Zum Tod von Prinz Philip Er dachte, sprach und scherzte britisch

Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Jener Mann, der den überwältigen Großteil seines Lebens einen Schritt hinter Königin Elizabeth II. verbrachte.
10.04.2021, 05:00
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Er dachte, sprach und scherzte britisch
Von Wigbert Gerling

Es sah sehr unschön aus – Betonung auf un. Schon die Architektur des Landsitzes Sandringham ist nicht besonders einladend, aber wehe dem, der einmal durch ein Fenster hineinschaute. „Nein“, so dachte man unwillkürlich, „dann lieber bürgerlich und doch nicht Prinz Philip sein!“ Nicht etwa wegen seiner Gattin, es war der Blick durch das Glas ins Innere, das nicht dazu geeignet war, amüsiert zu sein. Alleine diese Couchgarnitur, abgenutzt und voll aus der Mode. Die Stühle ebenso. Immerhin gab es einen Fernseher, aber der war längst nicht mehr „up to date“.

Prinz Philip lässt dieses schäbige Haus und alles andere nun hinter sich. Der Gemahl von Königin Elisabeth II. ist gestorben. Sein Tod ist nicht unschön, sondern schrecklich. Der Herzog von Edinburgh wurde 99 Jahre alt. Am 10. Juni wäre er hundert geworden.

Er ist nicht in Sandringham gestorben, die Weihnachtszeit, die er dort in Norfolk weit nördlich von London verbrachte oder verbringen musste, ist auch nach royalen Maßstäben längst vorbei. Der Schnitter erreichte ihn auf Schloss Windsor, das nicht nur deutlich repräsentativer ist, sondern auch viel schöner.

Der Duke of Edinburgh war ein Original. Viel mehr als die Queen, die nur berühmter war. Unvergesslich sind seine Aussagen, die noch weniger in unsere Zeit passten als zum Beispiel besagte Couchgarnitur in Sandringham. Als er zum Beispiel einmal in Fernost war und Menschen mit Schlitzaugen sah, erkundigte er sich bei ihnen: „Können Sie damit überhaupt gucken?“ Und zum damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl sagte Philip zur Begrüßung: „Willkommen, Herr Reichskanzler!“

Über solche Sprüche muss man nicht schmunzeln, zumal nicht, wenn man die englische Seele negativ einstuft. Aber bei solchen Anmerkungen, die längst Bücher füllen, war man nie sicher, ob sie nicht doch mit einer gewissen britisch-ironischen Übersteigerung gewürzt waren.

Dabei war Prinz Philip gar kein Brite und schon gar nicht Engländer. Er wurde als Philipp von Griechenland und Dänemark 1921 auf Korfu geboren. Er war das jüngste Kind von Frau Alice von Battenberg, die seit dem ersten Weltkrieg, als alles Deutsche in Ungnade fiel, die Übertragung in Mountbatten bevorzugten – ebenso wie die britische Königsfamilie aus Sachsen-Coburg und Gotha zur gleichen Zeit ihren Namen änderte und sich fortan Windsor nannte.

Doch schnell zurück zum Prinzgemahl. Der war zwar nicht von der englischen Insel, aber er dachte britisch, sprach britisch, scherzte britisch. Und wenigstes zu einem guten Teil prägte er auch das, was heute weltweit als britisch betrachtet wird. Ein Schuss Kauzigkeit gehört dann dazu. Das kann böse gemeint sein, muss aber nicht. Das kann witzig sein, muss aber nicht.

Er war eher selten als Prinz Philip unterwegs, in der meisten Zeit war er „der Mann an der Seite von Elisabeth“. Als er zum Beispiel 1978 mit in Bremen war, hieß es allerorten: „Die Queen kommt!“ Nicht das Paar kommt oder gar der Name des Gatten – nein, immer nur sie. Er schien darunter aber nie zu leiden. In dieser „Nebenrolle“ fühlte er sich offenbar eher wohl. Und viele seiner umstrittenen Sprüche wären so nicht möglich gewesen, wäre er der britische Monarch gewesen. Aber das war eben seine Gattin, die er 1947 geheiratet hatte. Er aber konnte so in diverse Fellnäpfchen treten, löste schlimmstenfalls eine unfreundliche Depeche des Gastlandes oder eben nur ein Kopfschütteln oder Lächeln aus. Man konnte sich einbilden, ihm sagte diese Art von Verantwortungslosigkeit zu. Er guckte auch manchmal verschmitzt. Jedenfalls konnte es dem geneigten bürgerlichen Zuhörer so erscheinen.

Er wurde fast hundert Jahre alt. Das muss man sich einmal vergegenwärtigen. Da war natürlich zum Beispiel das Rad schon erfunden, aber die Handys ließen noch lange auf sich warten. Und wie – je nach Generation – für einige bei uns beispielsweise Helmut Kohl immer Kanzler und Otto Rehhagel immer Werder-Trainer war (für andere mögen es Angela Merkel und Jogi Löw für das deutsche Nationalteam sein), so ist allemal die britische Krone vorrangig mit Elisabeth II., ein bisschen aber eben auch mit ihrem Ehepartner Philip verbunden. Aber der ist nun tot. Und man kann es gar nicht glauben. Man will es auch nicht.

Was nun? Fest steht, dass die Queen auch nach dem Ableben ihres 99-jährigen Gatten weitermacht. Da kann Sohnemann Charles noch so sehr mit den „Hufen scharren“, wenn er es überhaupt tut. Aber die Frage darf, ja muss gestellt werden, wie lange sie dieses Pensum noch leistet. Es ist immerhin keine Rarität, dass die Energien erlahmen, wenn der Partner stirbt. Elisabeth ist schließlich auch schon weit über 90 Jahre alt und damit nicht mehr die jüngste. Ein Trost: die Mutter ist über 100 Jahre alt geworden.

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