Angeklagte im NSU-Prozess will nun Anwalt Heer loswerden Zschäpe gibt nicht nach

München. Es hatte sich am Vortag angedeutet. Tatsächlich hat Beate Zschäpe am Dienstag einen neuen Misstrauensantrag gestellt.
22.07.2015, 00:00
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Von Wiebke Ramm

Es hatte sich am Vortag angedeutet. Tatsächlich hat Beate Zschäpe am Dienstag einen neuen Misstrauensantrag gestellt. Diesmal will sie Anwalt Wolfgang Heer loswerden. Erstaunlicherweise nur ihn. Nach Informationen dieser Zeitung hat Heer bis zum heutigen Mittwoch, 16 Uhr, Zeit für eine Stellungnahme.

Während sich am Morgen der Beginn des 220. Verhandlungstages im NSU-Prozess um eine halbe Stunde verzögert, verteilt der neue Anwalt der mutmaßlichen NSU-Terroristin, Mathias Grasel, zwei von Zschäpe verfasste, handgeschriebene Seiten. Ihre Altverteidiger Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm ziehen sich sofort zur Besprechung zurück. Auch die Vertreter der Bundesanwaltschaft verlassen den Saal. Alle anderen erfahren den Inhalt des Schreibens kurz darauf von Heer selbst.

Richter Manfred Götzl kommt gleich zu Beginn des Prozesstages eigentlich auf einen anderen Antrag Zschäpes zu sprechen. Zschäpe hatte am Montag eine neue Sitzordnung gefordert. Grasel solle dort sitzen, wo Heer seit 219 Tagen sitzt. In Zschäpes Antrag heißt es, Heer habe sich geweigert, seinen Platz zu räumen. Stimmt nicht, sagte Heer am Vortag. Nun sagt Götzl: „Gestern hatte ich Sie noch so verstanden, dass keiner an seinem Platz klebt.“ Götzl wirkt ein wenig belustigt. „Ich hatte gedacht, Sie besprechen das vielleicht untereinander“, sagt er. Dass ein Richter den Verteidigern die Plätze zuordnen soll, erheitert ihn sichtlich. Er schaut zu Heer.

Heers Erwiderung enthält die Überraschung. Er sagt: „Da es nun einen Entbindungsantrag von Frau Zschäpe gegen mich gibt“, wisse er nicht, wo er sich jetzt hinsetzen solle. Schließlich habe Zschäpe gestern noch gefordert, sie wolle zwischen Grasel und ihm sitzen. Und heute? Grasel regt folgende Reihenfolge, vom Richter aus gesehen, an: Grasel, Zschäpe, Stahl, Heer, Sturm. Schon am Montag hatten Bundesanwaltschaft und Nebenklagevertreter kritisiert, dass es „unwürdig“ sei, in einem Prozess, in dem es um die Aufklärung von zehn Morden, 15 Raubüberfällen, zwei Sprengstoffanschläge und weiteren Verbrechen geht, um die Sitzordnung zu streiten.

Tatsächlich kommt die Sitzordnung auch in Zschäpes aktuellem Misstrauensantrag gegen Heer vor. Darin soll sie Heer vorwerfen, am Montag wahrheitswidrig vor Gericht gesagt zu haben, die neue Sitzordnung habe keine Rolle für seinen eigenen Antrag auf Entpflichtung gespielt. Woher Zschäpe allerdings die Gründe kennen will, die Heer bewogen haben, um seine Entlassung zu bitten, bleibt unklar. Sie führt noch einen weiteren Grund an. Und diesen hat ihr ausgerechnet Richter Götzl geliefert.

Der Richter hatte am Montag von bisher nicht bekannten Gesprächen zwischen ihm und Zschäpes Anwälten Stahl, Sturm und Heer berichtet. Die drei Anwälte äußerten ihren Unmut über die von Gericht damals geplante – und inzwischen erfolgte – Beauftragung von Grasel als zusätzlichen Verteidiger. Heer sprach mit dem Richter auch darüber, dass er über eine Teilaussage Zschäpes nicht glücklich wäre. Zschäpe soll in ihrem Antrag nun schreiben, dass Heer ihr Vertrauen verloren habe, da er hinter ihrem Rücken und ohne ihr Wissen mit Götzl über sie gesprochen habe.

Götzl erwähnt Zschäpes Antrag gegen Heer an diesem Tag mit keinem Wort. Er zieht sein Programm durch. Eine Kriminalkommissarin vom Bundeskriminalamt berichtet unter anderem, dass Zschäpes Fingerabdrücke auf einem Umschlag gefunden wurden, in dem das NSU-Bekennervideo verschickt wurde.

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