Nahostkonflikt

Zwei-Staaten-Lösung: Vom Ende einer Utopie

Zwei Staaten, eine Lösung. Lange galt das als die Idealvorstellung für Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Doch im Heiligen Land schwindet die Hoffnung.
26.05.2018, 22:00
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Zwei-Staaten-Lösung: Vom Ende einer Utopie
Von Nico Schnurr
Zwei-Staaten-Lösung: Vom Ende einer Utopie

Verbaute Chancen auf der Suche nach Frieden in Nahost? Eine hohe Mauer trennt israelische Siedlungen und palästinensisches Gebiet im Westjordanland nördlich von Jerusalem.

dpa

Als gäbe es etwas zu feiern, flattern bunte Fähnchen über dem Gewirr aus Stromkabeln in der Salah-Eddin-Street. Dabei trägt Ostjerusalem Trauer. In Sheikh Jarrah, dem quirligsten palästinensischen Viertel, liegt das Leben lahm. Niemand auf den Straßen, verriegelte Türen, heruntergelassene Rollläden. So kurz vor Ramadan, wo es hier normalerweise besonders hektisch zugeht, Bäcker eigentlich Sonderschichten schieben, um gegen die bestellten Mengen an Fladenbrot anzubacken, wirkt der Stadtteil wie sein eigener Friedhof.

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Dreimal scheppert es gegen das rostige Aluminium, bis das Rollgitter nach oben zuckelt und Ahmad Muna, ein hagerer Anfangdreißiger, aus dem Eingang seines Geschäfts lugt. Schnell rein, alle mal beeilen, bittet Muna. Es muss ja niemand sehen, dass er heute Gäste empfängt. Wie alle Läden auf der Salah-Eddin-Street hat auch die Buchhandlung seiner Familie heute geschlossen. Die Straße streikt.

Es ist der Tag, an dem sich die Nakba, die Katastrophe, wie die Palästinenser die Staatsgründung Israels nennen, zum 70. Mal jährt. Ahmad Muna lässt den Buchladen zu, weil die Katastrophe aus seiner Sicht weitergeht. Jedenfalls tat sie es am Vortag, sagt er. Während US-Präsidententochter Ivanka Trump bei der Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem mit Zahnpastalächeln in die Fernsehkameras strahlte, starben keine zwei Autostunden entfernt Dutzende Palästinenser bei Protesten entlang der Grenzen des Gazastreifens. Wie reagiert man da?

Wohin mit dem Frust?

Ahmad Muna will nicht einfach zur Normalität übergehen. Er könne nicht so tun, als sei nichts gewesen im Gazastreifen. Trotzdem ahnt er, dass der Streik verpuffen wird. Dass die Aktion niemanden kümmert in Westjerusalem, wo das Leben weitergeht, die Touristen sich auch an diesem Morgen in Scharen durch die Stadt schieben und die Busse des Friends-of-Zion-Museums weiterhin mit einem aufgedruckten Versprechen durch die verstopften Straßen rumpeln: „Trump make Israel great“.

Vor 15 Jahren vielleicht, sagt Muna, seien Streiks noch ein wirksames Mittel gewesen. Heute nicht mehr. Aber wie sollte er seinem Frust sonst Ausdruck verleihen? „Wenn das ganze System gegen dich ist, dann ist es schwer, etwas von innen zu ändern“, sagt Muna. „Wir leben seit über 70 Jahren im Konflikt. Die Leute haben ihre Hoffnung und Geduld verloren.“ Natürlich hoffe er noch, Frieden zu erleben, irgendwann, vielleicht als Greis, vielleicht früher. An eine Zwei-Staaten-Lösung, einen Staat für die Israelis, einen für die Palästinenser, glaubt Muna aber nicht mehr. Inzwischen gehört er damit zur Mehrheit.

Nach aktuellen Umfragen des Palästinensischen Zentrums für Politik und Meinungsforschung (PAS) unterstützt nicht mal mehr die Hälfte der Palästinenser eine Zwei-Staaten-Lösung. Zwei Drittel halten sie längst für politisch unrealistisch. „Je jünger die Befragten sind, desto geringer ist ihre Zuversicht“, sagt PAS-Direktor Khalil Shikaki. Nur vier Prozent der Palästinenser glaubten, dass der Konflikt in den nächsten fünf Jahren gelöst werden kann.

Fakten in der biblischen Ödnis

Lange hat Ahmad Muna in London gelebt, Studium, Job, es lief gut, bis ihm die Zeit davon lief. Ein israelischer Staatsbürger ist Muna nicht, bloß ein Resident, die Ostjerusalemer Light-Version davon. Bei kommunalen Wahlen darf er abstimmen, bei nationalen nicht. Weil er nach sieben Jahren im Ausland drohte, seinen Aufenthaltsstatus zu verlieren, kehrte er zurück. Jetzt lehnt er, die Stirn in Falten gelegt, über einem Eichentisch im Buchladen seiner Familie und klagt über den Konflikt. Dabei könnte er auch das bunte Mosaik aus Buchrücken hinter sich sprechen lassen. Sie erzählen die gleiche Geschichte, eine palästinensische Perspektive.

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Die Bücher tragen Titel wie „Peace Not Apartheid“, „The Crisis of Zionism“, auch: „The Invention of the Jewish People“. Kochbücher, Hummus selbstgemacht, vegetarisch im Nahen Osten, reihen sich an Reiseführer für den Iran. „Der Laden ist eine Festung, die Bücher sind die Waffen“, sagt Jerusalemexperte Shalom Boguslavsky. Ahmad Muna sieht das anders, stark fühlt er sich hinter dem Tresen des engen Geschäfts nicht, eher ohnmächtig. „Ich bin machtlos in diesem Buchladen.“ Er könne noch so viele Bücher verkaufen und mit seinen Kunden angeregt über die Zwei-Staaten-Lösung diskutieren, ändern werde das nichts. „Denn währenddessen werden auf unserem Boden Fakten geschaffen“, sagt Muna. „Die Israelis kontrollieren jeden Zipfel dieses Landes.“

Efrat, biblische Ödnis, 20 Kilometer südlich von Jerusalem. Was Ahmad Muna Fakten schaffen nennt, heißt hier Bungalows und Kindergärten bauen und Kinder kriegen, die später in die Kindergärten gehen, das Leben eben. Wo früher ein Dorf im staubigen Nichts war, schlängelt sich heute eine Kleinstadt über sieben karge Hügel, die Namen biblischer Früchte tragen. An der höchsten Stelle liegt Efrat 960 Meter über dem Meeresspiegel. Von oben kann man sehen, wie Sperranlagen das Tal teilen. Ringsum liegen palästinensische Dörfer und Felder, in der Ferne flimmert die Silhouette von Betlehem.

Die Stadt auf sieben Hügeln wächst

Am Ortseingang, gleich hinter dem Checkpoint, empfängt einen Bob Lang, 59, mit breitem US-Ostküsten-Akzent. Willkommen in Efrat, biblische Stadt, seine Heimat. Die Sache mit der Bibel, seinem Geschichtsbuch, sagt Lang, Chef des religiösen Rats von Efrat, ist ihm wichtig. Deswegen gibt es gleich mal einen Monolog über Abraham, König David, Salomon, heiliges Personal, das in Efrat, das damals noch Efrata hieß, vorbeigeschaut haben soll. Lang erzählt das nicht einfach so, er lebt heute auch deshalb hier, weil seine Vorfahren das laut der Bibel schon vor Jahrtausenden taten. Für ihn leitet sich daraus das Recht ab, internationales Recht zu brechen.

