Nachhaltiger Konsum „Wir verschleudern unsere tierischen Produkte“

Die Tierärztin und Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin Anita Idel, spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über nachhaltigen Fleischkonsum und die erforderlichen Rahmenbedingungen.
17.10.2017, 19:56
Lesedauer: 6 Min
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„Wir verschleudern unsere tierischen Produkte“
Von Jan-Felix Jasch

Frau Idel, kann Fleischkonsum nachhaltig sein?

Ja! Aber damit Fleischkonsum tatsächlich nachhaltig ist, müssen wesentliche Bedingungen eingehalten werden.

Welche sind das?

Es geht vor allem um Weidetiere. Sie haben sich in Ko-Evolution mit dem Weideland entwickelt und müssen nicht mit uns Menschen um Nahrung konkurrieren. Daher können wir die Tiere auf Flächen grasen lassen, die nicht ackerfähig sind. Ungeeignet für den Ackerbau sind auch zunehmend Hanglagen, denn die sogenannten Starkregenereignisse nehmen zu. Werden Hanglagen beackert, erhöht sich das Risiko der Wassererosion: die Erde gerät ins Rutschen. Am wirksamsten dagegen ist eine geschlossene Pflanzendecke. Die dichteste Pflanzendecke, die die Welt zu bieten hat, ist eine gesunde Grasnarbe.

Was fällt noch unter Bedingungen für einen nachhaltigen Konsum?

Zum einen die Förderung und Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, die durch nichts besser zu generieren ist als eine nachhaltige Beweidung. Zudem entzieht jede zusätzliche Tonne Humus der Atmosphäre 1,8 Tonnen CO2. Zweiter wichtiger Punkt: die biologische Vielfalt. Ihr Schwund bedeutet neben dem Klimawandel die derzeit größte Bedrohung für die Welternährung. Ob wir uns omnivor, vegetarisch oder vegan ernähren, immer muss transparent sein, wie die Lebensmittel erzeugt wurden.

Wodurch ist die Vielfalt bedroht?

Durch Monokulturen und die Intensität der Düngung. Synthetischer Stickstoffdünger ist in der ökologischen Landwirtschaft verboten. Bei seiner Anwendung wird Lachgas freigesetzt, welches mehr als 300 mal so klimarelevant ist wie CO2. Hinzu kommt das Ausmaß an Fäkalien, die durch nicht artgerechte Fütterung erzeugt werden. Das Kraftfutter dafür stammt überwiegend aus Importen: 70 Prozent der in der EU verfütterten Proteine werden in Südamerika produziert, wo dafür die Böden ausgelaugt werden. Der Urin und die Kuhfladen, die durch die Grasfütterung entstanden sind, sind das beste Düngemittel für das Bodenleben.

Warum greift man überhaupt auf andere Formen der Tierhaltung zurück, wenn die Weidehaltung viel besser ist?

Verantwortlich sind die politischen Rahmenbedingungen, die die Externalisierung der Kosten ermöglichen. Dadurch sind Schäden durch die immer weiter industrialisierte Landwirtschaft nicht in den Produktpreisen enthalten: Die Verursacher müssen nicht dafür zahlen. Wären die Schäden durch Pestizide für das Grundwasser und die Nitratbelastung der Brunnen, die Schäden für die biologische Vielfalt, die Bodenfruchtbarkeit und das Klima sowie die Schäden für die menschliche und tierische Gesundheit eingepreist, wären Weidefleisch und Bio-Produkte geradezu billig. Billig in unseren Supermärkten ist hingegen nur scheinbar billig. Deshalb werden Milliarden für die Werbung ausgegeben, um zu suggerieren, dass ein Produkt genauso gut ist wie ein anderes... Ein entscheidender und wesentlicher Charme eines Projektes wie Besserfleisch liegt in der Transparenz.

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Die Transparenz könnte ja auch bei dem Fleisch aus dem Supermarkt gegeben sein.

Die Konkurrenz bei tierischen Produkten ist noch größer als bei pflanzlichen. Mit Kampfpreisen für Billigfleisch werden Menschen in Supermärkte und Discounter gelockt. Offensichtlich wird erfolgreich suggeriert, dass die Produkte gleich gut seien. Dadurch entsteht das Kaufverhalten, das wir heute haben. Wir gehören zu dem Land, das seine tierischen Produkte mit am billigsten verschleudert. Dagegen zu konkurrieren, geht dann wirklich nur auf einer parallelen Schiene und mit ganz viel Authentizität.

Um den Trend umzukehren, müsste man als erst einmal Aufklärungsarbeit leisten?

Zunehmend machen auch die Medien wahrnehmbar, dass es weniger um einzelne Schwarze Schafe, als um die generellen Abgründe des industrialisierten Systems und seine ökologischen, tiergesundheitlichen und sozialen Folgen geht. Gleichzeitig müssen wir mutige Alternativen bieten. Mutig heißt, dass ein Konzept aufgehen muss – auch finanziell. Und das betrifft die landwirtschaftlichen Betriebe, die – handwerklichen – Weiterverarbeiter und die Vermarkter. Wir haben das quersubventionierte System der Exportorientierung: Überschüsse sind politisch gewollt, sie drücken die Preise und führen zum Wachsen-oder-Weichen. Landwirtschaftliche Betriebe sterben. Parallel erfolgt ein Sterben in der Weiterverarbeitung. Es gibt immer weniger Metzgerfachgeschäfte. Und von den vorhandenen haben die meisten bestenfalls nur einen Anteil an nicht-Industrie Fleisch im Sortiment.

Warum kann sich Industriemast lohnen?

Nur wenn der Landwirt „Masse“ macht. Das ist es, das Wachsen-oder-Weichen. Die Frage ist doch, ob der Landwirt überhaupt Alternativen hat, ob er höhere Preise pro Tier erzielen könnte. Dafür muss die Haltung seiner Tiere besser sein. Die Arbeitswirtschaftlichkeit in der Fleischindustrie ist erschreckend hoch. Naturgemäß braucht Weidehaltung wesentlich länger, um schlachtreife Tiere hervorzubringen als die Intensivmast.

Was gehört denn zu einem guten Weidemanagement?

Unsere Weidetiere waren ja ursprünglich Wandertiere, so haben sie Landschaften geprägt. In einer Welt der Zäune haben wir meistens entweder zu viele oder zu wenige Tiere auf einer Fläche. Gutes Weidemanagement erfordert, flexibel auf Aufwuchs und Wetter zu reagieren. Das erfordert Zeit und spezielle Kenntnisse. Bauern müssen hoch motiviert sein, um sich das anzueignen. Nachhaltiges Weidemanagement ist der Mahd immer überlegen. Aber ob Agrarwissenschaft oder Praxis – die Erfordernisse und Potenziale sind noch viel zu wenig in den Köpfen.

Natürlich wird auch Winterfutter benötigt. Wie bei dem aktuell guten Wetter werden dann die meisten Wiesen gleichzeitig gemäht. Selbst, wenn das Mähen im Sommer so erfolgt, dass keine Kitze zu Schaden kommen, führt es zu einem dramatischen Verlust der Fauna.

Das ist im Spätsommer oder Herbst weniger relevant, als wenn die Insekten im Frühjahr und Frühsommer ihre Eier an die Gräser gelegt haben. Aus Mangel an Insekten können dann viele Vögel ihre Nestlinge nicht ausreichend ernähren. Wird hingegen nachhaltig beweidet, entsteht ein Mosaik - einzelne Flächen, auf denen mal mehr, mal weniger oder gar nicht gefressen wird. Ein Aspekt, der auch bei manchen Naturschützern noch nicht so präsent ist.

Leider ist es ja so, dass negative Nachrichten in der Kommunikation helfen. Den Rückgang der Vögel bekommt die Bevölkerung mit, aber Insekten? Wenn man aber den Zusammenhang erfährt, dann wird die Problematik deutlich. Politik muss einen viel flexibleren Rahmen schaffen, um den Dynamiken der Natur gerecht zu werden – und diese auch zu nutzen. Vieles ist auch noch nicht hinreichend erforscht, weil dahinter kein ökonomisches Interesse für die Industrie steht.

Was heißt das konkret?

Auftrag der Landwirtschaft ist es, nachhaltig Lebensmittel zu erzeugen. Die Landwirtschaft wird immer weiter intensiviert. Je nach (Gunst-)Lage der Fläche geht das zehn, 100 oder 500 Jahre. Aber irgendwann geht es auch auf den fruchtbarsten Flächen nicht weiter. Zurzeit begrenzen wir nur den Schaden. Bei der Beweidung ist es am offensichtlichsten wie positive Effekte generiert werden können. Aber das erfordert nachhaltige Förderung, darauf sind Landwirte angewiesen, wenn sie auf Dauer (!) Landwirtschaft betreiben wollen.

Ein Grund mehr, viel flächendeckender die Weidehaltung der Tiere zu betreiben?

Es wird viel weniger in als an der Landwirtschaft verdient. Ob Pestizide, Antibiotika, Antiparasitika, Desinfektionsmittel oder synthetischer Stickstoffdünger: je intensiver, desto mehr verdient die chemische Industrie. Die Frage ist immer, für wen es sich lohnt. Bestenfalls fahren wir langsamer vor die Wand, aber wir fahren vor die Wand. Ökonomisch sinnvoll wäre etwas ganz anderes.

Wie kann man das denn ändern?

Wir können nicht weitermachen wie bisher. Das ist die Schlussfolgerung des Weltagrarberichtes. Wir brauchen keine Überschussproduktion an tierischen Produkten auf der Basis von Importfuttermitteln. Erforderlich sind politische Rahmenbedingungen: Ohne Außenschutz ist Nachhaltigkeit nicht realisierbar. Je tiefer wir in Abgründe blicken – bei Grundwasser, Böden, Klima, Biodiversität – je mehr wir diese Aspekte im Zusammenhang erkennen, umso klarer wird, dass wir raus aus dem Reparaturmodus müssen. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist aufwendig. Wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass solche Lebensmittel billiger (!) sind als welche, die Ressourcen zerstören. Wir haben riesiges Potenzial.

Das Gespräch führte Jan-Felix Jasch.

Zur Person:

Anita Idel ist ausgebildete Tierärztin, arbeitet zudem als Mediatorin in den Spannungsfeldern Ökonomie und Tierschutz, Landwirtschaft und Naturschutz. Sie ist Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin.

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