Im Schatten der Gesellschaft

Wie die Polizei bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder ermittelt

Vier Ermittler der Kriminalpolizeiinspektion Rostock gehen gegen Kinderpornografie vor. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Jungen müssen die Polizisten vor allem mentale Stärke beweisen.
17.02.2019, 21:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Joachim Mangler
Wie die Polizei bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder ermittelt

Macht und Ohnmacht: Traumatische Erlebnisse wie Gewalterfahrungen und sexueller Missbrauch können Kinder und Jugendliche ein Leben lang begleiten.

Patrick Pleul/dpa

Schmal ist der Raum, nüchtern, an der Wand prangt eine rote Alarmleuchte – die allerdings keine Funktion hat. Die vier Ermittler der Kriminalpolizeiinspektion Rostock schauen sich auf den drei Monitoren pro Schreibtisch oft unerträgliche Bilder an. Ihre Abteilung ist klein, ihr Aufgabengebiet, die Kinderpornografie, unermesslich groß. „Wir stehen einem riesigen Berg gegenüber“, sagt Matthias Ritter (40). Der Kriminalhauptkommissar denkt an die weltweit wohl in die Millionen gehende Zahl der Täter.

Jeder Beamte in der Ostseestadt, ausgestattet mit Expertenwissen im IT-Bereich und einer ordentlichen Portion psychischer Stabilität, kann auf einem Monitor die Arbeit der anderen verfolgen. Die vier haben eigene Kinder, das älteste ist elf. Viele Opfer auf den Bildern sind genauso alt.

Hunderttausende Kinder jeden Alters, auch Babys, werden oft mit unglaublicher Brutalität missbraucht – meist von Männern. Es sind aber auch Frauen dabei. Oft tauchen Fotos und Filme davon im Internet auf. Die Betrachter der Aufnahmen sitzen zu Zehntausenden vor ihren Monitoren daheim, in Büros und Hotelzimmern – auch in Deutschland. Täter, die ihre Opfer malträtieren, filmen und fotografieren, sind ebenfalls hier zu Hause. Gerade erst war der Fall des massenweisen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen bekannt geworden.

Auch Betrachter sind Täter

Und auch die Betrachter sind Täter, sie erzeugen eine Nachfrage. Und sorgen mit dafür, dass viele Opfer lebenslang zumindest bildlich in der Opferrolle bleiben. Das Internet vergisst nichts. Jeder Klick auf ein Foto oder einen Film kann als neuer Missbrauch gewertet werden.

Die Kriminalstatistik verzeichnet für 2017 in Deutschland rund 12 850 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch. In 6512 Fällen ging es um Besitz und Verbreitung von kinderpornografischem Material. Die Deutsche Kinderhilfe schätzt die tatsächliche Zahl auf ein Vielfaches. „Kinder sind unsere Gegenwart und Zukunft, sie bedürfen unseres besonderen Schutzes. Doch dafür wird nicht genügend getan“, kritisiert Kinderhilfe-Chef Rainer Becker.

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Im Büro der Ermittler ertönt ein Ruf: „Schaut mal, was haltet ihr denn davon?“ Auf Ritters Monitor taucht ein Foto auf. „Die Kollegin wertet einen Stick von jemandem aus, der ein sehr breit gefächertes Interesse hat. Nicht nur Pornos mit Kindern, sondern auch Kot, Tiere und extreme Gewalt“, versucht er das Unbeschreibliche zu erklären.

Fast cool wirkt er dabei, seine Kollegin auch. „Man gewöhnt sich daran. Anfangs habe ich ein wenig länger hingeschaut, weil ich es gar nicht fassen konnte“, sagt sie. Sie lernte die schnelle Einordnung. Aber längere Pausen sind notwendig. Sie dürfe sich nie vorstellen, in diesen Fotos die eigenen Kinder zu sehen, „sonst geht der Job nicht“. Die meisten Aufnahmen kennen die Kommissare. Sie kursieren seit Jahren im Netz. „Und dann kommt der Moment, in dem man etwas Neues sieht. Ein Möbelstück oder eine Blümchentapete.“ Es folgt mühevolle Polizeiarbeit, die irgendwo auf der Welt in eine Verhaftung münden kann.

