Kommentar über Salisbury

Zerstörtes Vertrauen

Während viele Menschen in und um Salisbury derzeit vor allem Angst verspüren, wirkt das Königreich ratlos, schreibt Katrin Pribyl.
05.07.2018, 21:56
Lesedauer: 1 Min
Zur Merkliste
Zerstörtes Vertrauen
Von Katrin Pribyl
Zerstörtes Vertrauen

Ein britischer Polizist steht neben einem abgesperreten Bereich nahe des John Baker House, in dem Ermittlungen stattfinden. Das mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftete Paar aus Südengland ist vermutlich nicht Opfer eines gezielten Anschlags geworden.

dpa

Erst vier Monate ist es her, dass der ungeheuerliche Skripal-Fall das Königreich in Atem hielt. Alles klang wie aus einem Kriminalroman, nur dass die Realität die kühnste Fiktion übertraf. Auf britischem Boden wurden ein ehemaliger russischer Doppelagent und seine Tochter Opfer eines Nervengas-Anschlags. Das allein ist ein Skandal.

Was aber bereits damals nicht nur verstörte, sondern Furcht einflößte, war das immense Risiko, dem die Bevölkerung durch den Einsatz eines verbotenen chemischen Kampfstoffes inmitten eines englischen Städtchens ausgesetzt wurde. Und nun scheinen die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden zu sein. Unschuldige, unbeteiligte Bürger wurden vergiftet, vermutlich aus Versehen. Hat das Paar ohne Absicht kontaminierte Handschuhe oder Kleidung des noch immer unbekannten Täters gefunden und berührt? Wie kamen sie in Kontakt mit der hoch toxischen Substanz?

Die Menschen in der Region machen sich Sorgen, sind verunsichert und schockiert. Umso mehr, als die Behörden stets betonten, das Gesundheitsrisiko für die Öffentlichkeit sei gering, und der Alltag könne wie gewohnt fortgeführt werden. Dieser Empfehlung folgte das britische Paar offenbar und ringt nun mit dem Tod. Auch für die lokale Wirtschaft der Gegend, die stark vom Tourismus abhängt, sind die aktuellen Entwicklungen eine Katastrophe. Gerade erst hat sie sich halbwegs von den Auswirkungen der Schlagzeilen erholt, die der Skripal-Fall produziert hat.

Einige Politiker deuten erneut in Richtung Russland und fordern Unterstützung bei der Aufklärung des Anschlags im März, um mehr über Täter und Herkunft des Nervengifts zu erfahren. Doch zwischen den beiden Ländern herrscht diplomatische Eiszeit, seit die Briten Moskau für die Attacke auf den Ex-Spion verantwortlich machen. Das Vertrauen ist zerstört. Und während viele Menschen in und um Salisbury derzeit vor allem Angst verspüren, wirkt das Königreich ratlos.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+