Zu Besuch bei Dörnröschen

Unterwegs im deutschen Urwald

Der Urwald Sababurg ist größtenteils von Menschenhand geschaffen und liegt mitten in Deutschland. Neben viel Natur, hat die Gegend auch für Märchenfans viel zu bieten. Wir zeigen Ausflugstipps für die Region.
16.11.2019, 10:33
Lesedauer: 5 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel

Der Wind wiegt das dichte Blätterdach über den Wanderern und lässt die Sonnenflecken über den Waldboden streifen. Der Adlerfarn hat sich in den Lichtungen zu einem dichten grünen Teppich entwickelt und ist an einigen Stellen hüfthoch. Neben dem Weg liegt ein gewundener, hohler Ast, hinter dem sich ein Mann verstecken könnte. Die Rinde ist an einigen Stellen abgefallen, Flechten und dickes Moos überziehen ihn, Käfer und Ameisen krabbeln durcheinander. In der Ferne krächzen Krähen. Und es riecht nach Pilzen, feuchten Blättern, Erde – und manchmal nach Äpfeln. Denn neben seidig grünen Buchen, weißen Birken und felsblockdicken, knorrigen Eichen recken sich Apfelbäume in den Himmel des Urwalds Sababurg. Die meisten Bäume kann man übrigens anfassen, auf manche klettern und auf ihren Ästen sitzen.

Plötzlich knackt und raschelt es im dichten Unterholz. War der graue Schatten ein Hund oder etwas größeres? Und was huscht dort hinten mit einer roten Kappe auf dem Kopf vorbei? Wer durch den Naturpark Reinhardswald spaziert, wird zwar nicht auf Rotkäppchen treffen, aber er kann sich vorstellen, wie die Brüder Grimm einst durch den dichten Wald streiften und dort Inspiration fanden, um die Geschichten in ein entsprechendes Ambiente einzubetten. Der Reinhardswald endet im Süden an der Grimmstadt Kassel. Im Norden beginnt er bei Bad Karlshafen. Dazwischen erstreckt sich auf mehr als 20 000 Hektar der urige Wald, das größte geschlossene Waldgebiet Hessens. Und mittendrin liegt der Urwald Sababurg mit seinen uralten Bäumen, der Drillingsbuche oder der Rappeiche, der Buche mit Schlangenast oder der Zyklopeneiche.

Der Urwald steht seit 1907 unter Schutz und konnte sich seitdem in seiner Wildheit ausbreiten. Schon am Parkplatz warnt deshalb ein Schild davor, vorsichtig durch den Wald zu streifen, denn es könnten Äste von den Bäumen stürzen. Und tatsächlich sieht der Wanderer hier und da Totholzäste neben dem Pfad liegen. Sie vermodern auf dem Waldboden und sorgen so dafür, dass Pilze, Flechten und mehr als 2000 Insektenarten einen Lebensraum vorfinden. Knapp 450 Käferarten wurden allein im Urwald nachgewiesen. Etwa ein Fünftel dieser Arten sind bundesweit bedroht. Besonders die dicken Stämme der alten Bäume bieten Käferrelikten wie dem Eremit beste Voraussetzungen zum überleben. Auch Wildkatzen, dem Waldkauz oder der Waldschnepfe bietet der wilde Baumbestand eine Heimat, die sie nicht überall finden.

Entstanden ist der Urwald Sababurg einst von Menschenhand. Er wurde als Hutewald geschaffen – deshalb finden sich dort auch Obstbäume. Schweine und Rinder wurden zur damaligen Zeit in den Wald getrieben und konnten sich dort an Eicheln, Bucheckern und Äpfeln satt und rund fressen. Und da der Urwald mit seinen Schatten und Wurzeln, den Totholzästen und Stümpfen, in die Blitze eingeschlagen sind, schon immer verwunschen und mystisch gewirkt haben soll, haben sich dort märchenhafte Sagen entwickelt. Riesen und Prinzessinnen sollen dort gelebt haben, vielleicht auch Hexen und wilde Tiere.

Nur einen dreiviertelstündigen Spaziergang vom Urwald entfernt, können Besucher sehen, wo einst Dornröschen schlief. Auch heute noch sind Rosen rund um das Schloss gepflanzt, allerdings natürlich längst nicht so dicht wie im Märchen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Schloss stark beschädigt. Danach verfiel es zusehends. Zu jener Zeit wurde die Ruine von einer langen und hohen Dornenhecke umrankt und hat den Brüdern Grimm vermutlich als Vorlage für ihr Märchen gedient. Für Familien bietet es sich an, das Schloss mit einem Besuch des Tierparks Sababurg, das unterhalb des Schlosses liegt, zu kombinieren.

Um einen zweiten Ort aufzusuchen, der die Brüder Grimm für eine Märchenvorlage inspiriert hat, müssen Besucher sich ins Auto setzen und zur Trendelburg in der gleichnamigen Kleinstadt fahren. Wer an der Kirche parkt, geht wenige Meter an Fachwerkbauten vorbei,hoch zum Wahrzeichen der Stadt. Die Burg wurde im 13. Jahrhundert erbaut und beheimatet heute ein Hotel. Der Rapunzelturm kann besichtigt werden. Vom 40 Meter hohen Turm hat man eine tolle Aussicht über das Weserbergland.

