Pflegereport Zu wenig Plätze für junge Pflegebedürftige

Pflegewissenschaftler kritisieren im Barmer-Pflegereport massive Versorgungslücken in der Kurzzeit- und Tagespflege für junge Pflegebedürftige.
11.03.2018, 22:23
Lesedauer: 3 Min
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Zu wenig Plätze für junge Pflegebedürftige
Von Antje Stürmann

In Deutschland fehlen Tausende Betreuungsplätze für junge Pflegebedürftige. Das geht aus dem jüngsten Pflegereport der Barmer-Ersatzkasse hervor. Einer repräsentativen Umfrage unter Pflegebedürftigen bis 60 Jahre zufolge mangelt es an gut 4000 teilstationären und etwa 3400 Kurzzeitpflegeplätzen. Bremen wie Niedersachsen nehmen bei jungen Pflegebedürftigen bundesweit Spitzenpositionen ein.

Das zeigt eine Statistik für das Jahr 2016, die in der Studie die Zahl der jungen Pflegebedürftige auf 100.000 Einwohner unter 60 angibt. Bremen kommt demnach auf 1230 und Niedersachsen auf 1223 Fälle. Mehr sind es nur in Sachsen (1255), der Bundesschnitt weist lediglich 1071 Fälle aus. Auch die Steigerungsraten sind enorm: Bremen erlebte von 2011 bis 2016 einen Anstieg von 19 Prozent, in Niedersachsen waren es der Studie zufolge sogar 29 Prozent.

Für ihren Report haben die Wissenschaftler der Uni Bremen die Versichertendaten aus den Jahren 2015 und 2016 ausgewertet. Die Ursachen für die Pflegebedürftigkeit junger Menschen sind nach Angaben des Bremer Pflegeforschers und Autors der Studie, Heinz Rothgang, andere als bei den älteren Pflegebedürftigen.

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Bei ungefähr je einem Drittel der Jüngeren seien Körperteile gelähmt, die Intelligenz sei gemindert oder es liege eine Epilepsie vor. Zehn Prozent haben laut Rothgang das Downsyndrom. „Junge Pflegebedürftige haben ganz andere Bedarfe als ältere. Dem müssen Pflegeeinrichtungen künftig stärker Rechnung tragen“, fordert Rothgang.

Unter anderem könnten junge Pflegebedürftige häufig nicht so wohnen, wie sie es möchten, weil die entsprechenden Angebote fehlten, sagt Heike Sander, Barmer-Landesgeschäftsführerin Niedersachsen und Bremen. Die Situation der jungen Pflegebedürftigen müsse dringend kurzfristig verbessert werden. Seitens der Krankenkasse heißt es, dass die Politik genauso gefragt sei wie die Pflegekassen und die ­Leistungserbringer.

Besonders für pflegebedürftige Kinder und junge Erwachsene bleibe der Wunsch nach einem selbstbestimmten Wohnen häufig unerfüllt, sagt Rothgang. „Etwa jeder zweite Pflegebedürftige der Zehn- bis 29-Jährigen hat angegeben, dass sich der Wechsel in eine Wohngruppe oder in ein Pflege- oder Behindertenheim zerschlagen hat, weil kein Platz in der Einrichtung vorhanden war.“

Massive Versorgungslücken vor allem bei Kurzzeitpflege

Und wer einen Platz im Heim ergattere, sei dort unglücklich. „Das Durchschnittsalter dort beträgt 80 Jahre.“ Laut Rothgang wünscht sich mehr als die Hälfte der Jüngeren mehr kulturelle Angebote, mehr Bewegung, würde gern öfter Freunde treffen und Ausflüge machen. Massive Versorgungslücken gibt es nach den Worten von Rothgang vor allem bei der Kurzzeitpflege.

Derzeit nutzten neun ­Prozent der jungen Pflegebedürftigen mindestens einmal im Jahr dieses Angebot. „Tatsächlich würden das aber gerne 19 Prozent tun.“ Defizite gebe es auch bei der Tagespflege. „Zum Teil möchten bis zu dreimal so viele ein- bis zweimal wöchentlich in die Tagespflege wie jene, die das realisieren.“ Als wesentlichen Grund gaben mehr als 40 Prozent der Befragten den Mangel an entsprechenden Angeboten für die jeweilige Altersgruppe an.

„Diese ergänzenden Pflegeleistungen, die die häusliche Pflege stärken sollen, würden mehr genutzt werden, wenn die alters- und erkrankungsspezifischen Angebote gegeben wären“, sagt Rothgang. Berechnet haben die Bremer Wissenschaftler auch, wie sich nach der großen Reform der Eigenanteil der Kosten für einen Pflegeplatz entwickelt.

Spitzenreiter ist Nordrhein-Westfalen

In Bremen bezahlen Pflegebedürftige demnach aktuell 1725 Euro monatlich. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 1691 Euro. Spitzenreiter ist Nordrhein-Westfalen mit 2252 Euro pro Monat. Laut Rothgang müssen die Bremer weniger tief in die Tasche greifen als die Einwohner anderer Stadtstaaten. Auf der anderen Seite gäben die Bremer Anbieter weniger Geld für die Pflege aus.

„Das wirft zumindest Fragen auf: Bezahlen die Bremer Anbieter ihre Angestellten schlechter? Beschäftigen sie weniger Personal als Anbieter in anderen Bundesländern?“ Nach Ansicht von Rothgang wird die Pflegereform vorerst vor allem den Betreibern von Pflegeheimen nutzen.

„Die Reform hat fast keinen Effekt für die Entlastung der Pflegebedürftigen. Bleibt der Effekt für die Heimbetreiber von rund einer Milliarde Euro pro Jahr.“ Dieser Betrag werde sich jedoch relativieren, sobald die Pflegebedürftigen alle nach den neuen Kriterien begutachtet sind, so der Bremer Pflegewissenschaftler.

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