Die „Mein Schiff 1“ im Selbststest

Alles neu – und doch vertraut

Kreuzfahrten gegenüber misstrauisch, hat Autorin Uta Petersen bei einem Selbstversuch die „Mein Schiff 1“ bei einer Ostsee-Tour getestet.
02.01.2019, 12:42
Lesedauer: 5 Min
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Von Uta Petersen
Alles neu – und doch vertraut

DJ Rob, der humanoide Roboter bringt die Gäste zum Tanzen.

Fotos: Göran Assner/Tui Cruises

Oslo. Bislang sahen Kreuzfahrtschiffe für mich vom Ufer eher zum Fürchten aus. Eher wie Massenkäfige, Balkon an Balkon, Kabine an Kabine. Zur Überprüfung meiner Bedenken wage ich einen Selbstversuch mit der nagelneuen „Mein Schiff 1“ von Tui Cruises. Es ist so lang wie mein täglicher Weg zur U-Bahn: 316 Meter. Eine Woche Ostsee mit den Häfen Oslo, Göteborg und Kopenhagen – wie wird es sich anfühlen, mit so vielen Menschen an Bord zu sein? Immerhin ist Platz für fast 2900 Gäste und 1200 Crewmitglieder.

Viele der neuen „Mein-Schiff1“-Gäste sind alte Hasen, reisen immer wieder gern mit einem dieser bislang insgesamt sieben Schiffe der Tui-Flotte – ihnen kann man nichts vormachen. Einerseits freuen sie sich, wenn alle Gegebenheiten, Restaurants und Bars an Bord weiterhin an derselben Stelle vorzufinden sind, dieselben vertrauten, hanseatischen Namen tragen wie Große Freiheit, Neuer Wall, Fischmarkt oder Außenalster. Neuerungen wie viel Platz durch ein weiteres Deck, 20 Meter mehr Länge, neuem Design und Materialien steht man gespannt gegenüber.

Beim Betreten des Cruise Liners im Terminal am Kieler Ostseekai stellt sich so etwas wie Reisefieber ein. Ich fühle mich von der Crew erwartet, die Gestaltung der Decks und Kabinen ist von Farbgebung und Design her unaufdringlich, die Gästemenge verteilt sich erstaunlich schnell. Seekrankheit? Stabilisatoren verhindern schweres Schaukeln, erklärt der norwegische Kapitän Kjell Holm, das habe den Vorteil, dass Teller und Gläser im Schrank bleiben und Seekrankheit dadurch weitgehend ausgeschlossen ist.

Die „Mein Schiff 1“ ist in erster Linie ein Sportschiff. 15 Stockwerke, sie heißen „Anker“, „Koralle“ oder „Horizont“ – und um dem umfassenden All-inclusive-Speiseangebot entgegenzuwirken, empfiehlt es sich, die Treppen sportlich hoch zu laufen. Zudem trifft man auf diese Weise andere Gäste, erkennt sich wieder, kommt ins Gespräch. Auf allen Gängen finden sich Spender für kostenloses, frisch gefiltertes Trinkwasser und Bildschirme mit den Informationen für den Tag.

Der Sinn kleiner Portionen

Haupttreffpunkt – auch für Sportler – ist immer wieder das Buffetrestaurant „Anckelmannsplatz“ mit internationaler Speisenauswahl. Direkt nebenan das „Fischmarkt“-Restaurant mit köstlichem Seafood. Speisen und Weine mit einem Aufpreis sind auf der Karte gesondert gekennzeichnet. Die Weinempfehlungen des Service sind exzellent. Klein die Portionen – das ist Absicht! Sinnvoll im Sinne der Gesundheit und der Abfallvermeidung. Bei großem Appetit darf selbstverständlich nachbestellt werden.

Das „Ganz Schön Gesund“-Bistro korrespondiert mit dem Sport- und Gesundheitsgedanken, serviert Jakobsmuscheln in Quinoasauce, Sashimi-Bowls, Soyanudeln mit Streifen vom Rinderfilet in Ingwer-Sternanisbrühe mit Seetang – die Küche arbeitet mit möglichst wenig Fett und Zucker. Im „Esszimmer“ am Heck unter Glas sitze ich gemütlich und bestelle klassische Lieblingsgerichte wie Rinderroulade oder Hühnerfrikasse. Und nach einem Besuch im „Surf & Turf“-Steakhouse lockt ein Abstecher in die „Diamant Bar“: Der Signature Drink „My One & Only“ mit Bombay Sapphire, D.O.M. Bénédictine, Lime Juice Roses, Veilchen-Sirup und dem „hauseigenen“ Sekt.

Für ein zünftiges Bier ist die „Ebbe & Flut“-Bierbar perfekt und gesellig. Von den fünf Fassbieren und 25 Sorten Craftbieren schaffe ich unter dieser Reisewoche leider nicht einmal die Hälfte. Unter anderem, weil die Smoothies in der „Saft-Werft“ zum Selbstzusammenstellen ebenfalls großartig schmecken. Weil ich Gewohnheiten liebe, frühstücke ich jeden Morgen „auf“ dem Anckel-
mannsplatz. Das von Chef Travelling Chief Baker Mario Bittis selbstentwickelte, täglich selbstgebackene „Artisan“-Brot hat es mir angetan, ein Backkurs ermöglicht sogar, es daheim nachbacken zu können. Nachts habe ich selten Hunger – aber ich dürfte welchen haben: Das „Tag und Nacht“-Bistro hat tatsächlich 24 Stunden rund um die Uhr geöffnet.

