3500 Menschen gehören zur Kreisgemeinschaft Preußisch Eylau – gemeinsam wollen sie ihr Kulturgut bewahren

Zu Besuch bei Freunden

Verden. Nach Kriegsende schlossen sie sich zur Kreisgemeinschaft namens Preußisch Eylau zusammen; sie, das sind aktuell etwa 3500 Personen, die entweder aus dem Kreis Preußisch Eylau stammen, dort Vorfahren haben oder generell Interesse an den ostpreußischen Gebieten und den Vereinsaktivitäten haben. Ihre Vereinskameraden lebten heute über ganz Deutschland verstreut, circa 70 von ihnen sogar in den USA, in Kanada oder Australien, wie die Vorsitzende der Kreisgemeinschaft, Evelyn von Borries, berichtet.
08.10.2017, 00:00
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Von Andrea Kreutzer
Zu Besuch bei Freunden

Bürgermeister Lutz Brockmann begrüßte die Gäste zu dem jährlichen Treffen.

FOCKE STRANGMANN

Verden. Nach Kriegsende schlossen sie sich zur Kreisgemeinschaft namens Preußisch Eylau zusammen; sie, das sind aktuell etwa 3500 Personen, die entweder aus dem Kreis Preußisch Eylau stammen, dort Vorfahren haben oder generell Interesse an den ostpreußischen Gebieten und den Vereinsaktivitäten haben. Ihre Vereinskameraden lebten heute über ganz Deutschland verstreut, circa 70 von ihnen sogar in den USA, in Kanada oder Australien, wie die Vorsitzende der Kreisgemeinschaft, Evelyn von Borries, berichtet.

Sie selbst lebt seit vielen Jahrzehnten in der Nähe von Düsseldorf, ihre Eltern jedoch stammten aus dem Kreis Preußisch Eylau. „Mein Großvater mütterlicherseits hatte einen Gemischtwarenladen, eine Gastwirtschaft und eine Tankstelle, meine Großeltern väterlicherseits ein Gut im südlichen Teil von Preußisch Eylau, der jetzt polnisch ist.“

Teilung in zwei Gebiete

Durch den Kreis verlaufe nämlich die Grenze zwischen der Republik Polen und dem zur russischen Föderation gehörenden Königsberger Gebiet, die den früher einheitlichen Wirtschafts- und Kulturraum in zwei sehr verschiedene Gebiete teile, „in wirtschaftlicher Hinsicht sind beide allerdings eher arm“. Seit der Mitgliedschaft Polens in der EU und den damit verbundenen Subventionen aus Brüssel hätten sich die Verhältnisse aber im südlichen Teil verbessert.

Die nördliche Kreishälfte, deren Hauptstadt Preußisch Eylau ist (1946 wurde es von der Sowjetunion in ‚Bagrationowsk‘ umbenannt), sei bis zur Auflösung der Sowjetunion militärisches Sperrgebiet und somit für Ausländer eine verbotene Zone gewesen. Viele Dörfer seien inzwischen von der Landkarte verschwunden, nachdem andere, jeweils zwei oder drei, zusammengefasst worden waren, von denen eines als Zentrum erhalten worden war. „Doch auch dort schreitet, seit Beginn der Auflösung der Großbetriebe von Beginn der 90er Jahre an, der Verfall fort, große Teile des früher landwirtschaftlich genutzten Gebietes liegen brach.“

Im südlichen Teil hingegen seien Klein- und Mittelbetriebe dadurch, dass Polen die Landwirtschaft nicht kollektivierte, erhalten geblieben. „Allerdings sind den Großbetrieben zu Beginn der 90er Jahre die Subventionen entzogen worden, so dass deren Flächen oftmals ebenfalls noch immer brach liegen.“ Im Unterschied zum nördlichen Kreisteil waren einige Deutsche wohnen geblieben, „die Deutschen sind in dem Verein ‚Deutsche Gesellschaft Natangen‘ zusammengeschlossen“. Diese Gesellschaft sei als Organ ebenfalls Mitglied der Kreisgemeinschaft, ihre Mitglieder würden aber kaum noch Deutsch sprechen. Generell bestehe die Bevölkerung zu 50 Prozent aus Ukrainern, zudem gebe es Wilna-Polen sowie Zentralpolen, während die Bewohner des nördlichen Teils heute überwiegend russischer Abstammung seien.