Den Ausblick kann auch genießen, wer zum Weser-Skywalk hinauf wandert. Erreichen kann man die 80 Meter hohen Klippen im Weserbergland auch mit dem Auto. Von einem Parkplatz aus kann man in einigen Minuten zum Aussichtspunkt an den Klippen wandern. Dort hat man übrigens nicht nur einen Ausblick ins Wesertal und auf das Kronendach des angrenzenden Reinhardswaldes, sondern dort gedeihen ganz besondere Pflanzen: lebende Flechten – Zwitterwesen aus Pilzen und Algen. Sie machen die Klippen zum Naturschutzgebiet.

Vom Weser-Skywalk aus sieht man auch die Barockstadt Bad Karlshafen, die ebenfalls in nur wenigen Autominuten erreicht werden kann. Wer zu Fuß unterwegs ist, wird den Kurort vermutlich bereits vorher besucht haben und von dort aus den Aufstieg auf die Klippen begonnen haben. Die Barockstadt ist Anlaufpunkt und Start vieler Wanderer und Radtouristen. Zweitere beginnen von dort Touren entlang der Weser oder der Diemel. Wanderer nutzen den Ort als Startpunkt für Tagestouren im Reinhardswald.

Direkt an der Weser liegt das imposante Gradierwerk. Langsam rinnt Solewasser an der Reisigbündelkonstruktion, die an eine mittelalterliche Burgmauer erinnert, hinunter. Das Wasser verdunstet, Schmutz lagert sich ab und so entsteht feines Salz. Nebeneffekt: Durch die herabrieselnde Sole wird die Luft mit Soletröpfchen angereichert und wirkt ähnlich wie Seeluft. Kein Wunder also, dass immer mal wieder Kurgäste am Gradierwerk sitzen und die salzige Luft einsaugen.

Die meisten Kurgäste sind allerdings tagsüber in ihren Kliniken und lassen das Städtchen an der Weser selbst bei ausgebuchten Hotels trist wirkt. Das muss man mögen. Die Stadt mit schönen Barockbauten wie dem Hotel Schwan, ein ehemaliger Fürstenhof, oder dem Rathaus mit dem Landgrafensaal droht auszusterben. Um dem entgegen zu wirken, wurde erst kürzlich der Binnenhafen aufwendig saniert und nach 90 Jahren wieder eröffnet. Doch im Spätsommer dümpeln dort nur einige Boote, und das Hafenbecken ist von einer grünen Algenschicht überzogen. Nur wenige Besucher schlendern dort entlang. Für den vom Grün verwöhnten Wanderer ist es gut, dass der Reinhardswald nicht weit entfernt ist – und ebenfalls nicht überlaufen.

Info

Zur Sache

Reinhardswald

Anreise: Von Bremen mit dem Auto über die A 27 und A 7, dann weiter übers Land. Die Fahrt bis zur Sababurg dauert etwa dreieinhalb Stunden.

Übernachtung: Gasthaus zum Lindenwirt, Weißehütte 14, 34399 Weißehütte. Doppelzimmer mit Bad für 80 Euro die Nacht. Auskunft oder Buchung unter 0 55 74 / 4 02. Das Gasthaus liegt nur wenige hundert Meter von der Oberweser entfernt. Dort kann man an lauen Abenden die Füße ins Wasser baumeln lassen. Wer sich traut, gegenüber einer Kirchenruine mit Blick auf die Reste der Krukenburg bei Bad Karlshafen zu übernachten, kann in einem mobilen zwölf Quadratmeter großen zeltähnlichen Outdoor-Kasten übernachten. Ab 120 Euro für zwei Personen. Informationen unter Telefon 0 56 72 / 9 22 61 40.

Die Sababurg: Das Dornröschenschloss wird vermutlich bis 2022 umfangreich renoviert. Das Schloss inklusive Außenanlagen und Mauerrundgang kann freitags bis sonntags und an den Feiertagen weiter von 10 bis 18 Uhr besucht werden. Im Sommer finden sonnabends und sonntags Theateraufführungen in der Burg statt.

Der Urwald Sababurg: Wer bereits freitags anreist, sollte gleich den Urwald besuchen, denn dann hat man ihn meist für sich. Für Fotofans lohnt sich ein Besuch im Morgengrauen, wenn der Nebel im Wald aufsteigt. Im Urwald gibt es drei unterschiedlich lange und gut ausgeschilderte Wanderwege. Informationen zu Führungen gibt es im Internet unter www.naturpark-reinhardswald.de oder telefonisch unter 0 56 71 / 99 92 22.

Wandern: Der Reinhardswald verfügt über ein ausgedehntes Wandernetz, die sich auch für Tagestouren anbieten. Informationen und Wanderkarten gibt es bei der Tourist Information Bad Karlshafen per E-Mail unter touristinfo@badkarlshafengmbh.de oder unter Telefon 0 56 72 / 9 22 61 40.

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