Bremer Wissenschaftler wollen Entwicklung der vergangenen 66 Millionen Jahre nachzeichnen Auf den Spuren der Klimageschichte

Wer immer wieder über ein bestimmtes Thema spricht, läuft Gefahr, irgendwann kein Gehör mehr zu finden. So scheint es auch Klimaforschern zu ergehen. Zu einer Verringerung des Treibhausgasausstoßes haben ihre Hinweise auf die Erwärmung bislang nicht geführt. An der Brisanz des Themas hat sich allerdings ebenso wenig etwas geändert wie daran, dass noch viel Forschungsbedarf besteht. Bremer Wissenschaftler wollen versuchen, ein genaues Bild von der Entwicklung der vergangenen 66 Millionen Jahre zu zeichnen.
17.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Auf den Spuren der Klimageschichte
Von Jürgen Wendler

Wer immer wieder über ein bestimmtes Thema spricht, läuft Gefahr, irgendwann kein Gehör mehr zu finden. So scheint es auch Klimaforschern zu ergehen. Zu einer Verringerung des Treibhausgasausstoßes haben ihre Hinweise auf die Erwärmung bislang nicht geführt. An der Brisanz des Themas hat sich allerdings ebenso wenig etwas geändert wie daran, dass noch viel Forschungsbedarf besteht. Bremer Wissenschaftler wollen versuchen, ein genaues Bild von der Entwicklung der vergangenen 66 Millionen Jahre zu zeichnen.

Während manche Menschen am liebsten gar nichts mehr über die Risiken des Klimawandels hören möchten, sind die Wissenschaftsmagazine weiterhin voll von Studien, die dessen Auswirkungen beschreiben. So weisen Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung jetzt zum Beispiel im Fachjournal „Agricultural Economics“ darauf hin, dass bei fünf besonders wichtigen Nutzpflanzen – Reis, Weizen, Mais, Sojabohnen und Erdnüssen – die Erträge infolge klimatischer Veränderungen bis zum Jahr 2050 weltweit um zehn bis 38 Prozent zurückgehen könnten. Forscher der Universität Kassel machen im Fachmagazin „Hydrology and Earth System Sciences“ einmal mehr deutlich, dass südeuropäischen Ländern in den kommenden Jahrzehnten ausgeprägte Dürreperioden drohen. Und Biologen der Universität Basel erklären im Fachjournal „PLOS ONE“, dass in der Schweiz aufgrund steigender Temperaturen Pflanzen, Schmetterlinge und Vögel binnen weniger Jahre in zum Teil Dutzende Meter höher gelegene Gebiete gewandert sind. Dies sind nur wenige aus einer langen Reihe neuer Studien.

So unstrittig ist, dass sich das Klima in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat, so klar ist auch, dass der Klimawandel kein neues Phänomen ist. Wissenschaftler des Zentrums für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) an der Universität Bremen gehören zu den Experten, die sich schon seit vielen Jahren darum bemühen, Informationen über erdgeschichtliche Veränderungen zu sammeln. Dabei helfen den Bremer Forschern Proben von Ablagerungen vom Meeresgrund, sogenannten Sedimenten, die bei Bohrungen von Forschungsschiffen aus gewonnen werden. Das im Laufe der Zeit abgelagerte Material dient als erdgeschichtliches Archiv.

Überreste von Lebewesen

Wie Professor Heiko Pälike erklärt, sind in Sedimenten unter anderem Überreste von Lebewesen zu finden, die Aufschluss über die Wassertemperaturen zu früheren Zeiten geben. Dass an arktischen Küsten vor mehr als 50 Millionen Jahren unter anderem Palmen und Pinien wuchsen, konnten Forscher mithilfe von Pollen und Sporen aus Sedimentproben nachweisen.

Um den Klimawandel während der vergangenen 66 Millionen Jahre verstehen und bislang gewonnene Erkenntnisse besser einordnen zu können, will Pälike eine entsprechende Arbeitsgruppe aufbauen. Der Europäische Forschungsrat wird die Forschung der Wissenschaftler in den nächsten Jahren mit 1,9 Millionen Euro unterstützen. Der gewählte Zeitraum ist nach den Worten des Bremer Professors besonders interessant, weil sich das Erdklima grundlegend veränderte. Vor 66 Millionen Jahren habe es weder in der Arktis noch in der Antarktis Eisschilde gegeben. Die Vereisung der Antarktis begann nach heutigem Kenntnisstand vor etwa 33,5 Millionen Jahren. Verschiedene Gletscher wuchsen nach und nach zum antarktischen Eisschild zusammen. Heute ist der Kontinent, der etwa 37 Mal so groß ist wie Deutschland, fast vollständig vereist. Im Durchschnitt ist das Eis, das die Antarktis bedeckt, mehr als zwei Kilometer dick.

Für die Mehrzahl der Wissenschaftler steht außer Frage, dass der vom Menschen verursachte Treibhausgasausstoß zurzeit bei der globalen Erwärmung eine wichtige Rolle spielt. Die Erdgeschichte lehrt aber, dass am Klimawandel grundsätzlich viele Faktoren beteiligt sind, darunter zum Beispiel die Verteilung der Land- und Wassermassen, Vulkanausbrüche und Veränderungen bei der Sonneneinstrahlung. Letzteres verbinden Fachleute mit dem Begriff Milankovic-Zyklen. Der Name erinnert an den Astrophysiker Milutin Milankovic (1879 bis 1958), der den Wechsel von Warm- und Kaltzeiten mit Veränderungen der Sonneneinstrahlung in Verbindung gebracht hat.

Für diese Veränderungen gibt es mehrere Gründe. So schwankt die Neigung der Achse, um die sich die Erde dreht, in einem Zyklus von 41000 Jahren zwischen etwa 21,5 und 24,5 Grad. Dies hat ebenso wie das Trudeln der Achse einen Einfluss darauf, wie sich die eingestrahlte Sonnenenergie auf der Erde verteilt. Milankovic wies zudem darauf hin, dass die Erde bei ihrem Lauf um die Sonne den Anziehungskräften anderer Planeten ausgesetzt ist – mit der Folge, dass die Erdbahn ihre Form in großen Zeiträumen leicht verändert. Auch dies hat Folgen für die Sonneneinstrahlung.

Bei ihrem Forschungsprojekt wollen die Bremer Wissenschaftler herausfinden, wann sich Veränderungen der Sonneneinstrahlung wie stark auf das Klima ausgewirkt haben. Auch der genaue Einfluss der Meeresströmungen soll ermittelt werden.

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