Zehn Jahre Arabischer Frühling in Ägypten Am Tahrir-Platz herrscht Totengräberstimmung

Vor zehn Jahren kam es zum Aufstand in Ägypten gegen Hosni Mubarak, welcher mit dem Sturz des Langzeitherrschers seinen Höhepunkt erreichte. Doch was ist seit dem Arabischen Frühling in dem Land geschehen?
25.01.2021, 05:00
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Von Birgit Svensson, Kairo

Am Tahrir-Platz in Kairo herrscht Totengräberstimmung. Der Obelisk aus Granit, der seit Monaten die Mitte des Platzes dominiert, ist verhüllt. Vier Katzengötter aus Luxor sollen zu seinen Füßen aufgebaut werden. Doch die steinernen Tiere sind bis jetzt noch nicht in der ägyptischen Hauptstadt eingetroffen. Die Enthüllung des Monumentes war ursprünglich für den koptischen Weihnachtstag am 7. Januar geplant und ist nun auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Der Platz der Befreiung (Tahrir) wird zum Friedhof der Antike. Nichts, gar nichts erinnert mehr an die turbulenten Wochen von vor zehn Jahren, als am 25. Januar 2011 Ägyptens Aufstand gegen Langzeitherrscher Hosni Mubarak begann und gut zwei Wochen später mit seinem Sturz den Höhepunkt erreichte.

Der Tahrir-Platz wurde zur Ikone der Träume von Hunderttausenden für eine bessere Zukunft, ein demokratisches System, das Mitsprache verhieß, weniger Korruption und weniger Armut, mehr Würde im Alltag. „Es ist eine Schande für Ägypten“, sagt ein einsamer Tourist aus dem Libanon, der verstohlen am Rande des Tahrir-Platzes steht und versonnen auf den verhüllten Obelisken starrt. „Wir wollen aus den Fehlern der Ägypter lernen.“ In seinem Land begann die Rebellion im Oktober 2019, als am Nil längst wieder eine Diktatur eingezogen war. Die Libanesen ringen noch immer mit ihrer politischen Elite um Veränderung, um notwendige Reformen und einen Wechsel des politischen Systems. Viele Ägypter dagegen wünschen sich Mubarak zurück. Der jetzige Machthaber Abdel Fattah al-Sisi sei viel schlimmer, hört man im ganzen Land.

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Al-Sisi hat durchgefegt. Der ehemalige Generalfeldmarschall, der seit gut sechs Jahren Ägyptens Präsident in Zivil ist, hat aufgeräumt mit den „Auswüchsen der Revolution“, wie er es nennt. Keine Straßenhändler mehr in den Seitenstraßen vom Tahrir-Platz, keine Stände auf den Bürgersteigen, keine Sockenverkäufer am Talat Harb. Auch der Zeitungsmann an der Mohamed Mahmoud Straße, wo im November 2011 heftige Straßenkämpfe tobten und die Graffitis an den Häuserwänden internationale Berühmtheit erlangten, ist weg. Ebenso der Getränkekiosk an der Nilbrücke und der Schalverkäufer vor dem Gebäude der Arabischen Liga.

Al-Sisi betrachte den Aufstand vor zehn Jahren als Unfall der ägyptischen Geschichte, heißt es. Im Café Riche an der Talat Harb Straße gibt es jetzt mehr Geheimdienstleute als andere Gäste. Der traditionelle Treffpunkt der Oppositionellen ist verwaist. Verabreden will sich hier keiner. Es gibt keine Opposition mehr in Ägypten. Alle sind auf Linie gebracht worden. Wer nicht wollte, kam ins Gefängnis, ging ins Exil oder wurde zu Tode gefoltert. Fast wöchentlich berichtet Reporter ohne Grenzen von Verhaftungen: Journalisten, Blogger, Menschenrechtler, auch Geschäftsleute landen im Gefängnis. Nach China und der Türkei hat Ägypten die meisten politischen Gefangenen weltweit.

Die Angst vor einem islamischen Gottesstaat genommen

Vorbei sind die Jubeljahre, die Begeisterung über den Wind der Veränderung, der nicht nur über den Tahrir-Platz wehte, sondern im ganzen Land zu spüren war – und der ansteckte. Zunächst jubelten die Nilbewohner, als sie Mubarak nach fast 30 Jahren im Amt los wurden. Danach jubelten sie, als Feldmarschall Tantawi den Militärrat anführte und die Organisation von Neuwahlen versprach. Dann wurde gejubelt, als Islamistenpräsident Mohammed Mursi 2012 die bislang einzigen freien und demokratischen Wahlen hauchdünn gegen seinen Herausforderer Ahmed Shafik von Mubaraks alter Garde gewann. Und schließlich der Jubel über al-Sisi, der gegen Mursi putschte und den Ägyptern die Angst vor einem islamischen Gottesstaat nahm.

