Fertigstellung neuer Brücke in Rekordzeit

Das kleine Wunder von Genua

Nur zwei Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke wird das neue Viadukt in Genua eingeweiht. Ein Grund zum Feiern ist das nicht, finden die Angehörigen der 43 Todesopfer.
31.07.2020, 05:00
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Von Julius Müller-Meiningen, Genua
Das kleine Wunder von Genua

Fertigstellung in Rekordzeit: Ein Arbeiter auf dem Neubau der San-Giorgio-Autobahnbrücke in Genua.

LUCA ZENNARO/EPA

Sie werden alle kommen. Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella, er soll als Erster in der Limousine über die Brücke fahren und dann das Einweihungsband zerschneiden. Ministerpräsident Giuseppe Conte und Mitglieder seines Kabinetts werden da sein, Genuas Bürgermeister Marco Bucci und der gesamte Stadtrat ebenfalls. Journalisten aus aller Welt werden die Einweihung der neuen Autobahnbrücke in Genua am kommenden Montag dokumentieren. Es soll ein Fest sein, ein Freudentag. Italien hat ein kleines Wunder vollbracht.

Zwei Jahre ist es her, dass die alte Morandi-Brücke, die wichtige Verkehrsader, die den Westen Genuas mit dem Osten der Stadt verband, teilweise zusammenbrach. Dutzende Fahrzeuge stürzten in die Tiefe, als am 14. August ein Sommergewitter über der Stadt niederging. 43 Menschen starben bei dem Unglück, es war eine nationale Katastrophe. Eine eingestürzte Autobahnbrücke mitten in Italien, auf einer Strecke, die gerade zur Sommerzeit täglich Tausende Urlauber befahren. Es war eine Tragödie und eine Schmach.

Wer nicht kommen wird zur Einweihung, das ist Egle Possetti. Am 14. August 2018 war ihre Schwester aus Pinerolo bei Turin mit Ehemann und zwei Kindern unterwegs in die Sommerferien. Es sollte nach Riva Trigoso in Ligurien gehen, der Weg führte über die Morandi-Brücke. Als Possetti am 14. August 2018 mitbekam, dass in Genua eine Autobahnbrücke eingestürzt war, versuchte sie, ihre Schwester zu erreichen. Erst über den Familien-Chat bei Whatsapp, dann per Telefon. Niemand antwortete, auf keinem der vier Telefone. Possetti machte sich mit einer furchtbaren Vorahnung nach Genua auf und hatte wenig später die Gewissheit: Ihre Schwester, deren Mann sowie die beiden Kinder im Alter von 16 und zwölf Jahren befanden sich in ihrem Auto auf der Morandi-Brücke, als diese einstürzte.

„Ich glaube nicht, dass ich diese Brücke jemals betreten werde“, sagt Possetti, die Vorsitzende des Komitees ist, das die Familienangehörigen der 43 Todesopfer gegründet haben. Allein der Anblick des neuen Viadukts, das nun von aller Welt gerühmt wird, bereite ihr Schmerzen. Denn auch wenn Italien am 3. August diesen wundersamen Neubau feiern wird, hat er für Possetti und die Opferfamilien eine ganz andere Bedeutung.

Man könnte Possettis Gemütslage in folgender Frage zusammenfassen: Wenn die Menschen in einem Land dazu fähig sind, in weniger als einem Jahr eine architektonische, statische und technische Meisterleistung zu erbringen, warum sind sie dann nicht in der Lage, den Einsturz einer Brücke zu verhindern? Wovon hängt es ab, von welcher Seite sich Italien zeigt? Glanz und Versagen lagen selten näher beieinander als in den letzten zwei Jahren in Genua.

Warum die Brücke einstürzte

Schließlich ist die Brücke nicht wegen des damaligen Gewitters eingestürzt, sondern wegen von Menschen zu verantwortenden Versagens. Die Stahlträger der 50 Jahre alten Morandibrücke waren verrostet, das haben Untersuchungen ergeben. Instandhaltung und Wartung wurden offenbar nur unzureichend ausgeführt. Die Staatsanwaltschaft Genua ermittelt gegen 74 Personen, die Verantwortung für das Unglück tragen könnten. Ingenieure der Autobahngesellschaft Autostrade per l‘Italia (Aspi) sind darunter, aber auch Funktionäre des Verkehrsministeriums in Rom. Im September wollen die Ermittler mit ihrer Arbeit fertig sein, dann könnte bald der Strafprozess beginnen.

Egle Possetti sagt: „Sie werden mich auf die Brücke nur mit Gewalt hochbringen.“ Ihre eigene und die anderen Opferfamilien bleiben der Eröffnungsfeier bewusst fern. Staatspräsident Mattarella will sich vor der Eröffnung am 3. August privat mit den Angehörigen treffen. Possetti bekommt hin und wieder einen Anruf vom Ministerpräsidenten, der sie über den Fortgang der wichtigsten Angelegenheiten informiert, den Lizenz-Entzug der Betreibergesellschaft Autostrade per l‘Italia etwa. Der italienische Staat wird Aspi schrittweise übernehmen, die Familie Benetton, die Aspi bisher über die Familienholding Atlantia kontrollierte, soll Schritt für Schritt aussteigen. So hat es das Parlament in Rom entschieden. Die Angehörigen wollen vor allem verstehen, wer welche Verantwortung für den Einsturz der Brücke trägt. „Die Verantwortlichen müssen bezahlen“, sagt Possetti. „Über so ein Ereignis kommt man nicht hinweg.“

Die neue Brücke trägt auch dieses Gewicht. Ihre Vorgeschichte wiegt weit schwerer als die über 17.000 Tonnen Stahl und Beton, die für den Neubau verwendet wurden. Drei Eiffeltürme schwer ist die neue San-Giorgio-Brücke, benannt nach dem Heiligen Georg, dem Drachentöter mit seinem Wappen, einem roten Kreuz auf weißem Grund, Symbol der von Genua in See gestochenen Kreuzfahrer im Mittelalter. Aber wer ist eigentlich der Drachentöter und wer der Drache im Drama von Genua, von dem man niemals wirklich behaupten können wird, es sei gut ausgegangen?

