Kommentar über die Woche der Brüderlichkeit Woche der Brüderlichkeit braucht mehr Breitenwirkung

Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wollen mit ihrer Woche der Brüderlichkeit dem Antisemitismus Paroli bieten. Doch sie erreichen immer weniger Menschen, warnt Benjamin Lassiwe.
10.03.2018, 18:58
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe

Seit 1948 sind sie wichtige Brückenbauer in der deutschen Gesellschaft: Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die auch in diesem Jahr wieder die Woche der Brüderlichkeit veranstalten. Mit Veranstaltungen in über 80 Orten in ganz Deutschland soll dem Antisemitismus Paroli geboten werden. Das Ziel der Veranstalter: In Deutschland soll es ein besseres Verhältnis zwischen Christen, Juden und auch Muslimen geben. Und das ist auch bitter nötig. Denn der Antisemitismus in Deutschland wächst, nicht nur in Ostdeutschland, wie es die Forscher des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums am Freitag beklagten.

Während es dort Wutbürger und das Umfeld der mittlerweile als offen rechtsradikal zu bezeichnenden östlichen Landesverbände der AfD sind, die antijüdische Vorurteile an Stammtischen kultivieren, tobt auf manchen Schulhöfen und in manchen Stadtvierteln Westdeutschlands längst der Nahostkonflikt. Wer mit einem rötlichen Vollbart und einem schwarzen Mantel im Berliner Wedding in ein Taxi steigt, kann durchaus erleben, dass er vom Chauffeur gefragt wird, ob er etwa Jude sei. Und Studien belegen, dass der Hass auf Israel unter Zuwanderern aus dem arabischen Raum weitverbreitet ist.

Doch kann die Woche der Brüderlichkeit an dieser Stelle Abhilfe schaffen? Es wäre jedenfalls gut und wichtig. Dazu müsste die Veranstaltung allerdings selbst stärker in der Gesellschaft verwurzelt sein. Hier in Bremen geht das gar nicht mehr: Denn die hiesige Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat sich bekanntlich vor einiger Zeit aufgelöst. Und schon zuvor bot man nur noch wenige Veranstaltungen an: In manchen Jahren bestand die Woche der Brüderlichkeit nur aus einem einzigen Festakt im Rathaus.

Damit ist schon hinreichend beschrieben, vor welchem Problem die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in manchen Regionen stehen: Man erreicht mit dem eigenen Angebot zwar die Spitzen der Stadtgesellschaft, denn dass das Anliegen – die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden – politisch wichtig und richtig ist, steht ja völlig außer Frage. Wichtiger wäre es aber, die Menschen in den Eckkneipen und an den Stammtischen, die Dönerverkäufer und Taxifahrer, den Förderschüler und den kleinen Ladenbesitzer mitzunehmen.

Ist es da ein Fortschritt, wenn die Woche der Brüderlichkeit ausgerechnet in Recklinghausen eröffnet wird und die Buber-Rosenzweig-Medaille der GCJZ an Peter Maffay verliehen wird? Ganz sicher: Peter Maffay hat diese Auszeichnung verdient. Er unterstützt mit seiner Tabaluga-Stiftung auf vorbildlichste Weise traumatisierte Kinder und Jugendliche, verbindet Kulturen und Religionen. Aber Fans des Rockmusikers, die diesen Standpunkt lesen, müssen jetzt trotzdem stark sein: Maffay ist zwar einer der erfolgreichsten Musiker der jüngeren deutschen Geschichte. Aber er steht deswegen noch lange nicht für die Musik, die junge Leute von heute auf den Schulhöfen abholt. Ob er mit einer Medaille ausgezeichnet wird oder nicht, macht im Kampf gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Deutschlands Straßen keinen wesentlichen Unterschied.

Gleichwohl ist es ein wichtiges Zeichen, dass die Woche der Brüderlichkeit nicht in Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt eröffnet wird. Denn es zeigt, dass die Veranstalter zumindest einen Teil des Problems erkannt haben, vor dem sie mit ihrer Arbeit stehen. Aber ein Blick auf das Programm in der Stadt, in der die Woche eröffnet wird und die deswegen in diesem Jahr besonders im Fokus der Öffentlichkeit steht, zeigt eben auch, was noch zu tun ist. Jenseits einer Ausstellung mit Schülerarbeiten zum Jahresthema der Woche der Brüderlichkeit finden vor allem historische Stadtrundgänge und eine Aufführung der Kinderoper Brundibar statt, für die aber bereits wieder eine Einladungskarte für geladene Gäste benötigt wird.

Was dann am Ende eben doch wieder belegt, dass die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit den Sprung in die Breite der heutigen Gesellschaft nicht geschafft haben. Ein bisschen Schützenhilfe dafür wäre aber dringend nötig: Denn gerade in einer Zeit, in der das Klima im Land immer mehr von teils wütenden und hasserfüllten Auseinandersetzungen geprägt wird, wäre es gut, wenn Vereine, die dem Brückenbauen dienen, einen großen Querschnitt der Gesellschaft mit ihrem Angebot erreichten und vor allem nicht sang- und klanglos einfach untergehen.

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