formieren müssen – und jemanden brauchen, der Schäubles Rolle einnimmt: die des Unerschrockenen.

politik@weser-kurier.de

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