ARD-Intendanten im Interview

„Wir fragen uns täglich, ob wir gut genug sind“

Am Montag und Dienstag haben sich die Intendanten der ARD in Bremen zu ihrer Jahrestagung getroffen. Dabei ging es unter anderem um die Programmgestaltung und den Ausbau multimedialer Angebote.
24.06.2015, 00:00
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Von Iris Hetscher und Nadja Dreyer
„Wir fragen uns täglich, ob wir gut genug sind“

NDR-Intendant Lutz Marmor ist noch bis Ende des Jahres Vorsitzender der ARD.

Frank Thomas Koch

Am Montag und Dienstag haben sich die Intendanten der ARD in Bremen zu ihrer Jahrestagung getroffen. Dabei ging es unter anderem um die Programmgestaltung und den Ausbau multimedialer Angebote. Iris Hetscher hat mit Lutz Marmor, Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und amtierender ARD-Vorsitzender, sowie dem Radio-Bremen-Intendanten Jan Metzger gesprochen.

Ein Ergebnis Ihrer Tagung ist bereits publik geworden: Sandra Maischberger zieht um. Sie talkt ab sofort nicht mehr am Dienstag, sondern am Mittwoch. Warum ist das attraktiver?

Lutz Marmor: Wenn wir heute unsere Talks neu einführen würden, würden wir sie ja nicht an drei Tagen hintereinander senden – sonntags, montags, dienstags, sondern über die Woche verteilt. Durch den neuen Termin am Mittwoch haben wir das entzerrt, und es bietet sich für Sandra Maischberger die Möglichkeit, auch ein Stück politischer zu werden, weil sich dann möglicherweise wieder ein neues politisches Thema entwickelt hat. Außerdem wird der Talk nach dem Film am Mittwoch gesendet. Der hat häufig ein besonderes Thema, das Sandra Maischberger in der nachfolgenden Talkrunde vertiefen kann. Der neue Sendeplatz macht also mehr Sinn.

Jan Metzger: Wir haben uns sowieso vorgenommen, mehr Themenabende im Ersten anzubieten.

Sie wollen mehr Schwerpunkte setzen?

Metzger: Genau. Und dann ist ein einführender Film und eine Talkshow wie Maischberger natürlich eine tolle Kombination.

Haben Sie nach dem Rückzug von Günther Jauch eigentlich auch kurz überlegt, grundsätzlich weniger Talkshows auszustrahlen?

Marmor: Es sind ja schon weniger geworden. Wir hatten fünf, demnächst sind es drei. Ich habe immer vertreten, dass politische Gesprächssendungen ins Erste gehören. Weniger als jetzt sollten es nicht sein.

Besprechen Sie sich da eigentlich mit Ihren Kollegen vom ZDF, das ja auch Talkshows ausstrahlt?

Metzger: Die erheblich mehr Talkshows ausstrahlen als wir!

Marmor: Die Kollegen zeigen fast jeden Abend eine Talkshow, mit dem Unterschied, dass Markus Lanz nur in Ausnahmefällen einen politischen Ansatz hat, das ist ja eher Unterhaltung. „Maybrit Illner“ ist eine profilierte politische Talkshow. Aber zurück zu uns, denn die Kollegen vom ZDF können natürlich machen, was sie für richtig halten: Drei politische Talkshows sind für ein informationsorientiertes Programm wie das Erste angemessen.

In den dritten Programmen der ARD gibt es auch noch diverse Gesprächsrunden.

Marmor: Das sind bewusst breit angelegte Unterhaltungs-Talkshows, da liegt der Schwerpunkt nicht auf Politik.

Metzger: Und vor allem: Das Publikum mag ja unsere Talkshows.

Ist das so?

Metzger: Die Zahlen sind gut. Über die angebliche Talkshow-Schwemme wird viel geredet, aber die Leute schalten seit Jahren gerne ein. Das liegt sicher auch an der thematischen Breite, die wir anbieten. Bei uns kann man sich zurücklehnen oder auch mal aufregen, ganz nach Belieben.

Das machen Sie an den Quoten fest?

Marmor: Natürlich. Wenn die Zahlen schlecht wären, würden wir das sein lassen. Außerdem sind Talkshows auch ein Genre, das vergleichsweise günstig zu produzieren ist, das gebe ich gerne zu.

Auf dem durch den Maischberger-Umzug frei werdenden Sendeplatz dienstags um 22.45 Uhr sollen demnächst Dokumentationen und Filmdebüts gezeigt werden. Warum schieben Sie solche Beiträge stets in die Spätschiene?

Jan Metzger steht seit sechs Jahren an der Spitze von Radio Bremen.

Jan Metzger steht seit sechs Jahren an der Spitze von Radio Bremen.

Foto: Frank Thomas Koch

Marmor: Durch unser Angebot der Mediatheken können Interessierte, für die das zu spät ist, die Sendungen anschauen, wann sie möchten. Um 20.15 Uhr bieten wir unseren Fernsehfilm der Woche an, das ist bereits Tradition. Besondere Dokumentationen senden wir ab und an nach dem „Tatort“. Zu den Filmdebüts: Man muss auch ehrlich sein und sich fragen, ob die Filme um 20.15 Uhr wirklich gut aufgehoben wären und von den Zuschauern akzeptiert würden. Daran haben wir Zweifel.