In den Jahren nach der Vereinsgründung sei es zunächst primär darum gegangen, diejenigen, die Flucht und Vertreibung überlebt hatten und nun über ganz West- und Mitteldeutschland verstreut waren, in der Kreiskartei zu erfassen. „In neun von zehn Fällen ist das auch gelungen: Familien konnten wieder zusammengeführt, vorhandenes Vermögen in der Heimat dokumentiert und Hilfestellung beim Lastenausgleich gegeben werden.“ Sie selbst habe die Flucht kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges, wenn auch noch sehr klein, miterlebt, sei damals mit ihrer Mutter sowie ihrer Großmutter von ihrem damaligen Wohnort Ostseebad Cranz geflohen.

Diese sozialen Aspekte, aus denen der Verein damals gegründet worden war, seien in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in den Hintergrund getreten, Vorrang habe nun die Bewahrung des Kulturguts. In diesem Sinne pflegten sie die bestehenden Kontakte in den Partnerkommunen und im Heimatgebiet und sammelten auch heute noch Dokumente aus alten Zeiten. „Wir unterhalten beispielsweise im Gebäude der Kreisverwaltung Verden das Preußisch Eylauer Heimatmuseum und ein Archiv und versuchen mit den uns vorhandenen Mitteln die im Kreisgebiet verbliebenen Deutschen zu unterstützen, beispielsweise durch Kleidersammlungen oder anderen Sachspenden oder auch durch die Vermittlung von Saisonarbeit.“

Darüber hinaus kümmerten sie sich neben der Herausgabe und dem Versand des Preußisch Eylauer Kreisblattes (mit ca. 3500 Adressaten), das seit 1966 als Zeitschrift der Vertriebenen des Heimatkreises erscheint, um das jährlich stattfindende Kreistreffen in Verden. „Verden ist nicht nur Sitz der Kreisgemeinschaft, sondern jedes Jahr wieder Versammlungsort für uns. In diesem Jahr hat das Kreistreffen mit etwa 100 Teilnehmern vom 30. September bis zum 1. Oktober stattgefunden.“

Am Kreistreffen nähmen auch stets die kommunalen Partner teil, Stadt und Landkreis Verden ebenso wie Vertretungen aus den russischen und polnischen Kreisteilen. „Alle zusammen haben wir im Jahr 1996 einen deutsch-polnisch-russischen Partnerschaftsvertrag unterzeichnet, mit dem Ziel, insbesondere die menschlichen, kulturellen, sportlichen, sozialen und auch wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Orten zu fördern“, so von Borries.

Seit Polens und Russlands Abkehr vom Kommunismus habe es zuvor schon eine rege Reisetätigkeit von Angehörigen der Kreisgemeinschaft gegeben. „Dabei haben wir feststellen können, dass die Zusammenarbeit mit westlichen Kommunen sehr hilfreich ist für die polnische und russische Seite.“ Nach Abschluss des Vertrages sei jährlich eine Delegation aus Verden, einschließlich der Kreisgemeinschaft, nach Osten gefahren, und beim Heimatkreistreffen der Preußisch Eylauer in Verden seien die östlichen Partner bei ihnen erschienen.

Darüber hinaus fänden regelmäßig fachliche Besuche statt, bei denen beispielsweise Feuerwehr, Polizei oder Vertreter der Landwirtschaft ihren Partnern Besuche abstatteten. „Besonders erwähnenswert ist dabei unsere Jugendfreizeit, bei der unsere Kreisgemeinschaft das vermittelnde, beide Grenzen überwindende Element darstellt.“

Jugendliche zu Besuch

Im Juli 2016 hätten Jugendliche im Alter von 14-18 Jahren eine Gute Woche im Evangelischen Jugendhof Sachsenhain in Verden-Dauelsen verbracht, erkundeten Verden im Rahmen einer Stadtrallye, besichtigten das Pferdemuseum und testeten den Kletterpark. In diesem Jahr habe das Treffen vom 6. Juli bis 18. Juli in Landsberg (jetzt polnisch) und Preußisch Eylau (jetzt russisch) stattgefunden.

Insbesondere diese Kontakte von jungen Leuten seien sehr wichtig für die Völkerverständigung, „denn wie man sich denken kann, ist bei einem Zusammentreffen verschiedener Nationen und dementsprechend vieler Sprachen jede Menge Einfühlungsvermögen und Improvisation erforderlich“. Jedes Jahr entstünden während dieser Tage neue und dauerhafte Freundschaften, außerdem könne sichergestellt werden, dass die Geschichte von Preußisch Eylau nicht in Vergessenheit gerate.

Wer mehr über die Kreisgemeinschaft Preußisch Eylau erfahren möchte, kann sich im Internet auf der Seite www.preussisch-eylau.de informieren, per E-Mail (preussisch-eylau@landkreis-verden.de) oder telefonisch unter der Nummer 04231 / 155 89 Kontakt aufnehmen.

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