30 Jahre Mauerfall Wie man sich nach zwei Jahrzehnten im anderen Teil Deutschlands fühlt

Die Mauer, die Deutschland in zwei Teile spaltete, ist vor 30 Jahren gefallen. Doch existiert sie in den Köpfen der Menschen weiter? Ein Erfahrungsbericht.
31.10.2019, 21:03
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Wie man sich nach zwei Jahrzehnten im anderen Teil Deutschlands fühlt
Von Ben Zimmermann

Es ist noch nicht lange her, als sich folgende Episode zutrug: Eine gute Freundin aus dem Osten erzählte von einem Konzert, das sie einige Zeit zuvor in Berlin besucht hatte. Es war bestuhlt, wie man so schön sagt, doch es hielt sie nicht lange auf dem Sitz. Sie stellte sich hin, jubelte, tanzte. Bis sie ein Mann aufforderte, sich doch bitte hinzusetzen, er könne sonst nichts sehen. „Das war so ein typischer Wessi“, erzählte sie. Einer dieser Spießer, die mittlerweile den ganzen Prenzlauer Berg bevölkern. Die in einem hippen Stadtteil leben wollen und doch total unlocker sind.

Mir gingen in diesem Augenblick sehr viele Dinge auf einmal durch den Kopf: Muss ich jetzt intervenieren, weil das vielleicht doch etwas zu pauschal war? Sollte ich, der in der DDR aufgewachsene Ostler, der nun schon lange im Westen lebt, die Alt-Bundesbürger in Schutz nehmen, weil ich ja nun mehr oder weniger zu ihnen gehörte? Oder hatte sie vielleicht sogar recht, ein kleines bisschen zumindest? Auf wessen Seite stand ich eigentlich? Musste ich mich überhaupt für eine Seite entscheiden?

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Um es kurz zu machen: Meine Antwort war wohl ein Sammelsurium aus all dem Genannten. Doch das ist wahrscheinlich gar nicht das Wichtigste. Die entscheidende Frage ist wohl eher: Was macht es mit einem, wenn man 22 Jahre DDR miterlebt, mit Anfang 30 in den Westen geht und dort die nächsten zwei Jahrzehnte verbringt? Wie viel frühere Sozialisation spielt noch eine Rolle, wie viel neuer Einfluss? Bleibt man tief im Inneren ein – sorry für dieses abgedroschene Wort, ohne das es wohl nicht geht – Ossi? Oder assimiliert man sich so sehr, dass einem die alte Heimat und deren Bewohner fremd werden? Und: Ist diese ganze Ost-West-Debatte überhaupt noch zeitgemäß? Führen diese Diskussion nicht eher Leute weit jenseits der 40? Gibt es nicht inzwischen eine erwachsene Generation, die kurz vor oder nach dem Mauerfall geboren worden ist und die mit den alten Begriffen nicht mehr viel anfangen kann, die sich gesamtdeutsch fühlt?

In der Tat: Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall sind sich – allen Unkenrufen zum Trotz – beide Landesteile näher gekommen, haben sich viele Unterschiede eingeebnet. Und es gibt ja auch Gegensätze zwischen Stadt und Land, Nord und Süd, Alt und Jung. Trotzdem hat sich einiges erhalten, gibt es grundsätzliche Ansichten, die sich eher im Osten beziehungsweise vor allem im Westen halten. Die Aufzählung ist willkürlich und völlig subjektiv, einiges wird durch Statistiken untermauert, anderes ist eher gefühlt. Und sie soll nicht werten.

Die Ostdeutsche Direktheit

Da wäre zum Beispiel eine gewisse Direktheit, man könnte auch sagen Authentizität, die eher typisch für den Osten ist. Die Menschen sind oft weniger diplomatisch. Einher geht damit auch eine weniger ausgeprägte politische Korrektheit. Bei Berufsbezeichnungen möglichst auch noch eine Form für divers zu erfinden, ist für die meisten kein Thema; Gender- sternchen finden viele einfach nur lächerlich. Eine Frau, die voll im Leben steht, spricht von sich selbst als Lehrer oder Erzieher, ohne sich durch die männliche Form diskriminiert zu fühlen. Und Migranten sind halt Ausländer.

Die Demokratie ist mit Osten weit weniger fest verwurzelt als im Westen, was auch Umfragen belegen. Das hängt zum einen sicherlich mit der DDR zusammen, die halt nicht alle als Unrechtsstaat empfanden. Es gibt Menschen, deren Hoffnungen nach 1989 sich nicht erfüllten. Und es ist die Erfahrung, dass ein System, das sich fest und sicher glaubt, recht schnell zusammenstürzen kann.

