Kommentar über Denkmalstürmer

Nicht zensieren – sondern thematisieren

Geschichte – das ist der Versuch, Weltbilder und ihre Ausdrucksformen aus der jeweiligen Epoche herauszuverstehen. Die Demontage von Kulturgeschichte hingegen ist ein einfältiger Weg, meint Norbert Holst.
10.07.2020, 07:48
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Nicht zensieren – sondern thematisieren
Von Norbert Holst
Nicht zensieren – sondern thematisieren

Richmond, USA: Der Kopf eines Denkmals für die konföderierten Soldaten wird verschnürt und entfernt.

STEVE HELBER/DPA

Die Empörung über Rassismus und Kolonialismus hat zum modernen Bildersturm geführt. Denkmäler werden geschleift, Straßennamen hinterfragt, Filme verbannt, selbst vor Comics machen die Agitatoren der politischen Korrektheit nicht halt.

Geschichte – das ist der Versuch, Weltbilder und ihre Ausdrucksformen aus der jeweiligen Epoche heraus zu verstehen. Die bloße Demontage von Kulturgeschichte, in Wort oder Tat, ist hingegen ein einfältiger Weg, sich einer verhassten Vergangenheit zu entledigen. Wenn der Kampf gegen Rassismus darin ausfranst, nach Symbolen zu jagen, dann geht es am Ende nicht um die Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte, sondern um deren Zensur und Entsorgung.

Im Zuge des Aufbegehrens gegen Rassismus und Unterdrückung in den USA werden Denkmäler gestürmt und gestürzt. Etwa von Anhängern der „Black Lives Matter“-Bewegung, deren Gewaltakte sich vor allem gegen bedeutende Vertreter der Südstaaten im 18. und 19. Jahrhundert richten. Der Protest zieht weltweit Kreise, immer vehementer wird auch gegen die Abbildungen von Repräsentanten des kolonialen Unterdrückungs- und Ausbeutungssystems vorgegangen. In Bristol, Großbritannien, wurde die Skulptur des Sklavenhändlers Edward Colston vom Sockel gestoßen und landete schließlich im Hafenbecken.

Auch John Wayne gerät ins Visier

Die „Korrektur der Geschichte“ macht aber längst nicht mehr halt vor überlebensgroßen Statuen. Ins Visier der Proteste ist auch US-Westernheld John Wayne geraten. Der raubeinige Schauspieler hatte noch 1971 die „weiße Rasse“ als „überlegen“ bezeichnet. Ein nach ihm benannter Flughafen in Kalifornien soll nun umgetauft werden. Doch Wayne war keineswegs ein Oberrassist – er äußerte ein damals in den USA noch weitverbreitetes Denken. Und selbst der bekanntlich tiefschwarze britische Humor hat keine Chance gegen die Anti-Rassismus-Welle. Nach Vorwürfen haben Netflix und BBC die legendäre Comedy-Serie „Little Britain“ aus ihren Mediatheken verbannt. Nur: Es ist das Konzept dieser Satirereihe, die Exzentrik der Briten und ihre Vorurteile gnadenlos auf die Schippe zu nehmen. Makaber: „Little Britain“ parodiert überdrehte Political Correctness – und wird am Ende zu ihrem Opfer.

Lesen Sie auch

Oftmals ist es gar nicht so einfach, eine scharfe Trennlinie zwischen dem vermeintlichen Gut und Böse zu ziehen. Ins Visier deutscher Denkmalstürmer ist Otto von Bismarck geraten. In Hamburg und Köln wurden Statuen des Reichskanzlers mit roter Farbe beschmiert. Dabei stand Bismarck der deutschen Kolonialpolitik reserviert gegenüber, wie der Historiker und Bismarck-Experte Ulrich Lappenküper betont. Koloniale Ziele habe er primär mit Blick auf das unstabile Machtgefüge in Europa verfolgt.

Erinnerung mit den moralischen und politischen Kategorien der Gegenwart zu bewerten, ist selten zielführend. Und wo soll das noch enden? Sollen Goethe-Denkmäler abgebaut werden, weil sein Frauenbild nun einmal nicht den Maßstäben der „Me too“-Bewegung entspricht? Und muss man in Berlin wirklich den U-Bahnhof „Mohrenstraße“ in vorauseilendem Gehorsam umbenennen, obwohl der historische Ursprung des Straßennamens überhaupt nicht geklärt ist?

Es gibt andere Wege

Es gibt geeignetere Wege, sich mit Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. So wird das Schmähbild „Judensau“ an der Stadtkirche in Wittenberg durch eine mahnende Gedenktafel und Info-Texte in seinem historischen Kontext erklärt. Oder man kann es wie Bremen machen: Das 1932 eingeweihte Reichskolonial-Ehrendenkmal, das Elefanten-Monument in Nähe der Stadthalle, wurde 1989 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

Bei allem Furor einfach „weg damit“ zu brüllen, ist ein gleichermaßen radikaler wie banaler Weg. Nicht umsonst ist die Entsorgung von Geschichte ein typisches Merkmal von Diktatoren, autoritären Regimen und religiösen Fanatikern. „Gewalt gegen Kultur ist eine gesteigerte Form von Gewalt gegen Menschen“, warnt der Historiker Alexander Demandt in seinem Buch „Vandalismus“. Liberale Gesellschaften sollten auch von der Zeit überholte Kulturgüter ertragen können. Selbst wenn sie unbequem oder gar verstörend sind. Nicht zensieren ist das Gebot der Stunde – vielmehr thematisieren.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+