Kommentar über den Agrargipfel Wie die CDU ihre Bauern verprellt

Jahrzehnte lang konnte sich die CDU auf die Bauern als Stammwähler verlassen. Doch nun fangen die Landwirte an, sich von ihr abzuwenden. Helfen kann sich nur die CDU selbst, meint Marc Hagedorn.
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Wie die CDU ihre Bauern verprellt
Von Marc Hagedorn

Als Svenja Schulze vergangene Woche auf der Bühne am Brandenburger Tor stand, das Mikrofon in der Hand, aber buchstäblich sprachlos, da konnte einem die Bundesumweltministerin fast schon leidtun. Ein paar Tausend Bauern waren auf ihren Traktoren nach Berlin gereist, und nun wollte Schulze ihnen erklären, wie sich die Bundesregierung das vorstellt mit dem Tier-, dem Umwelt- und dem Klimaschutz. Doch die SPD-Politikerin kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, so laut buhten die Demonstranten, wenn sie ihr nicht gleich den Rücken zugekehrt hatten. Irgendwann verließ Schulze sichtlich entnervt die Bühne, ein paar Sätze hatte sie gesagt, aber das war in dem Moment auch egal.

Jetzt könnte man fragen: Was ist so schlimm daran, dass die deutschen Bauern mit der SPD nichts zu tun haben wollen? Mit den Sozialdemokraten fremdelt der Berufsstand schließlich seit jeher. Trotzdem war das Zusammentreffen von Politik und Landwirtschaft mitten in der Hauptstadt dieses Landes ein Einschnitt. Nie hatte er so viel Wut und Wucht, nie äußerte er sich so ablehnend.

Das bekam an jenem Tag auch Julia Klöckner zu spüren. Die Bundesagrarministerin aus der CDU wurde ausgepfiffen und immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen. Und das ist eine neue Qualität und Einsicht: Die Landwirte schießen gegen ihre Partei, die CDU. Es ist eine rasante Entfremdung, die sich da im Moment beobachten lässt.

Jahrzehntelang konnte sich die CDU auf eines verlassen: dass die Mehrzahl der Bauern sie wählt. Vor allem in ländlichen und landwirtschaftlich dominierten Gegenden sicherten die Bauern den Christdemokraten verlässlich Mehrheiten. Selbst bei der letzten Bundestagswahl 2017 stimmten noch 61 Prozent aller Landwirte für die CDU. Damit war die Partei in dieser Berufsgruppe doppelt so erfolgreich wie in der restlichen Bevölkerung.

Und jetzt das: die offensichtliche Abkehr. Es ist kein Zufall, dass sich die Stimmung gerade jetzt dreht. Seitdem das Bundeskabinett sein sogenanntes Agrarpaket beschlossen hat, schäumt die Wut der Bauern über. Sie sollen künftig in bestimmten Gebieten weniger düngen, um die Böden zu entlasten. Sie sollen weniger Pestizide einsetzen, damit es den Insekten besser geht. Sie sollen mehr für das Tierwohl und für den Klimaschutz tun. Bei den Bauern kommt vor allem eine Botschaft an: dass sie bisher alles falsch gemacht haben.

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Immerhin, könnte man seit Montag sagen, sie sprechen wieder miteinander. Die Bundeskanzlerin hatte Vertreter von landwirtschaftlichen Verbänden und Organisationen zum sogenannten Agrargipfel eingeladen. Angela Merkel nannte die Landwirte in dieser Runde einen „ganz wichtigen Teil der Gesellschaft“. Sie zollte ihnen „großen Respekt“ für die geleistete Arbeit, und sie versprach, die Landwirte in Zukunft bei Klima- und Umweltschutzvorgaben miteinzubeziehen. Das klingt gut, aber dass nun alles besser wird, sollte nicht automatisch angenommen werden.

Den Bauern Wertschätzung zu versichern und ihnen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Landwirtschaft zu versprechen, ist das eine. Das andere ist die Frage, wie die Zukunft der Landwirtschaft denn überhaupt aussehen soll? Überzeugend deutlich gemacht hat das die CDU bisher nicht. Man ahnt höchstens, wohin die Reise gehen soll: Ein schlichtes Weiter-so kann es nicht geben, also soll die Landwirtschaft ein bisschen grüner werden.

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Mit den Agrarkonzernen und Lebensmittelriesen, die den Markt schon jetzt beherrschen, wird der Wandel aber nicht zu schaffen sein. Dafür muss die Politik auf die familiengeführten Höfe setzen, sie sollten das Rückgrat der künftigen Landwirtschaft sein. Aber genau die kleinen Betriebe treffen die immer neuen Verordnungen und Vorschriften am härtesten. Um nicht missverstanden zu werden: Die Böden immer weiter auszulaugen und die Tierbestände immer weiter aufzustocken, darf nicht die Lösung sein. Das wollen übrigens auch die Landwirte nicht.

Was sie dagegen wollen, sind Antworten darauf, wie sie unter den künftigen Bedingungen wirtschaftlich so arbeiten können, dass sie eine Zukunft haben. Das fordern sie ein. Bei der Landtagswahl in Sachsen sind sie dabei übers Ziel hinaus geschossen. 34 Prozent der Landwirte wählten dort die AfD und nur noch 33 Prozent die CDU. Die Landwirtschaft braucht aber keine Radikalisierung, sondern breite gesellschaftliche Akzeptanz. Und die kann am ehesten immer noch die CDU herstellen. Sie ist jetzt gefordert, auch wenn sich Bauern und Partei im Moment so fremd sind wie nie zuvor.

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