Warum?

Marmor: Wir haben um 20.15 Uhr Dokumentationen gesendet, die einen Marktanteil von lediglich vier bis fünf Prozent erreicht haben. Daher suchen wir für solche Produktionen lieber andere Plätze, von denen wir wissen, dass dort ein interessiertes Publikum zuschaut.

Aber es macht doch nichts, wenn im gebührenfinanzierten Fernsehen eine Sendung einen geringen Marktanteil hat.

Marmor: Wir wollen die Menschen mit unseren Angeboten erreichen. Von daher müssen wir abwägen, was wir wann senden. Wir zeigen Flagge bei herausragenden Filmen und gehen nicht immer nur den vermeintlich leichtesten Weg. Denken Sie nur an die Neu-Verfilmung von „Nackt unter Wölfen“ oder „Anne Frank“, die sind zur Hauptsendezeit gezeigt worden. Im NDR-Fernsehen und bei Radio Bremen haben wir für Dokumentationen zudem einen festen Platz: jeden Montag um 22 Uhr.

Aber viele Dokumentationen zu kontroversen Themen sind in der ARD nach den Tagesthemen um 22.45 Uhr zu sehen.

Marmor: Wie gesagt – da gibt es immer die Möglichkeit, diese Sendungen in der Mediathek abzurufen.

Die Mediathek scheint inzwischen einen hohen Stellenwert bei Ihnen einzunehmen.

Marmor: Die Bedeutung dieses Angebots wird zunehmen, das ist eine große Erweitung der Möglichkeiten, die Fernsehen hat. Nehmen Sie beispielsweise den „Tatort“, der durchschnittlich zehn Millionen Zuschauer pro Erstausstrahlung erreicht. In der Mediathek schauen sich diese Sendung dann weitere 300 000 Menschen an. Wer wirklich etwas sehen will, kann es also. Wir wollen unsere Mediatheken zudem noch nutzerfreundlicher gestalten.

Metzger: Genau darüber haben wir hier in Bremen auch diskutiert. Der Anteil der Mediatheken-Nutzer ist heute noch relativ gering, wenn man es mit dem linearen Fernsehen vergleicht. Aber es gibt stetige und hohe Zuwächse. Vor allem die junge Generation nutzt Medien verstärkt über solche Abrufdienste.

Das wollen Sie ausbauen?

Metzer: Wir haben im Kreis der Intendanten verabredet, unsere Mediatheken weiter zu verbessern und auszubauen. Da werden wir jetzt noch einmal massiv Manpower hineinstecken.

Marmor: Das gilt auch für andere digitale Angebote, Plattformen und Streaming-Dienste. Für den „Tatort“ wollen wir beispielsweise einen eigenen Youtube-Channel einrichten. Ein Beispiel für vieles, das wir neu ausprobieren wollen.

Was heißt das?

Metzger: Auf diesem Gebiet geht es nur mit Versuch und Irrtum. Ob ein eigener Youtube-Channel gut funktioniert, wer weiß das schon vorher? Wie sich die digitale Medienwelt entwickeln wird, keiner hat da ein sicheres Rezept.

Wie sieht es mit interaktivem Fernsehen aus?

Metzger: Das ist für mich das Sahnestückchen in unserer Konditorei. Ich finde, wir müssen zunächst einmal unser Grau- und Schwarzbrot ordentlich auf die Theke bringen – das heißt, alle unsere Angebote auf die wichtigen Plattformen. Wenn man dann noch Kunst macht – also dem Publikum drei Schlussvarianten eines Films anbietet und sie fragt, wie sich das Ganze entwickeln soll – ist das sehr schön.

Marmor: Die Vielfalt der ARD ist bei solchen Experimenten mit neuen Medien und Formen eine große Hilfe. N-Joy, das Jugendradio des NDR, geht natürlich ganz anders mit Twitter um als beispielsweise das Nordwestradio. Davon kann man viel lernen.

Stichwort Jugend: Da planen Sie ja sowieso einen großen Aufschlag.

Marmor: Ja, weil Einzelbemühungen für sich genommen nicht ausreichen werden. Von daher entwickeln wir mit dem ZDF das junge Angebot fürs Netz.

Das klingt ziemlich wolkig. Was machen Sie da konkret?

Marmor: Ganz konkret kann ich noch nicht werden, weil wir bislang ein vergleichsweise abstraktes Konzept haben. Wir verlassen uns auf unsere jüngeren Mitarbeiter, die bereits in mehreren Arbeitsgruppen und Workshops gute Ideen entwickelt haben.

Metzger: Es entsteht eine Kernredaktion um den Leiter Florian Hager, die definieren wird, was sie braucht und was sie sich wünscht. Andererseits gibt es bei den jungen Wellen oder bei uns in der digitalen Garage schon junge Menschen, die solche Programme machen. Die wollen wir zusammenbringen, damit daraus ein Netzwerk entsteht für Kompetenz und Know-how für diese Programmformen.

