Energiereiches Nahrungsmittel veränderte das Leben der Steinzeitmenschen von Grund auf Auf den Spuren der ersten Milchbauern

Eine Ernährung ohne Milch von Tieren ist für viele Menschen von heute kaum vorstellbar. Noch vor einigen Jahrtausenden war es aber bereits aus einem einfachen biologischen Grund unmöglich, sich so zu ernähren: Lange Zeit konnte der Organismus erwachsener Menschen keine Milch verdauen. Wann und warum sich dies verändert hat und was das für die europäische Geschichte bedeutet, ist eine Frage, die Wissenschaftler in den letzten Jahren intensiv erforscht haben.
27.08.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Auf den Spuren der ersten Milchbauern
Von Jürgen Wendler

Eine Ernährung ohne Milch von Tieren ist für viele Menschen von heute kaum vorstellbar. Noch vor einigen Jahrtausenden war es aber bereits aus einem einfachen biologischen Grund unmöglich, sich so zu ernähren: Lange Zeit konnte der Organismus erwachsener Menschen keine Milch verdauen. Wann und warum sich dies verändert hat und was das für die europäische Geschichte bedeutet, ist eine Frage, die Wissenschaftler in den letzten Jahren intensiv erforscht haben.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) in Afrika entstanden und bereits vor weit mehr als 40 000 Jahren in Europa aufgetaucht ist. Nach der Besiedlung Europas, so heißt es, sei es auch zu einem kulturellen Austausch mit dem später ausgestorbenen Neandertaler (Homo neanderthalensis) gekommen. Die Menschen der Steinzeit betrieben anfangs keine Landwirtschaft, sondern ernährten sich als Jäger und Sammler, das heißt: Sie sammelten zum Beispiel Früchte, Nüsse, Samen und Kräuter und nutzten Waffen wie Speere, um Tiere zu töten.

Vor etwa 11700 Jahren endete die letzte ausgedehnte Kaltzeit, eine lange Phase, in der Nordeuropa unter einem kilometerdicken Eisschild lag. Erst nach dem Ende dieser Phase entwickelten sich die ersten bäuerlichen Kulturen. Erwiesen ist, dass das Gebiet des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds in der Geschichte der Landwirtschaft von Anfang an eine wichtige Rolle spielte. Als Fruchtbarer Halbmond wird ein halbkreisförmiger Bereich mit Steppenlandschaften bezeichnet, der sich von Israel, dem Libanon und Jordanien über Syrien und die südliche Türkei bis zum Irak und Iran erstreckt.

Die Ausbreitung der Land- beziehungsweise insbesondere der Milchwirtschaft in Europa ist in den vergangenen Jahren unter anderem im Rahmen eines von der Europäischen Union geförderten Projekts mit der Bezeichnung „LeCHE“ untersucht worden. Beteiligt waren Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern, unter ihnen der Anthropologe Professor Joachim Burger von der Universität Mainz. Er und seine Mitarbeiter haben an mehreren Veröffentlichungen zu dem Thema mitgewirkt.

Der Milchzucker frischer Milch kann im menschlichen Körper nur deshalb verdaut werden, weil ein bestimmtes Enzym namens Laktase dabei hilft. Bis vor etwa 8000 Jahren verfügten Menschen nach den Erkenntnissen der Forscher allerdings nur im Säuglingsalter über ausreichend große Mengen. Nach dem Abstillen wurde im Körper deutlich weniger Laktase produziert; Erwachsene konnten den Milchzucker deshalb nicht verwerten. Dies ist auch heute noch in weiten Teilen der Welt so, nicht allerdings in Europa und bestimmten Gebieten Afrikas. Bei der Mehrzahl der Nord- und Mitteleuropäer wird inzwischen auch im Erwachsenenalter genügend Laktase gebildet.

Die Wissenschaftler führen dies auf eine genetische Mutation in der Jungsteinzeit zurück. Das Merkmal setzte sich vermutlich durch, weil die Fähigkeit, Milch von Tieren zu verwerten, große Vorteile bot. Der Anthropologe Burger hat es einmal so ausgedrückt: Wahrscheinlich habe die energiereiche Milch dazu beigetragen, die Kindersterblichkeit zu senken und Zeiten mit schlechten Ernten zu überstehen. Ein großer Teil aller heutigen Nord- und Mitteleuropäer geht nach seinen Worten auf eine kleine Gruppe jungsteinzeitlicher Bauern zurück, „die zufällig in der Lage waren, auch nach dem Abstillen Frischmilch zu verdauen“.

Nicht nur Rinder, sondern auch Ziegen, Schafe und Schweine sind nach heutigem Kenntnisstand erstmalig im Nahen Osten domestiziert worden. Einer im vergangenen Jahr veröffentlichten genetischen Studie zufolge stammen die Hausrinder von wilden Auerochsen ab, die vor etwa 10500 Jahren im Nahen Osten domestiziert wurden. Die ersten Bauern kamen nach Ansicht Burgers und seiner Mitarbeiter vor etwa 7500 Jahren aus dem Karpatenbecken nach Mitteleuropa. Sie hätten vermutlich nicht nur Nutzpflanzen angebaut, sondern auch Tiere gehalten.

Dass andernorts schon sehr viel früher Milch von Tieren genutzt wurde als in Mitteleuropa, belegen unter anderem Milchrückstände, die Forscher vor wenigen Jahren in bis zu 8500 Jahre alten Tonkrügen entdeckten. Die Krüge waren im Gebiet der heutigen Türkei und in Südosteuropa ausgegraben worden.

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