Arbeit mit teils heftigen Gefühlen verbunden

Die Arbeit schweißt zusammen, sie ist mit teils heftigen Gefühlen verbunden. Das hält nicht jeder aus. Ein halbes Jahr Probezeit in der Gruppe ist obligatorisch. Ritter nennt einen Teil des Anforderungsprofils: „Man muss zusammen Pornos gucken können.“

„Es gibt kein Syndrom, mit dem Missbrauchsfolgen beschrieben werden“, sagt Evelin Werner, forensische Gutachterin in Rostock, über das Krankheitsbild als Folge von Missbrauch. Die Kombination der Symptome hängt vom Alter ab, in dem ein Kind missbraucht wird, von der Gewalt, die es erlebt, oder von der Frage, wie lange es den Handlungen ausgesetzt ist. Wenn etwa ein zwei­jähriges Kind anfangs ohne Schmerz erzeugende körperliche Gewalt missbraucht werde, könne dies für das Opfer zur Normalität ­werden – wie frühstücken, meint die 60-Jährige. Klarheit über das Geschehen sowie über die Auswirkungen auf die soziale und emotionale Entwicklung träten oft erst später zutage.

Trotz der Vielfalt der Symptome gilt, dass die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit der Betroffenen häufig gestört sei, erläutert Werner. Möglicherweise wüssten die Opfer ihr Leben lang nicht, wie man sich anderen Menschen angemessen nähert. In der Pubertät kön­ne es in der Schule zu scheinbar unerklärlichen Leistungseinbrüchen kommen. „Viele Betroffene werden kein normales Leben führen, sondern ein Leben mit Haltlosigkeit und ohne Grundvertrauen zu anderen.“

„Die Diagnostik ist extrem schwierig“

In der Opferambulanz der Uni Rostock un­tersucht die Rechtsmedizinerin Verena Blaas Kinder, die die Polizisten in der Regel nur auf dem Monitor sehen. Stofftiere wie Teddybären und ein Storch warten am Rand des Wickelbretts, um die Kleinen abzulenken. „Die Diagnostik ist extrem schwierig“, sagt Blaas. „Sicher bewiesen ist ein Sexualkontakt nur bei einer Schwangerschaft oder bei Sperma am oder im Körper.“ In über 90 Prozent der Fälle gebe es körperlich unauffällige Befunde, doch das schließe die Taten nicht aus. Viele Formen des sexuellen Kindesmissbrauchs führen nicht zwangsläufig zu Verletzungen.

Wie die Polizei arbeitet auch die 32-jährige Blaas oft im Team. Wenn es mal nicht klappt, die Probleme im Institut zu lassen, etwa bei Fällen mit roher Gewalt, sei neben der internen Besprechung der Partner da. Oder auch der Hund, mit dem sie spazieren gehen kann.

Gewalt gegen Kinder und Missbrauch seien Phänomene, die durch die ganze Gesellschaft gingen, weiß sie. Die Taten kämen auch in gut situierten Familien vor. Überhaupt: Sie geschähen meist im familiären Umfeld. „Kleine Kinder haben häufig noch kein Unrechtsbewusstsein und sind im tiefen Loyalitätskonflikt.“ Das heißt: viel Arbeit für Psychologen und Ärzte bis ins Erwachsenenalter.

Gleichzeitig stelle die Familie eine Barriere dar, die für Helfer schwer zu überwinden sei. „Und später, wenn die Kinder wissen, was passiert ist, ist das Thema so schambesetzt und die Angst, die Familie zu zerstören, immens groß.“ Ganz schlimm sei es, wenn die Kinder denken, selbst schuld zu sein, sagt Blaas.

„Augenschließen im Glauben, dass die Verbrechen Tausende Kilometer entfernt stattfinden, bringt nichts. Sie geschehen auch hier“, bestätigt der Chef der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, Rogan Liebmann. Die Kinderpornografie sei zu einem Massenphänomen im Verborgenen des Internets geworden. „Aber die Gesellschaft will davon nichts wissen.“ Der 53 Jahre alte Kriminaldirektor sagt, er könnte die mehr als 100 Polizisten seiner Dienststelle mit den Ermittlungen zur Kinderpornografie beschäftigen – und doch würde es nicht reichen.

Besonders viele Hinweise aus den USA

Besonders viele Hinweise erhalten die Ermittler aus den USA, wo die Provider verpflichtet sind, kinderpornografische Dateien zu löschen und den Behörden zu melden. Wenn aber die Infos von dort einliefen, seien in Deutschland die IP-Adressen meist schon gelöscht. Ein Ausweg sei die Vorratsdatenspeicherung, die Dauer-Speicherung des digitalen Fingerabdrucks, sagt Liebmann. Derzeit wird auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gewartet.

Ein Trend macht den Ermittlern große Sorgen: das Sexting – das unbekümmerte Versenden von Nacktbildern durch Jugendliche in Chats selbst. „Man muss wissen, die Zahl der 14-jährigen Mädchen im Netz ist begrenzt. Die Zahl der Männer, die sich als Mädchen ausgeben, aber unbegrenzt“, sagt Ritter. Er vermutet, dass sich hinter der Mehrzahl der angeblichen Mädchen ein Erwachsener verbirgt. Die Kinder würden früh sexualisiert. In der neugierigen Suche geraten sie auf Seiten, wo die Täter lauern. Der Kontakt wird enger und führt manchmal zu Nacktbildern. „Oft ist Einsamkeit der Grund bei den Kindern, denn auf der anderen Seite ist jemand, der zuhört.

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Die Vorratsspeicherung zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation der Rostocker Polizei. „Jeder akzeptiert, dass am Auto ein Nummernschild ist“, sagt Ritter. Wer zu schnell fährt, wird geblitzt, kann gefunden werden. „Nur im Internet, mit Verbrechen in tausendmal schlimmeren Dimensionen, erlauben wir uns das nicht“, kritisiert er. Den Polizisten sind enge Grenzen gesetzt: Die Weitergabe von Kinderpornografie ist strafbar, auch für Ermittler. Deshalb versuche man, mit künstlichen, real wirkenden Bildern Zugang in Tauschbörsen zu bekommen.

Mindeststrafe bei sexueller Gewalt gegen ein Kind beträgt sechs Monate

Derzeit gilt für den Besitz von Kinderpornografie eine Strafandrohung von maximal drei Jahren. Ein Ladendieb kann fünf Jahre bekommen. Die Mindeststrafe für sexuelle Gewalt gegen ein Kind beträgt aktuell sechs Monate – und sei somit nur ein Vergehen, erläutert Kinderhilfe-Chef Becker. Wohnungseinbruch sei dagegen mit mindestens einem Jahr Strafe zum Verbrechen gemacht worden. „Eigentum einen höheren Stellenwert einzuräumen als der körperlichen Unversehrtheit und der ungehinderten Entwicklung einer eigenen Sexualität unserer Kinder ist einfach nur peinlich und absurd“, schimpft er.

Als Zentralstelle der Polizei ist das Bundeskriminalamt für das Auswerten und Weiterleiten der Erkenntnisse an die Behörden zur Strafverfolgung zuständig. „Primäres Ziel ist es immer, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu verhindern beziehungsweise zu beenden“, sagt Matthias Wenz vom BKA-Referat zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs. 2017 wurde gegen 5669 Tatverdächtige wegen Kinderpornografie ermittelt, 800 mehr als im Jahr davor.

Der Rostocker Ermittler Ritter kennt die Ausreden, wenn die Fahnder fündig werden: „Zufällig findet man Kinderpornografie nicht“, sagt er. Ritter berichtet von Vernehmungen, die mit Tränen endeten. Einmal fanden sie auf einem Rechner, prall gefüllt mit Fotos und Filmen, auch Einträge in Foren, in denen der Täter „Todesstrafe für Kinderschänder“ forderte. Denn manche seien der Meinung, sie begingen beim Anschauen keinen Missbrauch, da sie das Kind nicht anfassten ‒ was für ein Irrtum.

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