Zeitensprung Als Restomod fahren Klassiker in die Moderne

Alte Autos sind schöner und haben mehr Charakter? Aber die moderne Technik hat auch so ihre Vorzüge, sagen einige Oldie-Fans und sorgen mit sogenannten Restomods für Unordnung auf dem Zeitstrahl.
28.01.2022, 04:29
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von dpa

Köln (dpa/tmn) - Oldie-Frust statt Oldie-Lust? Immer wieder hat Oldtimer-Händler Ralf-Hendrik Steinkühler folgendes erlebt: Die Interessenten kamen enttäuscht von ihrer Probefahrt zurück. Zu langsam, zu unkomfortabel, zu unsicher, fasst er die Kritik zusammen.

Vor allem jüngere Kunden seien offenbar zu verwöhnt von neuen Autos, als dass sie sich auf etwas Altes einlassen wollten. Den Weg aus diesem Dilemma soll Steinkühler und seinen Kunden der Emilia GT weisen. Das mit einigen Partnern selbst entworfene Modell ist eine Kreuzung aus dem legendären Alfa Giulia GT der 1960er Jahre und der aktuellen Alfa Giulia. Es vereint das Design des Klassikers mit der Technik eines Neuwagens. Aufgebaut auf originalen Oldtimern soll das Auto laut Steinkühler in diesem Sommer in einer Auflage von 22 Stück ab etwa 400.000 Euro in den Handel kommen.

Der Blick zurück ist nicht neu

Steinkühler folgt damit einem Trend, der in der Szene schon seit langem schwelt. Immer wieder werden Klassiker nicht nur restauriert, sondern dabei auch modernisiert und so zum Restomod.

„Die Idee gibt es bereits seit den 1950er Jahren, als in Großbritannien zumeist Limousinen aus der Vorkriegszeit mit rennwagenähnlichen Karosserien in sogenannte Specials verwandelt wurden“, sagt Frank Wilke vom Marktbeobachter Classic Analytics.

Daraus sei eine gar nicht mal so kleine Gemeinde von Oldtimerfans erwachsen, die ihre Autos mit moderneren Motoren, Bremsen oder Fahrwerken ausgerüstet hat. „Die Autos sollen schneller werden und leichter zu fahren sein“, sagt Wilke.

Ein Oldie mit modernen Zutaten

Neben Neueinsteigern wie Steinkühler gibt es in diesem Geschäft schon einige Unternehmen mit Tradition. Mechatronik in Pleidelsheim bei Stuttgart etwa hat sich alten Mercedes-Modellen verschrieben. Die werden mit neuer Technik buchstäblich flottgemacht.

Nicht nur neue V6- oder V8-Motoren sowie zeitgemäße Fahrwerke bauen sie in die Klassiker mit Stern ein. Sondern sie integrieren nahezu unsichtbar moderne Extras wie elektrische Fensterheber oder eine Sitzheizung. Preise: schnell mal 300.000 Euro.

Georg Memminger aus Reichersthofen bei Ingolstadt modernisiert den VW Käfer. Dabei sorgen auch Porsche-Motoren für ein Vielfaches an Leistung. Versteckt im alten Gewand werden auch Xenon-Scheinwerfer oder ABS.

Der ehemalige Rocksänger Rob Dickinson aus Los Angeles hat sich mit seiner Marke Singer einen Namen gemacht - mit Neuinterpretation des Porsche 911. Seine Autos sind mittlerweile sehr viel teurer als viele originalen Oldtimer und haben mehr als ein Jahr Wartezeit.

Nur extrovertierter Fahrspaß oder auch steigender Sammlerwert?

Auch am Sammlermarkt seien solche Autos längst angekommen, sagt Wilke: Die englischen Specials seien heute anerkannte Liebhaber-Fahrzeuge, die zu hohen Preisen gehandelt würden. Und keine große amerikanische Auktion komme heute ohne einen Restomod aus.

Weil die Hersteller nur ungern die Deutungshoheit über ihre Produkte abgeben, haben Mercedes & Co solche Projekte bislang eher kritisch gewürdigt und bisweilen sogar prozessiert. Doch mittlerweile scheint die Front zu bröckeln. Porsche zum Beispiel ist von der Arbeit Singers offenbar so angetan, dass die amerikanische Motorsportabteilung gerade entschieden hat, den Umrüster mit scharfgemachten Sechszylindern zu beliefern.

Opel hat 2021 sogar seinen eigenen Restomod gebaut. Um für die Elektrifizierung der Modellpalette zu werben, haben die Hessen bei einem 1973er Manta den Benziner gegen einen Batterieantrieb ausgetauscht. Getreu der Restomod-Idee wurden auch noch andere Details umgesetzt - bis hin zum digitalen Cockpit und der Kühlermaske mit LED-Beleuchtung und Textfeld.

Ein Designprofessor gerät ins Schwärmen

Selbst wenn der Manta GS/E allen Hoffnungen der Fans zum Trotz wohl nur ein Einzelstück bleibt: Er steht damit für einen Ausweg aus der Sackgasse, in die das Auto gerade fährt - glaubt zumindest der Kölner Design-Professor Paolo Tumminelli: Der Restomod sei die ultimativ postmoderne Antwort auf die Intoleranz vieler Autoliebhaber für die Absurdität gegenwärtigen Automobildesigns. „Denn diese Fahrzeuggattung zeigt, dass in puncto Design viele ältere Autos den heutigen überlegen sind“, sagt der Professor.

Er schwärmt von schlanken, kompakten, funktionalen, effizienten, stilsicheren und selbsterklärenden Entwürfen. „Aber früher war nicht alles besser“, sagt er. Denn Klassiker litten unter mangelnder Leistung, weniger Sicherheit und schlechter Umweltverträglichkeit. Von neumodischen Anforderungen wie der Konnektivität ganz zu schweigen. „Da kommt das Restomodding doch gerade recht.“

© dpa-infocom, dpa:220127-99-873741/3

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren