Hannover

Auf den Spuren der Sprache

Mit ihrer Fähigkeit, unterschiedliche Laute zu formen und daraus Sprachen mit grammatischer Struktur zu entwickeln, haben Menschen die Möglichkeit erhalten, Gedanken, Erkenntnisse und Gefühle zu vermitteln. Sprachen spielen für die Verständigung eine zentrale Rolle.
23.09.2016, 00:00
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Auf den Spuren der Sprache
Von Jürgen Wendler

Mit ihrer Fähigkeit, unterschiedliche Laute zu formen und daraus Sprachen mit grammatischer Struktur zu entwickeln, haben Menschen die Möglichkeit erhalten, Gedanken, Erkenntnisse und Gefühle zu vermitteln. Sprachen spielen für die Verständigung eine zentrale Rolle. Entsprechend groß ist deshalb nach wie vor das Interesse von Forschern, mehr darüber zu erfahren, wie
Sprachen entstanden sind, welche Gemeinsamkeiten es zwischen unterschiedlichen Sprachen gibt und was das Sprachenlernen erleichtert. Dazu sind auch in diesen Wochen wieder einige neue Erkenntnisse veröffentlicht worden.

Dem Ziel, die Wertschätzung aller Sprachen und Kulturen zu erhöhen, dient der auf Initiative des Europarats entstandene Europäische Tag der Sprachen. 2001 eingeführt, wird er seither in jedem Jahr am 26. September in zahlreichen Ländern für Aktionen genutzt. Im Vorfeld dieses Tages, am 24. September um 11 Uhr, spricht im Bremer Haus der Wissenschaft, Sandstr. 4/5, Professor Michael Langner von der Universität Freiburg in der Schweiz über Sprachenlernen und digitale Medien sowie die Frage, was dies mit Integration zu tun hat.

Grundlagen des Lernens

Moderne Geräte wie Smartphones oder Laptops zu bedienen ist für junge Menschen heute eine Selbstverständlichkeit; sie werden deshalb auch als „digital natives“ bezeichnet, das heißt als digitale Eingeborene beziehungsweise Menschen, die mit digitalen Medien aufwachsen. Mit den technischen haben sich auch die Möglichkeiten des Lernens verändert, auch die des Sprachenlernens. So gibt es beispielsweise Apps, die helfen sollen, den Wortschatz zu erweitern. Angesichts solcher Möglichkeiten liegt der Gedanke nahe, dass die jungen Menschen von heute leichter und besser lernen als Gleichaltrige zu früheren Zeiten. Fragt sich nur, ob diese Sichtweise zutreffend ist. Michael Langner meldet erhebliche Zweifel an. Sprache, so sagt er, sei komplex, und ihre Beherrschung setze heute wie früher die Anwendung und das soziale Miteinander voraus.

Auch der Vorstellung, dass Sprache der Schlüssel zur Integration sei, etwa von Flüchtlingen, begegnet der Wissenschaftler mit Skepsis. Die Sprache sei genau genommen nicht der Schlüssel, sondern eher ein Fundament, sprich: Um Menschen in eine Gemeinschaft zu integrieren, sei sehr viel mehr nötig, nicht zuletzt an Eigenleistungen derjenigen, die integriert werden wollten.

Computer kein Allheilmittel

Ob es eine komplexe Sprache ist oder was auch immer: Erfolgreiches Lernen setzt heute ebenso wie früher Mühe, konzentrierte Aufmerksamkeit und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff voraus. Dass der Einsatz der Computertechnik kein Allheilmittel beim Erwerb von Wissen ist, zeigt sich nach den Worten von Langner unter anderem daran, dass sich ein Text auf Papier schneller lesen lässt als am Bildschirm. Wenn jemand kein elektronisches Wörterbuch verwende, sondern vergleichsweise umständlich in einem traditionellen Wörterbuch nachschlage, fördere dies zugleich die Verarbeitung der Informationen. Weitere Schritte bestünden darin, dass erlernte Wörter in verschiedenen Situationen eingesetzt und zudem mit ähnlichen, bereits bekannten Wörtern verknüpft würden. Um langfristig im Gedächtnis gespeichert werden zu können, müsse Erlerntes wiederholt und mit bereits Bekanntem verknüpft werden.

Wie Langner betont, kommt es darauf an, Zusammenhänge herzustellen, und dies sei heute trotz der digitalen Hilfsmittel und Fülle an Informationen nicht leichter als früher. Zur Untermauerung seiner These, dass heutzutage weder leichter noch besser gelernt werde, verweist der Sprachwissenschaftler auch auf diese Erfahrung: Obwohl moderne technische Geräte wie Smartphones allgegenwärtig seien und von einem Großteil der Menschen genutzt würden, sei der Prozentsatz der Menschen, die die aktuellen Technologien verstünden, keineswegs größer als zu früheren Zeiten.

Wann Menschen begonnen haben, mithilfe gesprochener Wörter zu kommunizieren, kann niemand mit Gewissheit sagen. Anzunehmen ist, dass anfangs Gebärden halfen, sich zu verständigen. Die Zahl der Sprachen, die weltweit gesprochen werden, liegt heute bei ungefähr 6500. Sprechen und Sprachverständnis beruhen nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern auf angeborenen Grundlagen. Entsprechend leicht fällt Kindern das Erlernen der Muttersprache. Etwa im Alter von neun Monaten beginnen sie, Konsonanten zu bilden. Im Alter von zwei Jahren umfasst ihr Wortschatz rund 200 Wörter. Dieser wird in der Folgezeit sehr schnell deutlich erweitert, nämlich um einige Wörter pro Tag. Die wichtigsten Arten des Satzbaus ihrer Muttersprache beherrschen Kinder Expertenangaben zufolge mit etwa vier bis fünf Jahren.

Bei allen Unterschieden zwischen Sprachen gibt es doch gemeinsame Merkmale. Sprachen sind nicht nur Folgen von Wörtern, sondern besitzen zudem eine grammatische Struktur. Wer sie verstehen und beherrschen will, benötigt nicht nur grammatisches, sondern auch semantisches Wissen, das heißt Wissen über die Bedeutung sprachlicher Zeichen und Zeichenfolgen. Ein und dasselbe Wort kann unterschiedliche Dinge bezeichnen. So ist Paris der Name der Hauptstadt Frankreichs, aber auch der einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Texas.

Laute und Bedeutungen

Einzelne Laute sind in Wörtern verknüpft worden, und dabei sind Bedeutungen entstanden. Sprachwissenschaftler sind lange davon ausgegangen, dass dabei in der Regel der Zufall regiert hat. Zweifel an dieser Sichtweise weckt jedoch eine Studie, die eine internationale Forschergruppe um Damián E. Blasi kürzlich im Fachjournal „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften veröffentlicht hat. Blasi arbeitet an den Max-Planck-Instituten für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig und für Menschheitsgeschichte in Jena. Er und seine Kollegen haben bei 40 Begriffen in mehr als 4000 Sprachen untersucht, ob bestimmte Laute häufiger oder seltener auftauchen, als es der Zufall erlaubt. Nach ihren Erkenntnissen scheinen Menschen viele Begriffe mit den gleichen Lauten in Verbindung zu bringen, unabhängig davon, ob ihre Sprachen miteinander verwandt sind oder nicht.

Dass es Beziehungen zwischen Lauten und Bedeutungen gibt, legt ein Effekt nahe, den Sprachwissenschaftler schon lange kennen: der sogenannte Bouba-Kiki-Effekt. Wenn Forscher Menschen ein großes Tier wie einen Elefanten und ein kleines wie einen Vogel zeigen und fragen, welches der beiden Tiere in einer Sprache, die die Befragten nicht kennen, Bouba und welches Kiki heiße, tippen die meisten auf Bouba für den Elefanten und Kiki für den Vogel. Die Vokale a und o werden allgemein eher mit großen Dingen in Verbindung gebracht, die Vokale e und i mit kleinen.

Was Wörter wie Nase verraten

Blasi und seine Kollegen fanden unter anderem heraus, dass der Konsonant n und der Vokal u in den Wörtern der verschiedenen Sprachen für Nase häufiger vorkommen als in anderen Wörtern, der Vokal a dagegen seltener. Die Wörter für Knie enthalten nach ihren Erkenntnissen häufig die Laute o, u, p, k und q, die Wörter für Zunge in vielen Sprachen die Laute e und l, selten aber u und k. Dass diese Zusammenhänge nicht auf Körperteile beschränkt sind, zeigt das Beispiel der Wörter Sand und Stein. Wie die Forschergruppe erklärt, enthält das Wort für Sand weltweit häufig den Vokal a, das Wort für Stein den Konsonanten t. Blasi fasst das Ergebnis so zusammen: „Unserer Analyse zufolge werden bestimmte Laute bei einem großen Teil aller Begriffe über Kontinente und Sprachfamilien hinweg bevorzugt oder vermieden, und zwar von Menschen, die kulturell, historisch und geografisch sehr verschieden sind.“ Erklären können die Forscher die Zusammenhänge zwischen Lauten und Bedeutungen bislang nicht.