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Ossis wissen außerdem oft mehr über den Westen als umgekehrt. Das mag mit der Vergangenheit zu tun haben, als sie begierig West-Fernsehen guckten. Der Westen – das war für viele eine Art Sehnsuchtsziel. Der Saarländer dagegen hatte wahrscheinlich kein großes Interesse an dieser kleinen, fernen DDR. Und so kommt es, dass heute deutlich mehr Westler noch nie im Osten waren als umgekehrt.

Auch in der Betrachtung des jeweils anderen gibt es noch Unterschiede: Im Osten herrscht oft immer noch das Bild vom Wessi als einem etwas arroganten Blender, gepaart mit einem Unterlegenheitsgefühl, das jedoch gleichzeitig einen besonderen Stolz hervorbringt – als Trotzreaktion gewissermaßen. Im Westen dagegen stößt man häufig auf eine Art herablassendes Desinteresse am Osten.

Wie gesagt: All das sind ganz subjektive Beobachtungen, außerdem zugespitzt formuliert, damit sie deutlicher werden. Es gibt viele Menschen, die das ähnlich sehen, aber auch solche, die einen anderen Eindruck haben.

Den Dialekt abtrainiert

Doch was ist mit jenen Millionen Menschen, die ihre Heimat verließen, die in den vergangenen Jahren von Ost nach West oder umgekehrt übersiedelten? Auch hier gilt: Jeder macht seine eigenen Erfahrungen, der eine passt sich mehr an, der andere bleibt eher der Alte. Ich kenne einen gebürtigen Brandenburger, der bereits am 9. November 1989 nach Niedersachsen ging und noch heute den alten Dialekt spricht. Ich selbst habe ihn mir recht bald abtrainiert – und merke doch immer noch, dass er mir leichter über die Lippen kommt, wenn ich mit Brandenburgern oder Berlinern spreche.

Bei den Uhrzeiten ist es schon anders. Unterhalte ich mich mit Ostdeutschen, überlege ich inzwischen kurz, ob ich Viertel nach eins oder viertel zwei sage. Beide Zeitformen sind mir gleich nah – ich muss nur aufpassen, keinen Westdeutschen mit viertel und dreiviertel zu verwirren, das überfordert ihn.

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Jenseits dessen gibt es vielleicht noch ein eher diffuses, schwer zu beschreibendes Gefühl, was einen mit der alten Heimat und ihren Bewohnern verbindet. Es ist die gemeinsame Vergangenheit, die dafür sorgt, dass man ohne viel Worte schnell versteht, was der andere meint. Dass man eine Abkürzung wie GST (Gesellschaft für Sport und Technik) nicht erklären muss. Dass man weiß, welche hohlen Phrasen man im Staatsbürgerkundeunterricht runterleiern musste. Und dass man sich erinnert, wie es in einer typischen Ost-Kneipe roch.

Doch hat das jetzt noch etwas mit Ost und West zu tun oder eher mit einem Gefühl von Heimat, das auch andere betrifft? Ja und nein. Es ist einfach Heimat, an die sich auch jeder Bayer erinnert, der nach Bremen gezogen ist. Und es ist eben doch noch ein Stückchen mehr, dieses Ost-Ding. Was selbst einen Brandenburger mit einem Thüringer verbindet, die in sehr verschiedenen Regionen groß geworden sind.

Sich der DDR-Vergangenheit bewusst sein

Und so ist die Frage, ob nach 20 Jahren aus einem Ossi ein Wessi oder ein Wossi oder sonst was wird, wohl kaum zu beantworten. Vielleicht ist es so: Man ist im Westen eher der Ossi und im Osten eher der Wessi. Ich merke, dass mir die ostdeutsche Direktheit immer noch eher liegt – und gleichzeitig ist sie mir manchmal auch ein bisschen zu plump. Ich bin mir meiner DDR-Vergangenheit bewusst – und doch ist auch die bundesdeutsche Geschichte inzwischen meine geworden.

Als jemand, der in beiden Systemen gelebt hat, kann man vielleicht ganz gut beurteilen, wie groß die Unterschiede noch sind. Sie wurden, um es kurz zu machen, im Laufe der Jahre deutlich kleiner. Vielleicht auch deshalb, weil vieles, was danach kam, gemeinsame Geschichte wurde. Und sie betreffen in erster Linie sowieso nur noch die Generation 40, 50 plus. Vielleicht kann man das als gutes Zeichen werten. Das wäre ja immerhin schon was, jetzt, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer.

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