Efrat ist eine von etwa 130 israelischen Siedlungen im Westjordanland und Lang einer von circa 400 000 Siedlern in der Westbank. Die israelische Siedlungspolitik verstößt gegen das Völkerrecht. Nach Auffassung der internationalen Gemeinschaft ist Efrat eine illegale Siedlung, nach israelischem Recht nicht. „Wir sind keine Besatzer, denn es gab hier vorher nie einen palästinensischen Staat“, sagt Lang. Er erzählt von Osmanen, Briten, Jordaniern, alle waren sie in Efrat. Von den palästinensischen Privatleuten, die hier Land besaßen, es laut der Organisation Schalom Achschaw zum Teil noch immer tun, spricht er nicht.

Vor über 40 Jahren kam Bob Lang, Sohn Holocaust-Überlebender, aus New York ins judäische Gebirge. Damals lebten eine Handvoll Familien in Efrat, jetzt sind es mehr als 12 000 Israelis, der Großteil national-religiöse Juden. Bald werden weitere 4000 neue Bewohner folgen, alles abgesegnet. Der Bau läuft, ein Antrag für weitere Wohnungen liegt bereits in Jerusalem. Gerade ist eine gute Zeit für Efrat.

Ein Staat, vom Mittelmeer bis zum Jordan

Donald Trump sei auch ein bisschen sein Präsident, sagt Lang. Gleich nach dessen Amtsübernahme hat die israelische Regierung nach eigenen Angaben den Bau so vieler neuer Wohnungen im Westjordanland erlaubt wie seit 25 Jahren nicht mehr. Danach äußerte sich der US-Präsident widersprüchlich zur Siedlungspolitik. Lang setzt trotzdem darauf, dass Trump auch Israel groß machen wird. Vom Mittelmeer bis zum Jordan, um genau zu sein.

Von der Gründung eines Palästinenserstaats hält Bob Lang nichts. „Die Zwei-Staaten-Lösung ist eine Idee der Vergangenheit“, sagt er. „Kaum jemand in Efrat glaubt noch daran.“ Lang kramt Karten hervor, man merkt sofort: Er macht das nicht zum ersten Mal. Früher war Lang mal Sprecher des Dachverbands der Siedler in der Westbank. Jetzt möchte er zeigen, wie klein das Land doch ist. An der schmalsten Stelle sind es gerade einmal 15 Kilometer, „Little Israel“ nennt er das israelische Kerngebiet. Eigentlich meint er: zu kleines Israel. Kartenwechsel, Blick in die Nachbarschaft, der Nahe und Mittlere Osten, viele Staaten, überall leben Araber. Den Juden bleibt nur ein Staat, Israel. Für Lang leitet sich auch daraus das Recht ab, in Efrat zu sein. Wo sollte er sonst hin? Er wird Efrat nicht mehr verlassen. Man müsste ihn hier schon rauszerren.

Efrat wirkt wie die Kulisse einer Vorabendserie. Blühende Vorgärten, gestutzte Grünflächen, rote Ziegeldächer, alles sauber, steril. Glänzende Mittelklassewagen parken im Schatten der Palmen. An jeder Straßenecke ein Spielplatz. Eine Vorstadt-Idylle wie von einer Fernsehproduktionsfirma ausgedacht. „Die Leute ziehen auch wegen der hohen Lebensqualität hierher“, sagt Lang. Die Regierung subventioniert private Landkäufe, Investitionen in die Infrastruktur, Bauprojekte. Das Leben ist in Efrat vielleicht halb so teuer wie in Tel Aviv, die Schulen gelten dafür als doppelt so gut. Die Bildung wird in den Siedlungen stärker gefördert als im Rest des Landes, Stipendien bekommt man hier leichter, heißt es, die Lehrer verdienen besser.

Efrat, eine Hochsicherheitszone

Für die Palästinenser endet ein Tag in der Stadt auf sieben Hügeln dort, wo er begonnen hat: am Checkpoint. Kontrolle der Papiere. Nur wer eine Arbeitserlaubnis hat, kommt rein. Selbst die Bushaltestellen an den Ortszufahrten werden von Soldaten bewacht. Während der zweiten Intifada gab es zwei Bombenanschläge im Ort, viele Verletzte, keine Toten. Spätestens seitdem ist Efrat eine Hochsicherheitszone, die für etwa Tausend Palästinenser aus den umliegenden Dörfern zugänglich ist. Sie arbeiten auf den Baustellen der Stadt, täglich, gebaut wird ständig in Efrat.

