Interviews nur noch per Skype

Wie die Corona-Krise das Fernsehen verändert

Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf Fernsehsendungen: Es sind weder Publikum noch Gäste in den Sendungen dabei und die Moderatoren werden auch schon mal selbst zu Maskenbildnern. Ein Blick auf das ZDF-Morgenmagazin.
29.03.2020, 05:00
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Von Katharina Fiedler
Wie die Corona-Krise das Fernsehen verändert

Moderatorin Harriet von Waldenfels vom ZDF-Morgenmagazin arbeitet sonst in einem Zweier-Team. Doch weil auch Moderatoren Abstand halten müssen, ist der zweite Moderator bis auf Weiteres gestrichen.

Claudius Pflug /dpa

Es ist noch nicht ganz halb vier Uhr morgens, als Harriet von Waldenfels in ihrem Büro im ZDF-Hauptstadtstudio mit ihrem Ellenbogen das Licht anschaltet. Der schwarze Blazer und die – an diesem Tag grüne – Bluse für die Moderation im ZDF-Morgenmagazin hängen über ihrem Arm. Die Nacht war kurz. Der Wecker klingelte um 2.43 Uhr, eine fiese Zeit. „Immer, wenn eine Zwei vorne auf dem Wecker steht, ist es schon sehr schwer“, sagt die ZDF-Moderatorin, „da kämpfe ich um jede Minute Schlaf.“

Während fast alle Zeitungsjournalisten in der Krise mittlerweile von zu Hause arbeiten und auch Radiojournalisten im Homeoffice moderieren, kann Fernsehen größtenteils nicht von Zuhause aus stattfinden. Zu komplex sind Sendeabläufe und Technik. Zu aufwendig ist die Produktion einer Livesendung. Das Fernsehpublikum ist schon seit mehreren Wochen aus den Sendungen verbannt. Talkshows treffen die Gäste über Skypeschalten in ihren Wohnzimmern. Doch Nachrichtensendungen mit aktuellen Beiträgen und Interviews, wie das ZDF-Morgenmagazin, können nicht allein aus dem Homeoffice produziert und gesendet werden.

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So stehen Fernsehsender und Fernsehredaktionen, wie viele andere systemrelevante Berufsgruppen auch, vor einer nie da gewesenen Herausforderung: Wie beachten sie die verhängten Abstands- und Kontaktregelungen und stellen gleichzeitig sicher, dass sie senden können? Bei Formaten wie dem ZDF Morgenmagazin ist die Herausforderung besonders groß: Eine Livesendung ist ohne ein großes Team fast unmöglich. Der österreichische Sender ORF hat am vergangenen Mittwoch 13 Mitarbeiter in Isolation in eines ihrer Studios geschickt, um weiterhin ohne Ausfälle senden zu können. Ob es bald auch ein Bettenlager im ZDF-Hauptstadtstudio gibt?

„Wenn die Lage das erfordert, kann ich mir das bei uns auch vorstellen. Bisher sehe ich die Notwendigkeit nicht“, sagt Andreas Wunn, der für das ZDF-Morgenmagazin und das ZDF-Mittagsmagazin redaktionell verantwortlich ist. „Das Wichtigste ist für uns, neben der Gesundheit der Mitarbeiter, Sendesicherheit herzustellen. Wir wollen senden – egal was passiert. Gerade weil es so viel Unsicherheiten gibt, was unsere Zukunft bringt, brauchen wir eine Bevölkerung, die gut informiert ist und Medien, die den Politikern auf die Finger schauen“, sagt Wunn.

Interesse an Information und seriösen Nachrichten ist deutlich gestiegen

Das Interesse an Information und seriösen Nachrichten ist mit der Covid-19-Pandemie deutlich gestiegen. Die Tagesschau hat in diesen Tagen einen Marktanteil von fast 50 Prozent erreicht, vor der Pandemie waren es meist um die 35 Prozent. Am vergangenen Sonntag sahen mehr als 18,7 Millionen Menschen die ARD-Nachrichten. Vergangenes Jahr lag der Durchschnitt im Vergleich noch bei 9,8 Millionen Zuschauern. Auch das ZDF-Morgenmagazin hat nun mehr Zuschauer. In dieser Woche statt der üblichen 800.000 Menschen weit mehr als eine Million die vollständige Sendung, Teile davon sahen weit mehr als vier Millionen Zuschauer.

Um 5.38 Uhr eilt von Waldenfels in die Maske, die Reporterin ist per Videoanruf dabei. „Hallo, guten Morgen Netty“, ruft die Moderation und winkt der Maskenbildnerin, die am anderen Ende des kleinen Raumes steht. Alle Moderatoren müssen sich jetzt selbst schminken, Körperkontakt ist nicht mehr erlaubt. Für jeden Moderator legt Netty daher die passenden Pinsel und Puderfarben bereit.

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Zwei lange Flure weiter ist auch Wetter-Moderator Benjamin Stöwe im ZDF-Hauptstadtstudio angekommen. Die Gänge sind ungewöhnlich leer, selbst der Kaffeewagen ist verwaist, neben dem Fahrstuhl hängt ein Verbotsschild: Mehr als zwei Personen sind in den Aufzügen nicht mehr erlaubt. Das Telefon klingelt: „Hast du schon gehört? Der Kollege hat Fieber und ist zuhause geblieben.“ Noch gibt es keinen Corona-Fall beim ZDF Morgenmagazin.

Besondere Sendesituationen ist die Redaktion des ZDF-Morgenmagazins eigentlich gewöhnt. Doch dass das Programm über Wochen oder vielleicht Monate auf Sparflamme läuft und der Redaktionsalltag komplett umgestellt werden muss, das gab es in fast 28 Jahren Morgenmagazin bisher nicht. Als vor zwei Wochen klar wurde, dass die Lage sich auch in Deutschland verschärft und die Politik handelt, schickte Redaktionsleiter Wunn als erstes ein komplettes Team ins Homeoffice. „Ich hatte am Anfang die große Angst, dass mir die halbe Redaktion wegbricht, wenn wir einen Krankheitsfall hätten.“

Fast alle arbeiten von zuhause

Heute arbeiten die Redakteure, die tagsüber die Sendung planen und vorbereiten oder die Social-Media-Kanäle betreuen, fast alle von zuhause. Wer tagsüber unabdingbar ist, bekommt ein Einzelbüro. Niemand soll sich mehr begegnen. Bei jedem Dreh wird jetzt abgewogen: Brauchen wir das Material wirklich? Zwischen ­Cutter und Redakteur steht in den Schnitträumen ein durchsichtiger Raumtrenner. Konferenzen gibt es nur per Telefon. Reporter produzieren Beiträge aus dem Wohnzimmer, haben im Privatkeller einen Schnittraum eingerichtet.

Auf einem Fernseher oben in der Ecke des Schminkraums läuft das Morgenmagazin aus dem Studio eine Etage tiefer. Die Politik im Krisenmodus, ein Lagebericht des Korrespondenten aus Spanien, wo das Virus eine ähnlich gefährliche Ausbreitung nimmt wie in Italien. Der Corona-Ticker mit den aktuellen Fallzahlen in Deutschland und der Welt. Eigentlich würde es an diesem Morgen auch die aktuellen Kinotipps der Woche geben. Doch weil kein Kino mehr offen hat, bewertet der Kulturredakteur vom heimischen Sofa aus Filme und Dokumentationen aus der ZDF-Mediathek.

„Was muss ich jetzt machen, Rouge?“, fragt von Waldenfels. Netty nickt. Auf dem Fernseher spricht ein Sportmoderator über die Entscheidung, die Olympischen Spiele zu verschieben, zu verstehen ist er in der Maske nicht, die Föhn-Rundbürste übertönt ihn.

Kurz nach 6 Uhr informiert Benjamin Stöwe über das Wetter: Sonne satt. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel Werbung für das schöne Wetter mache. Die Leute sollen ja zuhause bleiben“, sagt Stöwe.

Gerade in den frühen Morgenstunden, wenn die Technik für die Live-Sendung hochgefahren wird, wenn Regie und Bild- und ­Tonmischung besetzt sein müssen, sind Homeoffice und Abstandhalten besonders schwierig. Und damit die Gefahr besonders groß, dass sich Mitarbeiter untereinander anstecken.

Konferenzen nur noch per Telefon statt

Normalerweise ist dann die Schlussredaktion das Herz dieser Livesendung. Dort, wo vor einer Wand mit zwölf Fernsehbildschirmen der Chef vom Dienst, der Abläufer, der die Reihenfolge der Beiträge und den Ablauf der Sendung baut, und Rechercheure für die Moderatoren sitzen, wo nachts alle Fäden zusammenlaufen und alle inhaltlichen Entscheidungen getroffen werden, ist es in dieser Woche ruhig. Nur noch die wichtigsten drei Mitarbeiter, die die Sendung inhaltlich während der Livesendung betreuen, dürfen den Raum betreten. Konferenzen finden sowieso nur noch per Telefon statt.

Um 6.45 Uhr öffnet Harriet von Waldenfels im Erdgeschoss die schwere Metalltür zum Studio 1. Normalerweise würde jetzt ein Tontechniker zu ihr kommen und sie mit dem Mikrofon verkabeln. Doch seit dieser Woche sind die Moderatoren selbst Tontechniker und müssen das Mikro, dass sie sich anstecken, selbst ausrichten. Alle Kabelhilfen im Studio wurden nach Hause geschickt. Von den großen Studiokameras sind nur noch zwei, höchstens drei besetzt. Das gesendete Bild ist statischer geworden, die Einstellungen weniger flexibel.

Um 6.58 Uhr sitzt Harriet von Waldenfels auf dem roten Sofa und sagt: „Guten Morgen!“ Sie wird allein dort sitzen bleiben. Es werden keine Studiogäste mehr eingeladen. Die Interviewpartner schalten sich fast alle via Skype live ins Fernsehen. Das Bild ruckelt etwas, die meisten sieht man in einer Froschperspektive vom Kinn aufwärts, aber es funktioniert.

Die Sendung läuft, die Skype-Verbindungen halten. Um kurz vor neun verabschiedet sich die Moderatorin: „Bleiben Sie gesund.“

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