Washington.

„Wir müssen zuhören und herausfinden, was uns eint“

Herr Hermisson, Sie haben nach der Wahl von Donald Trump massiv vor den Folgen für Deutschland gewarnt. Sind Sie immer noch so beunruhigt wie bei Ihrer Rede auf dem Parteitag in Münster?Bastian Hermisson: Die Beunruhigung ist nicht geringer geworden. Angesichts der Personalentscheidungen von Donald Trump und seines Stils, die Regierungsgeschäfte anzugehen, muss man gleichermaßen besorgt und wachsam sein.
02.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir müssen zuhören und herausfinden, was uns eint“
Von Markus Decker
„Wir müssen zuhören und herausfinden, was uns eint“

Bastian Hermisson, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington

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Herr Hermisson, Sie haben nach der Wahl von Donald Trump massiv vor den Folgen für Deutschland gewarnt. Sind Sie immer noch so beunruhigt wie bei Ihrer Rede auf dem Parteitag in Münster?

Bastian Hermisson: Die Beunruhigung ist nicht geringer geworden. Angesichts der Personalentscheidungen von Donald Trump und seines Stils, die Regierungsgeschäfte anzugehen, muss man gleichermaßen besorgt und wachsam sein. Er hat an allen Institutionen vorbei seinen Wahlkampf geführt. Und es deutet sich jetzt an, dass er an den Institutionen vorbei auch die Regierungsgeschäfte führen will. Trump bringt den extremen Narzissmus, der ihn auszeichnet, in dieses Amt ein und scheint mehr Interesse an kleinlichen Twitter-Streitereien als an Sicherheits-Briefings zu haben. Die demokratische Kontrollfunktion der Medien lehnt er ab und verweigert sich jeder Transparenz, beispielsweise was die Vermischung seiner Geschäftsinteressen mit dem Amt angeht. Wladimir Putin hingegen scheint in vielerlei Hinsicht sein Vorbild zu sein.

Wie ist ansonsten die Stimmung in der deutschen Community von Washington, mehr als einen Monat nach der Wahl?

Auf der einen Seite gilt es jetzt natürlich, abzuwarten, was von dem Wahlkampfgetöse Realität wird. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Besorgnis, was einige Grundfesten der transatlantischen Beziehungen betrifft. Stichwort Bündnis-Politik und die Frage der Verpflichtungen im Rahmen der Nato. Oder Stichwort Klimapolitik. Das sind für Deutschland existenzielle politische Fragen.

Apropos Folgen: Sind die Verhältnisse in beiden Ländern überhaupt vergleichbar?

In vielerlei Hinsicht sind sie nicht vergleichbar. Gott sei Dank, aus deutscher Sicht. Während sich die amerikanische Politik zunehmend polarisiert hat, sind die Parteien in Deutschland in der Mitte immer mehr zusammengerückt. Wir haben auch noch eine größere Stabilität in der Medienlandschaft, gerade was die öffentlich-rechtlichen Anstalten angeht. In den USA erreichen etablierte Medien einen relevanten Teil der Bevölkerung gar nicht mehr.

Sie haben gesagt, nicht zuletzt die Grünen müssten ihre kommunikative Blase verlassen. Was genau wollten Sie damit sagen?

Es geht nicht nur um die Grünen, sondern um unsere gesamte Gesellschaft. Es ist ja nicht verkehrt, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. In den USA sind aber gerade viele Trump-Wähler nur noch in ihren eigenen Informationsblasen unterwegs. Da haben die etablierten Medien ihre Funktion als Informationsvermittler verloren. Das ist eine Gefahr, wenn diese Leute ihr Weltbild nur noch aus stark gefärbten Informationen und teilweise aus Falschnachrichten und Lügen zusammensetzen.

Und das ist in Deutschland nicht so?