Bob Lang sagt, man bräuchte nicht nur arabische Bauarbeiter in der Stadt, auch Lehrer. Die Kinder in Efrat lernen kein Arabisch, ein Problem. Jüdisch-arabische Verständigung hält Lang für wichtig. Doch am Ende scheiterten die Bemühungen der Siedler immer wieder an der palästinensischen Autonomiebehörde. So geht seine Version der erfolglosen Annäherungsversuche.

„Wer zu eng mit Juden zusammenarbeitet, riskiert Haft oder sogar den Tod“, sagt Lang. Im Herbst 2016 wurden mehrere Palästinenser von der Autonomiebehörde verhaftet, weil sie am jüdischen Laubhüttenfest teilgenommen und Selfies aus Efrat gepostet hatten. Im Jahr darauf lud Efrats Bürgermeister wieder arabische Nachbarn ein, einige kamen, aber blieben anonym. Bob Lang hofft, dass es so ein Versteckspiel nicht ewig braucht. Er träumt davon, dass Juden und Araber irgendwann in Efrat Fußball spielen, wenigstens gegeneinander, als Bürger eines gemeinsamen jüdischen Staates.

Die überholte Utopie

In Ramallah geht die Geschichte anders, die Pointe aber bleibt die gleiche: Die Zwei-Staaten-Lösung ist ein Auslaufmodell. Eine Bar über den Dächern der Stadt, die man so eher in New York als im Krisengebiet vermuten würde. Ausgefallene Deko, Panoramablick auf Hochhausschluchten, Sushi und Burger auf den Tellern, 15-Dollar-Cocktails daneben. Treffen mit einer jungen Palästinenserin, gut ausgebildet, Karriere in den Medien. Sie erzählt vom Licht, das die ganze Nacht in ihrem Haus brennt. Die Frau hat eine kleine Tochter, und vor allem hat sie Angst, sagt sie. Sie wohnt in einer palästinensischen Kleinstadt, Zäune trennen ihre Nachbarschaft von einer israelischen Siedlung. Seitdem sie Schüsse auf der anderen Seite des Zaunes gehört habe, lasse sie ihre Tochter nicht mehr allein vor die Tür.

Wegziehen will die Frau nicht. Sie hat sich mit der Angst arrangiert. Wo sollte sie sonst hin? Das Westjordanland sei inzwischen durchzogen von Siedlungen, und auf einen Palästinenserstaat hoffe sie schon lange nicht mehr. „Die Zwei-Staaten-Lösung war eine großartige Utopie, aber sie wurde von der Realität überholt.“ Die Chancen seien verbaut worden. Mit den Siedlungen. Aber auch mit der Politik der palästinensischen Autonomiebehörde. Seit Jahren sei die Regierung von Mahmud Abbas vor allem interessiert am Erhalt der eigenen Macht, nicht am Friedensprozess.

Warum träumt sie von einer Ein-Staaten-Lösung, wenn sie sich schon jetzt vor ihren Nachbarn fürchtet? Die junge Palästinenserin schaut aus der Fensterfront, hinab auf Ramallahs Betonwüste. Sie erzählt vom Mittelmeer, es ist keine Autostunde entfernt. Sie war an der Mittelmeerküste – in Frankreich, Italien. Das Mittelmeer vor Israel kennt sie nur von Bildern. Zwischen ihr und dem Meer liegen Mauern, Zäune, Checkpoints. Sie sagt: „Ich will, dass meine Tochter in einem Land aufwächst, in dem sie nicht erst in ein Flugzeug steigen muss, um das Meer zu sehen.“

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