Nun jubeln nur noch die gleichgeschalteten Medien, die einhellig ihren Präsidenten lobpreisen. Bei den kürzlich abgehaltenen Parlamentswahlen gingen nicht einmal 20 Prozent der Wahlberechtigten hin. Fragt man nach dem Grund, legen die meisten den Zeigefinger auf den Mund und signalisieren Angst. Wenn sich dann doch jemand traut etwas zu sagen, dann ohne den Namen zu nennen. Die ursprüngliche Euphorie für al-Sisi hat sich in Schweigen aufgelöst. Politische Diskussionen sind verstummt, selbst am Küchentisch in den Familien. Die Muslimbruderschaft ist verboten, deren Mitglieder und Sympathisanten gelten als Terroristen. Mohammed Mursi ist tot, im Gerichtssaal zusammengebrochen, als gegen ihn wegen Spionageverdachts verhandelt wurde.

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Wie in Kairo, so hat al-Sisi auch in Ägyptens zweitgrößter Stadt am Mittelmeer durchgefegt. Alexandria ist sauber geworden. Der von ihm eingesetzte Gouverneur, ebenfalls ein Militär, ist seit fast zwei Jahren im Amt und hat aufgeräumt. Im Armenviertel Moharram Bek sind die Straßen repariert worden, eine neue Brücke über die Hauptstraße entlastet den Verkehr. Wo vor zehn Jahren noch Dreck, Staub und aufgerissener Asphalt dominierten, herrscht heute peinliche Sauberkeit. Der vom Nildelta abgeleitete Bewässerungskanal mit Abfällen und faulen Gerüchen ist verschwunden. Er sei übertunnelt worden, sagen die Anwohner.

Fronten haben sich aufgelöst

Die Menschen in Moharram Bek sind noch immer tief religiös, es gibt mehr vollverschleierte Frauen als anderswo und Männer mit langen Gewändern. Doch das Viertel ist nicht mehr im Griff der Islamisten. Die Fronten haben sich aufgelöst. Von den fünf Männern, die beim letzten Besuch in den „Revolutionstagen“ Tee trinkend vor dem Coffee Shop zwischen den Handwerkerbuden saßen und über die Muslimbrüder diskutierten, kommt heute nur noch einer zu dem verabredeten Treffen. „Die anderen haben Angst“, begründet Omar das Fernbleiben der Kumpels. Zwei von ihnen seien als Sympathisanten der Muslimbruderschaft und deren Präsidenten Mursi kurzzeitig verhaftet worden, als al-Sisi übernommen habe. Er selbst habe „sich überzeugen lassen, dass es mit den Islamisten doch nicht so gut war“, sagt Omar, dem der Coffee Shop gehört. Er sei jetzt Mitglied bei al-Sisi. Stolz zeigt der 52-Jährige seinen Mitgliedsausweis der Partei „Mustaqbal Watan“ (für die Zukunft unseres Landes), die bei den neuerlichen Wahlen 314 der 568 Parlamentssitze gewann und auch in Moharram Bek als Sieger hervorging.

Die Arbeitslosigkeit sei noch immer sehr hoch, höher als noch vor zehn Jahren, sagt ein älterer Mann mit lichtem Haar, der gemütlich an einer Teetasse nippt. Besonders die jungen Leute fänden keine Arbeit. Während früher in den kleinen Werkstätten ringsherum, wo Autos repariert und Ersatzteile für Kühlschränke verkauft werden, im Schnitt fünf Leute angestellt waren, sind es heute noch zwei. Auch Omar hat drei seiner Angestellten entlassen müssen. Das sei zum einen der wirtschaftlichen Situation zuzuschreiben – die Leute werden immer ärmer und hätten kein Geld –, zum anderen auch Corona. Zeitgleich gibt die Regierung in Kairo Erfolge bekannt. Die Armutsrate sei in den vergangenen zwei Jahren von über 30 auf 29,7 Prozent gefallen, erklärte Premierminister Mustafa Madbouly vergangene Woche im Parlament. Das heißt aber, dass noch immer über 30 Millionen Ägypter unter der von der Uno festgelegten Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag leben. In Muharram Bek sei die neue Entwicklung noch nicht angekommen, klagen die Teetrinker in Omars Coffee Shop.

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