Weißer-Ring-Außenstelle betreut seit 20 Jahren Opfer von Kriminalität und Gewalt / 30 Fälle in diesem Jahr „Wir vermitteln: Du bist nicht allein“

Seit 20 Jahren betreut der „Weiße Ring“ in der Außenstelle Delmenhorst Opfer von Straftaten. Fünf Ehrenamtliche bilden momentan das Team, unterstützen Betroffene nach Vergewaltigungen, sexuellem Missbrauch, Körperverletzungen oder Überfällen. Die Einblicke sind dabei oft auch für die Opferhelfer belastend. Wie sie damit umgehen, erzählen zwei von ihnen im Rückblick.
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„Wir vermitteln: Du bist nicht allein“
Von Mareike Meyer

Seit 20 Jahren betreut der „Weiße Ring“ in der Außenstelle Delmenhorst Opfer von Straftaten. Fünf Ehrenamtliche bilden momentan das Team, unterstützen Betroffene nach Vergewaltigungen, sexuellem Missbrauch, Körperverletzungen oder Überfällen. Die Einblicke sind dabei oft auch für die Opferhelfer belastend. Wie sie damit umgehen, erzählen zwei von ihnen im Rückblick.

Wenn Jörg Zimmermann nach einem Opfergespräch heimkommt, helfen ihm die Musik und ein Glas Wein dabei, das Gehörte zu verarbeiten. In seinen 13 Jahren beim „Weißen Ring“ hat der ehemalige Leiter, der auch jetzt noch im Verein mitwirkt, Strategien entwickelt, mit dieser Arbeit umzugehen. „Mich wundert eigentlich nichts mehr, aber meine Ehefrau will davon meistens nichts hören, sie kann dann nicht schlafen“, erzählt der 73-Jährige. Bei Gaby Lübben, seiner Nachfolgerin in der Außenstelle Delmenhorst, verhält es sich anders: „Man muss sich in die Opfer einfühlen, und irgendwann ist dann meine emotionale Grenze erreicht“, schildert Lübben, die dann auf die Unterstützung und den Rückhalt ihres Mannes baut. Gaby Lübben und Jörg Zimmermann gehören zum fünfköpfigen Team des „Weißen Rings“ in Delmenhorst, der dort seit zwei Jahrzehnten Opferhilfe leistet. Anlass für ein Gespräch über Erfahrungen und Erlebtes.

Eine wichtige Stütze für die Mitarbeiter des „Weißen Rings“ ist die Dankbarkeit der betreuten Opfer. Sie stärke und helfe, nicht zu verzweifeln, sagt Zimmermann. Berührt hat ihn besonders der Dankesbrief einer jungen Mutter, wie er schildert. „Dank Ihnen geht es uns deutlich besser“, stand darin, „jetzt können wir endlich ein normales Leben führen.“ Die Frau hatte vor ihrer eigenen Familie fliehen müssen und lebt mit ihrem Sohn jetzt in Süddeutschland.

Dies ist in Delmenhorst durchaus kein Einzelschicksal. Etwa 80 Prozent der betreuten Opfer sind Frauen und Kinder. Oft fliehen Frauen vor ihren eigenen Ehemännern. Sogar eine Namensänderung ist in solchen Fällen möglich, so wie bei einer kurdischen Frau, die vor ihrem Mann floh. Am Ende war die Mühe vergebens – die Frau kehrte zu ihrem Ehemann zurück. „Damit müssen wir fertigwerden“, meint Zimmermann, „auch wenn wir es nicht nachvollziehen können. Das ist eben eine andere Kultur.“

Als die Opferhilfe 1993 in Delmenhorst gegründet wurde, lagen die Schwerpunkte der Arbeit woanders als heute. So sind Vergewaltigungen und Missbrauch beispielsweise rückläufig, dafür nimmt das sogenannte Stalking oder Nachstellen zu. Bisher verzeichnet die Außenstelle für das laufende Jahr 30 betreute Fälle. Darunter zum Beispiel Raubüberfälle, Körperverletzungen und Beleidigungen. Wer Hilfe vom „Weißen Ring“ bekommen möchte, sei jedoch nicht verpflichtet, Anzeige zu erstatten. „Gezwungen wird bei uns niemand“, betont Zimmermann, der die Leitung der Außenstelle 2008 von Jürgen Grunewald übernommen hatte. „Zu meiner Zeit hatten wir das Problem, überhaupt an die Opfer heranzukommen. Das ging dann meistens über die Polizei“, erinnert sich Grunewald. Mittlerweile ist die Hemmschwelle gesunken, wie die aktuelle Leiterin Gaby Lübben zu berichten weiß: „Die meisten Opfer rufen selbst bei uns an.“

Einige der Opfer werden vom „Weißen Ring“ – der keinerlei staatliche Zuschüsse erhält – teilweise über Jahre hinweg unterstützt. Egal ob bei Behördengängen, Vernehmungen durch die Polizei oder Gerichtsverhandlungen, das Team um Gaby Lübben hilft weiter. „Unser erstes Gebot ist die Menschlichkeit“, schildert Zimmermann die Grundprinzipien der Opferhilfe und ergänzt: „Wir vermitteln den Opfern damit: Du bist nicht allein.“

Doch nicht nur emotional hilft der „Weiße Ring“ weiter, sondern auch finanziell. Wer bedürftig ist, dem wird geholfen, finanzielle Notlagen vorübergehend zu überbrücken. „Wir helfen meistens Empfängern von Arbeitslosengeld II. Das ist dann auch nicht auf die Leistungen vom Staat anrechenbar“, führt Lübben aus.

Das Team ist um jeden Fall bemüht. „Bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung kommen die Täter oft aus dem Umfeld“, erzählt Zimmermann. Da geht es um Nachbarn, Onkel, Väter oder Großväter. Bei den Gesprächen, die aus Mangel eines Büros bei den Opfern zu Hause oder in einem Café stattfinden, erfahren die Opferbetreuer oft wesentlich mehr als die Familie. „Häufig wird Kindern zum Beispiel von der eigenen Mutter auch nicht geglaubt, immerhin kennt diese den Täter schon seit Jahren“, merkt Zimmermann an. Beim „Weißen Ring“ finden die Opfer dann Verständnis und Vertrauen. Die Grundvoraussetzungen für eine Mitarbeit definiert der 73-Jährige so: „Nächstenliebe muss sein, und man muss den Menschen einen Vertrauensvorschuss geben, auch wenn das dann vielleicht enttäuscht wird.“ Ansonsten mache die Arbeit keinen Sinn.

Die Mitarbeiter werden mit Lehrgängen und Seminaren auf die Opfergespräche vorbereitet. „Niemand wird sofort allein zu einem Opfer geschickt. Am Anfang begleiten neue Kollegen die Erfahrenen zu den Gesprächen“, erklärt Zimmermann das System. Und auch wenn er sich mehr Mitglieder wünsche, blicke er doch positiv auf die 20 Jahre „Weißer Ring“ Delmenhorst und bilanziert: „Wir haben viel erreicht und uns einen Namen gemacht. So kann es weitergehen.“

Das Opfertelefon des „Weißen Rings“ ist unter der Telefonnummer 0151/55164694 zu erreichen

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