Verein setzt sich seit bald 70 Jahren für Miteinander ein

„Wir treten für ein Europa der Bürger ein“

Bremen. Bremen hat eine Menge mit Europa zu tun, auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich ist. In dieser Serie stellen wir einige Beispiele vor – dieses Mal die Europa-Union Bremen, einen Verein mit langer Geschichte.
14.05.2014, 00:00
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„Wir treten für ein Europa der Bürger ein“
Von Silke Hellwig

Vor der Europawahl fragt sich der eine oder andere womöglich: Was hat Bremen schon mit Europa zu tun? Eine Menge, auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich ist. In dieser Serie stellen wir einige Beispiele vor – dieses Mal die Europa-Union Bremen, einen Verein mit langer Geschichte.

Europa-Union – nie gehört? Das ist kein Grund, sich zu schämen. Anders als die Senioren- oder die Frauen-Union ist die Europa-Union keine Unterorganisation der CDU. Mitglieder dieser Union aber sind seit Jahrzehnten auch Mitglieder der Europa-Union. Denn sie ist überparteilich, und genau das, sagt Henrike Müller, Geschäftsführerin des Bremer Verbands, sei vielen Mitgliedern wichtig. Der Vorstand der Europa-Union besteht vornehmlich aus Bremern, die sich in verschiedenen Parteien und Funktionen engagieren. Henrike Müller ist beispielsweise auch Vorstandsmitglied der bremischen Grünen.

Ist es nicht schwierig, überparteilich zu sein und doch politisch, Europa-Befürworter und dennoch auch kritisch gegenüber der EU? Das sei gelegentlich eine Gratwanderung, räumt Henrike Müller ein, aber auch überaus spannend. Auf Verbandstagungen erlebe sie oft „unheimlich kontroverse Debatten“, dennoch eine die Mitglieder der Einsatz für das weitere Zusammenwachsen innerhalb Europas, über Parteigrenzen hinweg.

Auch berufliche Verbindungen

Viele der bremischen Mitglieder verbindet überdies, dass sie beruflich mit Europa zu tun, im Ausland gewohnt haben oder in einer binationalen Partnerschaft leben. Henrike Müller beispielsweise engagiert sich nicht nur ehrenamtlich seit 1999 in der Europa-Union, sie arbeitet zudem als Politikwissenschaftlerin am Zentrum für Europastudien der Universität Bremen. „Europa ist den ganzen Tag in meinem Kopf“, sagt Henrike Müller, und das sei für sie keine Last.

Die Europa-Union hat ein lange Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg taten sich in Bremen, andernorts in Deutschland und in Europa Menschen zusammen, die für Versöhnung, Völkerverständigung und Toleranz eintraten. Der deutsche Bundes-Dachverband verweist im Internet stolz darauf, „die größte Bürgerinitiative für Europa in Deutschland“ zu sein. Der bremische Zweig besteht aus rund 50 Mitgliedern. Henrike Müller: „Wir haben wenig personelle Ressourcen. Wir schaffen pro Jahr vier Veranstaltungen, zwei meist im Rahmen der Europawoche.“ Eine dieser Veranstaltung findet morgen, am 15. Mai, statt. Der Titel: „Wohin mit Europa nach der Wahl? Die Europa-Union fragt nach“ (20 Uhr in der Bremischen Bürgerschaft).

Um die Gründung der deutschen Europa-Union am 9. Dezember 1946 rankt sich eine Legende: Sie wäre beinahe in Bremen gegründet worden, aber angeblich flohen die Gründungsmitglieder vor der Nachkriegsnot, vor Hunger und Kälte, nach Syke in den beheizten Schützenhof. Tatsächlich war Wilhelm Heile die treibende Kraft. Er war Landrat in Syke, schon Anfang der 20er-Jahre für die Vereinigen Staaten von Europa eingetreten und gründete laut Henrike Müller bereits 1926 einen Verband für europäische Verständigung. Die Bremer Europa-Union wurde am 22. August 1947 von der amerikanischen Militärregierung genehmigt.

Neben ihr existiert auch eine Nachwuchs-Organisation, die sich als unabhängig versteht, aber auf eine Reihe von Gemeinsamkeiten verweisen kann: die jungen europäischen Föderalisten (JEF). An der Spitze steht in Bremen Manuel Warrlich, 25 und Student. Er hat in Frankreich studiert und dort „die Vorteile Europas kennengelernt“. Er kehrte nach Deutschland zurück und lernte die Nachteile kennen – sein Abschluss wurde nicht anerkannt. Die JEF, so Warrlich, setze sich vor allem für europapolitische Bildungsziele ein. Denn: „Bildung ist der Schlüssel für viele Probleme.“

Die jungen europäischen Föderalisten, in Bremen sind es laut Warrlich rund 25, besuchen unter anderem Schulen, um über Europa zu informieren und zu diskutieren. Auch ganz praktisch: Beispielsweise anhand der Unterschiede zwischen den Ländern der EU, den Teilnehmerländern beim Eurovision Song Contest und den Teams der Fußball-Europameisterschaft.

Der Gedanke der Gründungsväter – Frieden, Völkerverständigung, Freiheit – hat sich weitgehend erfüllt, braucht es da noch eine Europa-Union? Durchaus, sagt Henrike Müller: Vor allem durch die Wirtschaftskrise sei die EU-Politik „exekutivlastig“ geworden. Das Europäische Parlament müsse eine größere und bedeutendere Rolle spielen. „Bürger und Bürgerinnen müssen sich noch mehr einmischen können“, sagt Henrike Müller. „Wir treten für ein Europa der Bürger ein.“

Solidarität auf dem Kontinent

Und wie begegnet sie Menschen, die sagen, Europa sei ihnen wurscht? „Denen sage ich, dass Europa keinem wurscht sein kann, weil es jeden jeden Tag betrifft, von der Straßenbahn über die Produkte im Supermarkt bis hin zu Arbeitsmöglichkeiten.“ Außerdem brauche der Kontinent die Solidarität seiner Bürger: Wenn Europa bestehen wolle über die nächsten Jahrzehnte, gehe das nicht alleine. Auch nicht für das starke Deutschland.

Die Jungen Europäischen Föderalisten laden Erstwähler am Sonnabend, 17. Mai, von 10 bis 15 Uhr in die Volkshochschule in der Faulenstraße ein, um über das Europäische Parlament zu informieren.

In der nächsten Folge schildert Johanna Wesnigk wie sie Instituten hilft, mit der EU und ihrer Bürokratie zurechtzukommen.

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