In trockenen Tüchern ist dieses Angebot aber noch nicht, oder?

Marmor: Wir benötigen dazu einen Staatsvertrag, also eine Rechtsgrundlage, dazu ist das Verfahren jetzt angelaufen. Bis Ende Juli kann zu dem Konzept, das ab jetzt im Netz steht, Stellung genommen werden. Danach müssen sich die 16 Länder darauf einigen. Wenn alles gut läuft, können wir ab Mitte 2016 starten.

Immer noch und immer wieder sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wegen der neuen Wohnungsabgabe im Gespräch. Da gibt es nach neuesten Zahlen offenbar 680 0000 Beitragspflichtige, die den Beitrag nicht begleichen wollen oder können und trotz mehrfacher Aufforderung nicht zahlen. Das ist eine Großstadt. Gibt Ihnen das zu denken?

Marmor: Das sind ungefähr 1,5 Prozent aller Zahlungspflichtigen, insgesamt haben wir rund 40 Millionen Zahlungspflichtige. Versandhäuser haben meines Wissens eine höhere Ausfallquote, weil Kunden etwas bestellen und ihre Rechnung nicht begleichen.

Aber bei Ihnen bestellt man ja nicht, sondern alle Haushalte müssen automatisch bezahlen. Und es gibt ja durchaus Facebook-Gruppen, in denen das inhaltlich begründet wird.

Marmor: Wir leben in einem Rechtsstaat und haben nun mal das Beitragsmodell. Das ist ja bei Steuern auch so, das kann sich auch keiner einfach aussuchen, ob er bezahlen möchte oder nicht.

Metzger: Man kann daran keine Qualitätsdebatte festmachen. Man kann das ja auch umdrehen und sagen: Fast 99 Prozent zahlen, dann muss unser Programm also ganz großartig sein. Trotzdem fragen wir uns täglich, ob wir gut genug sind und wo wir etwas verbessern können. Wir wissen, dass unsere Finanzierung ein Privileg ist, dass uns zur Qualität verpflichtet.

Marmor: Wir fragen unser Publikum regelmäßig, ob der NDR sein Geld wert ist, 70 Prozent haben mit Ja geantwortet. Die Menschen bekommen unter anderem für knapp 60 Cent pro Tag nicht nur Informationen, sondern auch ein umfassendes Kultur- und Unterhaltungsangebot bei uns.

Überdenken Sie das Niveau des Unterhaltungsprogramms ab und an?

Marmor: Das lieben die Menschen ja so, wie es ist. Und wir locken durch die Unterhaltungssendungen auch Zuschauer zu anderen Angeboten. Viele bleiben dran und schauen beispielsweise auch unsere politischen Magazine. Die Unterhaltungssendungen haben sowieso einen einstelligen Anteil an der Gesamtsendezeit. Die klassische Unterhaltungsshow nimmt bei uns nicht mehr so viel Raum ein.

Metzger: Das Erste ist und bleibt das Programm mit dem höchsten Informationsanteil. Und trotzdem müssen wir ständig nach der richtigen Mischung suchen und uns fragen: Für wen machen wir das Programm? Es muss ja für jeden etwas dabei sein – für den Leser der „Bild“ genauso wie für den der „Zeit“.

Zur Person: Lutz Marmor (61) ist seit 2008 Intendant des NDR und seit Anfang 2013 ARD-Vorsitzender. Zuvor war der gebürtige Kölner beim WDR und beim heutigen RBB tätig. Jan Metzger (59) ist seit 2009 Intendant von Radio Bremen. Er hat für den Hessischen Rundfunk und das ZDF gearbeitet, unter anderem leitete er das „heute-journal“.

ARD - Fakten und Zahlen

  • Zehn Rundfunkanstalten bilden die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rerechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD).
  • Einer der Intendanten fungiert jeweils als Vorsitzender der ARD. Das ist seit dem 1. Januar 2013 Lutz Marmor (NDR). Er wird am 1. Januar 2016 von Karola Wille (MDR) abgelöst.
  • Über den Rundfunkbeitrag finanziert die ARD 85 Prozent ihres Finanzbedarfs. Der Beitrag wird seit Anfang 2013 pro Haushalt berechnet; erfasst sind 40 Millionen Wohnungen.
  • Im Jahr 2014 sind die Einnahmen für ARD, ZDF und Deutschlandradio auf 8,32 Milliarden Euro gestiegen. Das Plus von 643 Millionen Euro gegenüber 2013 liegt auf einem Sperrkonto – die Sender dürfen nur das Geld ausgeben, das von der „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs“(KEF) als notwendig anerkannt worden ist.
  • Seit Mai 2015 ist der Rundfunkbeitrag als Mini-Reaktion auf die Mehreinnahmen erstmalig gesunken: Von 17,98 auf 17,50 Euro pro Monat.
  • Werbung: Sechs Prozent ihres Budgets nimmt die ARD über Werbeeinnahmen ein. Die Werbezeit ist auf maximal 20 Minuten täglich begrenzt. Nach 20 Uhr gibt es keine Werbung, auch nicht an bundesweiten Feiertagen und Sonntagen.

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