Schwarzmarkt, Entbehrung und Wohnungsnot: Kapitulation und Nachkriegszeit im Bremer Norden Zigaretten gegen Armbanduhren

Bremen-Nord. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen der Kapitulation von 1945 und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Als offizielles Kriegsende für die Stadt Bremen gilt der 27.
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Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen der Kapitulation von 1945 und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Als offizielles Kriegsende für die Stadt Bremen gilt der 27. April 1945. Der amerikanische Colonel Dorn suchte Wilhelm Kaisen auf seiner Parzelle in Borgfeld auf und bat ihn, wieder in der Regierungsarbeit tätig zu werden.

Was aber geschah im Bremer Norden? Dort war nach wie vor Krieg. Anfang April wurden an den Hauptzugangsstraßen Panzersperren errichtet. In Blumenthal lieferten das Holz dazu mächtige Douglastannen, die hinter dem dortigen Wasserwerk und am Abhang von Dillener Park gefällt wurden. In Burgdamm standen 40 englische Kampfpanzer. Die Bevölkerung rechnete mit weiteren Kämpfen. Durch Gräuelpropaganda der Nazis wuchsen Angst und Misstrauen. Einige führende Köpfe der Nordbremer Industrie suchten den Kontakt zu lokalen Parteioberen. Man beriet gemeinsam über eine Einbeziehung des Bremer Nordens in den Bremer Friedensvertrag. Die politischen Mandatsträger hatten aber keinerlei militärische Befugnisse. Sie verwiesen auf Oberstleutnant Schreiber, dessen Gefechtsstellung in Eggestedt lag. Der berief sich auf Befehle von höherer Stelle, die ihm keinen Handlungsspielraum ließen. Ende April wurde die Brücke üb er die Lesum sowie die Vegesacker Fähranlage gesprengt.

Tagebucheintragungen geben einen lebhaften Bericht von der Situation in der Vegesacker Weserstraße. „Unser Keller war von der Wehrmacht beschlagnahmt worden“, schrieb Hannelore A. „Ein Flakgeschütz wurde im Garten aufgestellt. Die Munition lag zusammen mit Handgranaten und Panzerfäusten hinter einer Mauer im Garten. Außerdem waren Laufgräben und Einmannlöcher im oberen Garten am Hang gegraben worden. Wir durften unseren Garten wegen Feindeinsicht nicht mehr betreten. Die feindlichen Truppen waren bis Bookholzberg vorgedrungen. (…) Die Bomberpiloten der alliierten Truppen flogen nur noch in geringer Höhe ihre Ziele an. Am 28. April schossen die Engländer einige Granatsalven nach Vegesack hinein. In der Strandstraße, am Wilmannsberg und in der Befehlsstelle im Hotel Norddeutscher Hof schlugen Granaten ein.“

Zu den 17 Todesopfern bei mehreren Granatsalven zählte auch der Gymnasiallehrer Dr. Belger. Es gab keine Straßenkämpfe im Bremer Norden. General Horrocks, Oberbefehlshaber der in diesem Raum operierenden britischen Truppen, hatte sich anders entscheiden. Als erste alliierte Soldaten kam am 5. Mai ein Trupp Engländer nach Vegesack.

Union Jack auf Strandlustgebäude

Die Straßensperren waren schon am 1. Mai entfernt worden. Besetzt wurde Vegesack von Amerikanern. Innerhalb von zwei Stunden mussten die Bewohner der Weserstraße ihre Häuser räumen um Amerikanern Platz zu machen. Sie durften nur das Nötigste mitnehmen. An der Ecke Weserstraße-Breite Straße wurde ein Posten eingerichtet, der jeden kontrollierte. Im Nachbarhaus war das Hauptquartier, daneben die Küche. Gelegentlich durften die Eigentümer als „Housekeeper“ in einer Dachwohnung bleiben. Auf dem Strandlustgebäude wehte der Union Jack.