Für die Rolle des Nothelfers kommen zwei Figuren infrage. Da wäre Renzo Piano, weltberühmter Architekt. Piano ist 82 Jahre alt und selbst ein Sohn Genuas. Wegen seiner Verdienste um Italien ernannte ihn der Staatspräsident 2013 zum Senator auf Lebenszeit, Piano ist seither Mitglied der höchsten Abgeordnetenkammer Italiens. Die neue Brücke gleiche einem Schiff, hat Piano erklärt. Von unten sehe das Viadukt wie ein im Tal befestigter Schiffsrumpf aus, der auf das nahe Meer und die Seefahrer-Tradition der Stadt verweise. „Es ist eine einfache Brücke, unprätentiös und stark, wie der Charakter der Genovesen“, sagt Piano. So lautet das Narrativ für die neue Sankt-Georgs-Brücke.

Es ging ja tatsächlich unüblich schnell. Zumal in Italien, im Land der großen Verzögerungen, wo Großbaustellen erst nach Jahren eröffnet werden und wo Justiz-Prozesse Jahrzehnte dauern. Dass hat auch mit Marco Bucci zu tun, dem zweiten Helfer in der Not. Bucci arbeitete bis vor drei Jahren in der Pharmaindustrie. Im Sommer vor dem Einsturz der Morandi-Brücke wurde er Bürgermeister von Genua. Sieben Wochen nach dem Einsturz nominierte ihn die Regierung in Rom zum Kommissar für den Wiederaufbau. Bucci bat Renzo Piano um einen Entwurf für eine neue Brücke. Als das Morandi-Viadukt noch nicht vollständig abgerissen war, begannen bereits die Vorbereitungen für den Neubau. Nur zehn Monate dauerte dieser, eine Rekordzeit. Nach dem Einsturz 2018 hatte die Regierung den Notstand in Genua verhängt, die üblichen, komplizierten Prozeduren konnten umgangen werden. Bucci war es auch, der in Abstimmung mit der Regierung zwei der größten italienischen Baufirmen, Fincantieri und Salini Impregilo, mit dem Neubau beauftragte.

Fertigstellung in Rekordzeit

Zwei Jahre nach dem Brückeneinsturz hat Genua ein neues, hochmodernes und ästhetisch ansprechendes Autobahnviadukt. Niemand hätte auf dieses Tempo gewettet. Damit soll das sogenannte Modell Genua das Vorbild für die rasche und effektive Fertigstellung anderer Projekte im Land sein. In ihrem Gesetzesdekret zur Entbürokratisierung nach Corona verkürzte die Regierung die Prozeduren für die Vergabe öffentlicher Aufträge. In Politik und Wirtschaft ist seither von einer „Kultur des Machens“ die Rede, die in Italien nun Einzug halten solle. Ministerpräsident Giuseppe Conte wagte es gar, angesichts des raschen Neubaus von einem „Symbol der Wiedergeburt“ zu sprechen.

Dabei ist es wohl eine Illusion, ein ganzes Land im Hauruck-Verfahren organisieren zu wollen. Viele Prozeduren haben schließlich den Sinn, dass Regeln eingehalten werden und Korruption verhindert wird, die in Italien weit verbreitet ist. Vielleicht kann das Land nach der Erfahrung in Genua ein bisschen schneller werden. Notwendig wäre ein Kompromiss zwischen Entbürokratisierung und notwendiger Kontrolle, kein leichtes Unterfangen.

Die Opferangehörigen würden es schon begrüßen, wenn der Prozess gegen die Verantwortlichen für den Einsturz zügig abläuft. Egle Possetti will Gewissheit haben, wer welche Verantwortung für den Einsturz trug. „Ich verstehe nicht, wie diese Leute ruhig schlafen können“, sagt sie. Es ist Ferienzeit, wie vor zwei Jahren werden nicht nur Lastwagen, sondern auch zahllose Pkw mit Familien über die Brücke fahren, wie damals. Manche Reisende werden von der Brücke aufs Meer blicken. Und gar nicht merken, über wie viele Geschichten sie in diesem Moment hinweg fahren.

Info

Zur Sache

Genova San Giorgio

Die neue Autobahnbrücke heißt Genova San Giorgio, ist 1067 Meter lang, ruht auf 19 Pfeilern, besteht aus 17500 Tonnen Stahl und Beton und wurde in nicht einmal zwölf Monaten gebaut – rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche. Das letzte Fahrbahnstück wurde am 28. April eingesetzt. Am 3. August wird die Brücke über den Fluss Polcevera eingeweiht, zwei Tage später soll sie dann auch für den normalen Verkehr befahrbar sein. Die Kosten des Neubaus werden auf über 200 Millionen Euro geschätzt.


Die Brücke verbindet den Ost- mit dem Westteil der Stadt und führt zum Hafen, dem größten in Italien. Sie ist von großer Bedeutung für den Transitverkehr nach Frankreich. Vor dem Einsturz passierten bis zu 1000 Lastwagen pro Stunde und mehr als 25,5 Millionen Autos pro Jahr das Bauwerk.

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