Wie Michael Langner erklärt, ist es abwegig, anzunehmen, dass die menschliche Sprache gewissermaßen aus dem Nichts entstanden sei. Wer das Phänomen Sprache verstehen wolle, müsse sich deshalb auch mit der Verständigung von Tieren beschäftigen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass deren Kommunikation in mancher Hinsicht durchaus Ähnlichkeiten mit der von Menschen aufweist. Schon seit Langem ist bekannt, dass Vögeln ihr Gesang hilft, ihr Revier abzugrenzen und Paarungspartner zu finden. Häufig ist der Vogelgesang strophenartig aufgebaut und reich an Variationen. Die meisten Singvögel erlernen ihren Gesang in früher Jugend von einem erwachsenen Vorbild. Wissenschaftler gingen lange davon aus, dass die Botschaften von Vogelliedern oder Rufen auch dann grundsätzlich gleich bleiben, wenn sich Anordnungen von Lauten verändern. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie hat jedoch gezeigt, dass dies nicht der Fall ist.

Wie wichtig bei der menschlichen Sprache bereits kleinste Veränderungen beziehungsweise einzelne Laute sein können, zeigen die beiden Wörter Katze und Tatze. Beim Rotscheitelsäbler, einer in Australien heimischen Vogelart, sind Evolutionsbiologen auf Laute und Lautfolgen gestoßen, die in ähnlicher Weise Botschaften zu vermitteln scheinen wie die Laute der menschlichen Sprache. Wie die Forscher erklärten, singen Rotscheitelsäbler zwar nicht, verwenden aber Rufe, die aus getrennten Lauten bestehen. Unterschiedliche Laute, die sich als A und B bezeichnen lassen, werden entsprechend bestimmten Verhaltensweisen unterschiedlich kombiniert.

Die Botschaft der Vogelrufe

Beim Fliegen produzierten die beobachteten Vögel Rufe mit der Lautfolge AB, beim Füttern ihrer Jungen Rufe mit der Folge BAB. Wenn die Rotscheitelsäbler den zuletzt genannten Ruf hörten, blickten sie in Nester. Hörten sie den anderen Ruf, suchten sie nach fliegenden Vögeln. Aus diesen und weiteren Beobachtungen zogen die Biologen den Schluss, dass die Tiere ihre Laute neu ordnen können, um andere Bedeutungen zu vermitteln.

Das Fremdwort für Rechtschreibung, die richtige Schreibweise von Wörtern lautet Orthografie. Menschen besitzen die Fähigkeit, orthografische Regeln zu beherrschen. Allerdings scheinen auch Tiere dazu in der Lage zu sein. Darauf deutet eine Studie von Forschern der Universität Bochum und der neuseeländischen University of Otago hin, deren Ergebnisse kürzlich in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften veröffentlicht worden sind. Demnach können Tauben anhand der Buchstabenkombinationen Wörter von Nicht-Wörtern unterscheiden. Dabei nutzen sie die gleichen Regeln wie Menschen.

Tauben lernen Englisch

Die Forschergruppe zeigte den Vögeln auf einem Monitor englische Wörter aus vier Buchstaben – etwa DONE – und gleich lange Nicht-Wörter – beispielsweise DNOE. Die Tiere wurden trainiert, auf die Buchstabenfolge zu picken, bei der es sich um ein Wort handelte. Wenn sie die richtige Entscheidung getroffen hatten, erhielten sie als Belohnung Futter. Auf diese Weise erlernten die an der Studie beteiligten vier Tauben zwischen 26 und 58 Wörter, die sie von 8000 Nicht-Wörtern unterscheiden konnten. Um herauszufinden, ob die Vögel die Wörter einfach nur auswendig gelernt oder ob sie sich orthografische Regeln angeeignet hatten, zeigten ihnen die Wissenschaftler anschließend neue Wörter und Nicht-Wörter. Bei ihrer Einschätzung lagen die Tiere so oft richtig, dass der Zufall als Erklärung ausscheidet.

Die detaillierte Analyse der Ergebnisse machte nach Darstellung der Forscher deutlich, dass die Vögel Regeln angewendet hatten, die unbewusst auch von Menschen genutzt werden. So berücksichtigten sie unter anderem die statistische Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Kombinationen von Buchstaben im Englischen auftreten. Die im Ausdruck DONE enthaltenen Kombinationen DO, ON und NE kommen im Englischen häufiger vor als die im Nicht-Wort DNOE enthaltenen Kombinationen. Professor Onur Güntürkün von der Universität Bochum, einer der Autoren der Studie, zieht aus den Ergebnissen den Schluss, dass sich bei Vögeln und Säugetieren trotz unterschiedlicher Gehirne ähnliche kognitive Fähigkeiten entwickelt haben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+