In Deutschland ist die Gesellschaft noch nicht so stark gespalten, aber auch bei uns gibt es Teile der Gesellschaft, die sich anscheinend von den demokratischen Parteien nicht repräsentiert fühlen, die den professionellen Medien misstrauen und die sich dann ihrerseits abgrenzen. Um die zu erreichen, sind gerade die progressiv eingestellten Teile der Bevölkerung gefordert, einschließlich der Parteien, aus ihren eigenen Diskursräumen rauszukommen und aktiv auf diese Leute zuzugehen, ­online und offline – selbst wenn das anstrengend ist. Wir müssen denen zuhören, rausfinden, was uns eint, und klar argumentieren, wo wir – bei allem Respekt und aller Empathie – Demokratie und Grundwerte infrage gestellt sehen.

Was bedeutet das konkret?

Das fängt mit dem Gespräch mit den eigenen Nachbarinnen und Nachbarn an oder mit dem Liken, Lesen und Kommentieren andersgesinnter Medien und Gruppen auf Facebook. Zum Urlaub aufs Land fahren, statt um die halbe Welt zu fliegen. Oder sich in lokalen Vereinen und Initiativen engagieren. Was die Parteien betrifft, geht es darum, möglichst breite Teile der Bevölkerung zu erreichen und nicht nur die eigene ­Klientel – von der Sprache her und auch mit neuen Formaten. ­Hillary Clinton zum Beispiel hat eine Zuhör-Tour durch die ganzen USA gemacht. Daraus sind eine Reihe von politischen Initiativen entstanden, die sie vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Das war richtig, auch wenn sie die Wahl damit nicht gewonnen hat.

Es gibt in Deutschland die selbstkritische These, die Linken hätten die Rechtsdrift zu verantworten – durch ein Zuviel an politischer Korrektheit. Stimmen Sie dem zu?

Alle müssen sich fragen, was sie besser machen können, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die offenen Gesellschaften zu erhalten. Aber die linke Selbstkritik geht mir an manchen Stellen zu weit. Der Begriff „Politische Korrektheit“ als Kampfbegriff der Rechten ist ja nichts anderes als Korrektheit, nichts anderes als ­Respekt vor dem Gegenüber und der Menschenwürde aller. Das gebietet es, Mexikaner nicht als Vergewaltiger zu bezeichnen, wie Trump das getan hat. Die Diskriminierung von Gruppen darf in einer Demokratie nicht geduldet werden.

Ist es nicht ein Problem, dass Leute, denen es gut geht, den Leuten, denen es schlecht geht, auch noch sagen, dass sie bei der sprachlichen Korrektheit mithalten sollen?

Wenn das allein im Vordergrund stünde, wäre das vielleicht so. Aber bei Clintons Kampagne war das nicht der Fall. Sie hatte umfassende Vorschläge für Sozialreformen. Das Bild, das von den Demokraten entstand, war gleichwohl, dass sie die weiße Arbeiterklasse kaum mehr berücksichtigten. Die Frage ist also, wie Antidiskriminierung besser als Teil von umfassender Inklusion vermittelt werden kann. Es darf nicht um ein Ausspielen wirtschaftlich Abgehängter gegen gesellschaftlich Diskriminierte gehen. Fest steht aber auch: Vieles, was wir über lange Zeit für selbstverständlich hielten, ist in Teilen der Gesellschaft, auch in Deutschland, nicht mehr selbstverständlich, also das gemeinsame Europa, die Grundregeln unserer Demokratie, die Grundrechte. Der gesellschaftliche Konsens darüber muss ständig neu erarbeitet und begründet werden.

Blüht uns ein deutscher Trump, wenn das ­alles nicht gelingt?

2017 wohl nicht. Das hängt auch mit der relativen Stabilität unserer Institutionen zusammen. Aber die Frage ist, inwieweit ein zunehmend rechtsnationalistischer Diskurs in Europa die etablierten Parteien dazu bringt, solche Positionen zu übernehmen und Grundpfeiler der Bundesrepublik wie beispielsweise die feste Verankerung in der Europäischen Union infrage zu stellen.

Die Fragen stellte Markus Decker.

Zur Person

Bastian Hermisson ist der Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in ­Washington. Er hat auf dem Grünen-Parteitag in Münster wenige Tage nach dem Wahlsieg Donald Trumps eine aufrüttelnde Rede gehalten. Sie fand mehr Aufmerksamkeit als die Reden der Parteiprominenz.
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