Ob die Bewohner von den übrig gebliebenen Essensrationen teilhatten, lag sehr im Ermessen der jeweiligen Küchenchefs. Häufig wurden Essenreste mit Benzin übergossen und verbrannt. Manchmal auch in einen Müll-Kübel entsorgt. Dort angelten Zivilangestellte vorsichtig die schon einmal gebrühten Kaffeereste heraus. Der zweite Aufguss verschaffte noch einen recht brauchbaren Kaffeegenuss.

Eine Situation, die sich so in ganzen Bremer-Nord abspielte. In Blumenthal wurden die Straßen Am Forst, Flethestraße, Martin-Luther-Straße, Hotel Union und die Wifo-Siedlung von amerikanischen Truppen requiriert. „Off Limits“ war überall zu lesen. In die Gärtnerunterkunft von Wätjens Park in Aumund hatte sich eine Infanteriekompanie einquartiert. Schräg gegenüber befand sich die Feuerwehr der Armee. Bremer Woll-Kämmerei und Bremer Vulkan waren Sperrgebiet. Dort hatte die Army PX-Lager mit Verpflegung- und Versorgungsgütern für die gesamten US-Besatzungstruppen eingelagert. Deutsche Mitarbeiter schmuggelten gelegentlich Dosen mit Schokolade, Kaffee oder Milchpulver an den Wachposten vorbei. Wurden sie erwischt, gab es drakonische Strafen. Häufig wurden Güterwagen, die am Löhwald auf dem Vulkangleis standen, nachts beraubt.

Ansonsten war das Verhältnis nach anfänglichem Misstrauen erträglich. Wer Englisch sprach, konnte als Dolmetscher, Fahrer oder Lagerarbeiter auf einen Job hoffen Manchmal wurden sogar Freundschaften, gelegentlich sogar Ehen geschlossen. Die Naziparteigenossen ließen alle Insignien ihrer politischen Stellung wie Uniformen, Ehrendolche und Auszeichnungen verschwinden, vielfach wurden sie in die Weser oder Lesum geworfen. Die Militärpolizei fahndete nach ehemaligen Nazis. Wohnungen der PGs durchsuchten die Kampftruppen mit entsichertem Karabiner. Verdächtige Personen wurden in ein provisorisches Sicherheitslager in der Weserstraße gebracht, ebenso Jugendliche, die nach der Sperrzeit oder bei Diebstählen aufgegriffen wurden. Ein Lkw brachte sie zum Bunker unterm Domshof, wo sie tags darauf einem Militärrichter vorgeführt wurden. Die weiblichen Insassen wurden auf Geschlechtskrankheiten untersucht.

Schwarzmarkt auch durch GI selbst

Wegen Hunger und Entbehrung entwickelte sich der Schwarzmarkt. Die Army hatte Lebensmittel im Überfluss. Aber nur selten konnten Deutsche davon profitieren. Der verbotene Schwarzmarkt wurde nicht zuletzt durch die GI selbst in Gang gehalten. Sie besaßen Zigaretten – die wichtigste Schwarzmarktwährung. Eine Schachtel brachte 250 Reichsmark. Verhökert wurde alles – von Speck, Pelzmantel, Schmuck, Butter, Schnaps oder Meißener Porzellan. Armbanduhren wurden gegen Zigaretten getauscht.

Durch die weitgehend zerstörte Innenstadt war die Wohnungsnot katastrophal. Zu den Ausgebombten kamen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, die in langen Trecks durchs Land zogen. Unterkünfte erfolgten per Zwangseinweisungen. Die Grundschulen begannen im September, Oberschulen erst im Dezember 1945. Einige Lehrkräfte durchliefen ein Spruchkammerverfahren. Wenn sie nicht ganz ausschieden, gab es eine wochenlange Umschulung.

An dieser Stelle scheibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Fiedler ist pensionierter Lehrer, Journalist und Schriftsteller. Er wohnt in Blumenthal. Für Lob, Anregungen und Kritik erreichen Sie ihn über ulffiedler@yahoo.de.

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