Großbritannien

Zweite Woche, erste Pleite

Nachwahlen in Wales stellen Premierminister Johnson vor neue Probleme. Nur noch eine Stimme Mehrheit hat er jetzt im Unterhaus. Könnte sein politisches Aus damit schon besiegelt sein?
02.08.2019, 18:42
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Zweite Woche, erste Pleite
Von Katrin Pribyl
Zweite Woche, erste Pleite

Jane Dodds

Naden/Reuters

London. Als der Wahlleiter die Ergebnisse der Abstimmung verkündete, wurde es still. Wer war der Sieger dieser Nachwahl in der idyllischen Grafschaft Brecon and Radnorshire, die Auswirkungen auf die Zukunft des ganzen Königreichs haben sollte? Weil der Brite die Wahlergebnisse hauptsächlich auf Walisisch verkündete, brauchten die angereisten Reporter aus London kurz, um den Gewinner auszumachen. Jane Dodds feierte da bereits. Die Kandidatin der europafreundlichen Liberaldemokraten setzte sich mit 13 826 Stimmen gegen den Konservativen Chris Davies durch, der lediglich 12 401 Unterstützer hinter sich versammeln konnte und damit seinen Sitz verlor.

Mit einer Kampfansage wandte sich die 55-jährige Dodds im Anschluss vor jubelnden Anhängern an den neuen Premierminister Boris Johnson. Ihre erste Handlung als Abgeordnete in Westminster werde sein, Johnson zu finden und ihm „laut und deutlich“ zu sagen: „Hör auf, mit der Zukunft unserer Kommunen zu spielen und schließe einen No-Deal-Brexit aus!“ Während ihrer Kampagne hatte sie vor einem EU-Austritt ohne Austrittsabkommen gewarnt und sich damit klar gegen den Brexit-Befürworter Davies positioniert, die lokale Stimme des neuen Regierungschefs, der das Königreich notfalls auch ohne Vertrag am 31. Oktober aus der EU führen will.

Bereits nach acht Tagen im Amt erlitt Johnson somit den ersten Rückschlag. Denn die ohnehin knappe Regierungsmehrheit der Tories, die lediglich durch die Duldung der erzkonservativen Unionistenpartei DUP hält, ist nun weiter geschrumpft. Mit 320 Sitzen haben die Konservativen und ihr Partner aus Nordirland lediglich einen Parlamentarier mehr im Unterhaus als die Opposition.

Als wahlentscheidend gilt, dass zum einen andere pro-europäische Parteien wie die Grünen und die walisische Regionalpartei Plaid Cymru zugunsten von Dodds auf eigene Kandidaten verzichtet hatten. Zum anderen verpassten viele enttäuschte Europaskeptiker den Konservativen einen Denkzettel und setzten ihr Kreuz nicht für Davies, sondern für den Kandidaten der Brexit-Partei. Damit nahmen sich die Anti-EU-Parteien gegenseitig die Stimmen weg.

Die Region in Wales hat sich im Jahr 2016 mehrheitlich für die Loslösung von Brüssel ausgesprochen, auch wenn viele Farmer von EU-Subventionen abhängig sind und etliche Städte nach dem Aus für die Kohleindustrie den Strukturwandel lediglich mit Unterstützung aus Brüssel gemeistert haben. Mittlerweile sorgen sich die Menschen in der von Landwirtschaft und Schafzucht geprägten Gegend zwar zunehmend darum, ob die Fördergelder künftig wirklich von London übernommen oder ob stattdessen vielmehr hohe Zölle auf Agrarprodukte anfallen werden. Von einem echten Sinneswandel beim Thema EU-Mitgliedschaft kann bislang trotzdem keine Rede sein, wie die Aufteilung der Stimmen zeigt. Eine knappe Mehrheit sprach sich für Parteien aus, die klar den Brexit fordern.

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