Wer an Bord einen Marathon laufen möchte, kann das. Dafür muss er das Schiff nur 96 mal umrunden.

Wer an Bord einen Marathon laufen möchte, kann das. Dafür muss er das Schiff nur 96 mal umrunden.

Foto: Göran Assner/Tui Cruises

Die Laufstrecke um das ganze Schiff mit einer Steigung in der Kurve über dem Meer ist 438 Meter lang – 96 Runden bräuchte ich, um einen Marathon zu laufen. Der Fitnessbereich, immerhin 490 Quadratmeter groß, die Kletterwand in der Arena zum Bouldern mit Proficoaching: Ein spannendes und kurzweiliges Angebot. Bei „Flyletics“ hänge ich in einem Tuch von der Decke, es stützt mich zwar bei den Pilatesähnlichen Übungen, ist aber einigermaßen anstrengend, sodass eine Ruhepause angesagt ist. Hätte ich eine der 38 Suiten, ich könnte auf dem Balkon in die dort dazugehörige Hängematte wechseln, aber die Ruhezone auf Deck 11 mit der Außenterrasse tut es auch!

Yoga in der Hängematte.

Yoga in der Hängematte.

Foto: Göran Assner/Tui Cruises

Alternativ wäre mit meinem neu entdeckten Fitnessschwung das „Bewei Body Concept“ einen Versuch wert, oder? Ein radiofrequenzbetriebenes Gerät soll zu einem schlankeren, jüngeren, strafferen Aussehen verhelfen? Nicht schlecht, jedoch: Irgendwie reizt mich Bewegung und frische Ostseeluft draußen deutlich mehr. Die Sauna mit dem herrlichen Meerblick oben auf Deck 12 mit Platz für 40 bis 50 Personen? Ein andermal.

Reise ich eigentlich umweltfreundlich? Ich frage nach bei Lucienne Damm, Umweltbeauftragte bei Tui Cruises. Ich erfahre, dass die Mein Schiff-Neubauten energieeffizient sein sollen und etwa 30 Prozent weniger Treibstoff als Schiffe vergleichbarer Größe verbrauchen. Die Abwärme der Motoren wird genutzt für die Beheizung der Pools oder die Dampferzeugung in der Wäscherei. Allein der Verzicht auf Minibars spare täglich 0,33 Tonnen Treibstoff sowie Kühlmittel ein. Die Materialien der Ausstattung sind umweltfreundlich und bestehen aus Naturholz aus verantwortungsvoller Forstwirtschaft oder aus Bio-Baumwolle und Kork.

Was da aus dem Schornstein kommt, seien gereinigte Abgase von einer Entschwefelungsanlage, einem sogenannten Scrubber, der zusammen mit Katalysatoren arbeitet, sagt Lucienne Damm. Auch Stickoxyde seien durch die Katalysatoren für die Haupt- und Hilfsmaschinen reduziert, besonders in Küsten und Hafenregionen. Vielen Umweltorganisationen, darunter etwa der Naturschutzbund (Nabu) reicht das trotzdem nicht. Sie kritisieren, dass viele Kreuzfahrtschiffe nach wie vor mit Schweröl laufen.

Man bleibt schlank an Bord, ohne verzichten zu müssen. Vor lauter Sport- und Unterhaltungsangebot muss ich aufpassen, die Landausflüge nicht zu verpassen. Komme ich von den Landerlebnissen zum Schiff zurück, entdecke ich tatsächlich ein Gefühl von „wieder zu Hause“ und der „Riesenpott“ sieht für mich jedes Mal vertrauenerweckender aus. Abends geht es ins Theater „Schaubühne“. Auf dem Weg dorthin werfe noch einen weiteren Blick in die „Lumas“-Bar“ mit einer Wechselausstellung von 6000 Fotos der internationalen Galerie – Künstler wie Ray Collins Peter Yan, oder Isabelle Menin faszinieren mit Fotos barocker Farbenpracht und auf die Spitze getriebenen Naturaufnahmen.

Der erste humanoide DJ-Roboter

Die Schaubühne hat Platz für 150 Gäste und ist mit feinpixeligen LED-Leinwänden, Soundsystem und 3D-Simulationen technisch hochmodern ausgestattet – so etwas würde sich manche deutsche Kleinstadt wünschen. In 30 bis 40 Minuten werden kompakte Geschichten wie „In 80 Tagen um die Welt – Reloaded“ erzählt, das Konzept „Worte wie Sterne“, das Vortragen von berühmten Reden durch berühmte Darsteller, ist genial und erweitert zweifellos so manchen Horizont.

Party machen? Kein Problem. In der „Großen Freiheit“, der lichtdurchfluteten Fläche mit einer diamantförmigen Glasfassade legt DJ Rob auf, der erste humanoide DJ-Roboter. Er hat 15 beweglichen Achsen, ein Musikerkennungssystem und futuristische Kamera- und Lasersensorik. Vor allem mit seinem Design zieht er alle Blicke auf sich.

Die Zeit verging wie im Fluge, nein – wie auf einer Kreuzfahrt. Die Liste dessen, was ich aus den Angeboten nicht geschafft habe, nicht schaffen konnte, ist noch lang. Erstaunlich: Die vielen Menschen, vor denen ich mich gefürchtet habe, verteilten sich auf wundersame Weise. Nirgendwo entstand Gedränge, nicht einmal zu den Hauptzeiten beim Essen.

Würde ich es wieder tun? Aber klar! Meine Kondition jedenfalls hat sich auffällig verbessert – und meine mitgebrachten Bücher? Blieben ungelesen.

Die Reise wurde unterstützt von Tui Cruises.

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