Ostfriesland

Ausflug zur Insel Baltrum: Klein und mittig

Unterwegs auf der autofreien Insel Baltrum: Wo sich Seehunde beobachten lassen, warum selbst der Fahrradausleih für Touristen tabu ist und wieso es ratsam ist, Proviant einzupacken.
23.11.2019, 10:35
Lesedauer: 4 Min
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Ausflug zur Insel Baltrum: Klein und mittig
Von Michael Lambek

Die innere Entschleunigung, die von einem Inselbesuch erwartet werden darf, funktioniert hier sofort. Eine knappe halbe Stunde hat die Überfahrt von Nessmersiel nach Baltrum gedauert. Kurz vor dem Ziel hatte es, wie vermutlich meistens an diesem Punkt, Unruhe an Bord der Fähre gegeben, weil alle die Seehunde näher beobachten wollten, die auf ihren Ruheplätze an der äußersten Ostspitze der benachbarten Insel Norderney lagen. Das war bis auf weiteres allerdings der letzte Aufreger. Nur fünf Minuten später legt die Fähre im Baltrumer Hafen an, und ab jetzt geht es nur noch ruhig voran.

Baltrum ist die kleinste der ostfriesischen Inseln, und sie liegt genau in der Mitte der Inselkette. Östlich Baltrums liegen Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge, im Westen schließen sich Norderney, Juist und Borkum an. Als Eselsbrücke zum auswendigen Aufsagen der Inselkette von Ost nach West diente uns schon als Schülern die Frage: „Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett?“ Die Wortanfangsbuchstaben decken sich mit denen der Inselnamen. Wer aufpasst, merkt dass lediglich Juist nicht mit dem ersten, sondern dem mittleren Buchstaben „i“ vertreten wird. Den Juistern hat das nicht immer gefallen, aber alternative Merksätze haben sich bisher nicht durchsetzen lassen.

Zurück zum Baltrumer Hafen – übrigens gleich neben dem kleinen Flughafen, an dem man selbstverständlich für etwas mehr Geld auch auf dem Luftweg ankommen kann: Von hier aus verteilen sich die Erholungssuchenden auf die zahlreichen Pensionen, Gästezimmer und einige Hotels. Die kleine Insel mit ihren nicht ganz 600 Einwohnern beherbergt in aller Regel zwischen März und Oktober durchgängig rund 3000 Touristen. Die zeitweisen Insulaner müssen sich zu Fuß auf den Weg zu ihren Feriendomizilen machen. Autos gibt es hier nicht. Die sind in Nessmersiel geblieben.

Wer nicht gut zu Fuß ist, kann am Hafen mit dem Pferdewagen abgeholt werden, für alle anderen heißt es laufen. Für das mitgebrachte Gepäck gibt es Handwagen, die mit Namen und Adressen der Gastgeber versehen sind. Apropos fahrbarer Untersatz: Die Insel ist nicht nur autofrei, es gibt auch – mit Sicherheit zur Freude der Spaziergänger und Wanderer – keinen Fahrradverleih für Auswärtige. Radelnde Touristen würden die Verkehrsinfrastruktur der kleinen Inselgemeinde sehr schnell an den Rand ihres Fassungsvermögens bringen.

Für den obligatorischen Rundgang um Baltrum ist der Startpunkt sinnigerweise auf der Nordseite auf Höhe des Hallenbades. Von dort aus immer den Strand entlang bis zur Ostspitze und dann über einen wirklich wunderschönen Dünenweg zurück nach Ost- und Westdorf. Das nimmt etwa drei Stunden in Anspruch. Je nachdem, welches Tempo angeschlagen wird, wie viel Aufmerksamkeit den Muscheln und anderem Strandgut gewidmet wird, und wie lange man sich von den Seehunden an der Ostspitze fesseln lässt, kann der Rundgang sich auch ordentlich in die Länge ziehen. Vielleicht auch durch einen kleinen Abstecher auf die Aussichtsdüne West, die einen herrlichen Blick auf das offene Meer nach Norden und über das Watt aufs Festland im Süden bietet. Allemal einen Besuch wert ist auch das Café Kluntje, nicht zuletzt wegen des selbst gebackenen Kuchens, aber auch wegen des Hauses mit seiner bewegten, sicherlich inseltypischen Geschichte, die dort ausführlich geschildert wird.

Das Café Kluntje ist, was manche bedauern mögen, nicht nur ein lohnender Haltepunkt auf dieser Rundwanderung, sondern nach mehreren Stunden auch der erste. Mit der Strandgastronomie ist es nicht weit her auf Baltrum. Wer etwas essen oder trinken möchte, ist weitgehend auf West- und Ostdorf angewiesen. Irgendwann ist Gastronomie am Strand auch einmal Thema im Gemeinderat gewesen, und es ist dort endgültig beerdigt worden, sagt Inselbürgermeister Berthold Tuitjer. Immerhin hätte die Möglichkeit bestanden, dass bei entsprechend weitflächiger Ausschreibung ein Auswärtiger das Geschäft gemacht hätte. „Das wollten sie nicht“, sagt Tuitjer, „so sind sie hier – ist schon ein eigenes Soziotop“.

Und so ist der Bürgermeister, der auch schon mal mit einer beeindruckenden Version von „Highway to Hell“ auf der Inselbühne steht, weiter auf der Suche nach bescheidenem Wachstum für seine kleine Gemeinde, die neben dem kostspieligen Hallenbad immerhin auch eine Grund- und Oberschule für den Inselnachwuchs finanziell zu schultern hat. Nicht immer stoßen seine Vorschläge auf ungeteilte Begeisterung, wie etwa sein Vorstoß für den Bau einer Seilbahn zwischen Nessmersiel und Baltrum vor einigen Jahren. Davon hielten die Insulaner überhaupt nichts.

Also bleibt es einstweilen bei der Fährverbindung zum Festland. Kaum 100 Schritte vom Anleger entfernt findet sich das „Verhungernix“, eine Art Mix aus Café und Imbiss und jedenfalls eine der wenigen Antworten der Insel auf die Frage nach dem kleinen Happen über die Straße. Sehr leckeres Fischbrötchen und ein guter Kaffee vor dem Ablegen.

Info

Zur Sache

Baltrum

Zu erreichen ist die autofreie Insel Baltrum per Fähre oder Flugzeug. Reederei Baltrum-Linie: Telefon 04933 991606. Fährzeiten und Fahrpreise unter www.baltrum-linie.de. Informationen zum Flugbetrieb gibt es unter www.baltrum-flug.de oder www.inselflieger.de.

Natürlich ist auch im Winter ein Tagesausflug nach Baltrum möglich. Allerdings haben die Bäckereien dann nur vormittags geöffnet, und die Restaurants öffnen in der Regel erst um 17 Uhr. Empfohlen wird, sich Proviant mitzunehmen.

Die Tourist-Information der Kurverwaltung steht bei Fragen zu Übrenachtungsmöglichkeiten und Veranstaltungen unter der Telefonnummer 04939 800 zur Verfügung. Kontakt per E-Mail unter kurverwaltung@baltrum.de.

Hundehalter sollten wissen, dass für die gesamte Insel, da sie sich im Nationalpark Wattenmeer befindet, Anleinpflicht für ihre vierbeinigen Begleiter besteht.

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